Ersetzen Tiktok und Co. das klassische Reisebüro? Neue Studie liefert Erkenntnisse
Wo einst Kataloge und Angestellte die grosse, weite Welt versprachen, herrscht nun Leere: Die einstige Hotelplan-Filiale am Marktplatz in Zürich-Oerlikon steht seit Wochen leer. Sie ist Opfer der Branchenentwicklung, der Abwanderung der Kundschaft zu Onlinekonkurrenten und der Konsolidierung. Der deutsche Dertour-Konzern hat die einstige Migros-Reisetochter übernommen, so wie einige Jahre zuvor bereits das Traditionsunternehmen Kuoni.
Online sind es nicht nur Plattformen wie Booking oder Trivago, die locken, sondern vermehrt auch Influencer, die in wenigen Sekunden ihre persönlichen, oftmals gesponserten Traumdestinationen präsentieren. Bekanntlich scheut ein Grossteil der Generation Z die persönliche Beratung, auch wenn es sich dabei um ausgebildete Spezialisten handelt. Also geben sie den Tiktok- und Instagram-Clips den Vorzug.
Insider-Tipps statt Schnäppchen
Das Marktforschungsunternehmen Marketagent führte im Auftrag von Dertour eine repräsentative Umfrage bei 1000 Personen in der Schweiz zu diesem Thema durch. «Schweiz heute» liegen die Resultate exklusiv vor. Demnach haben sich bereits zwei Drittel der befragten Social-Media-Nutzerinnen und -Nutzer in der Schweiz über soziale Medien zu Reisezielen oder Aktivitäten vor Ort inspirieren lassen. Bei der Generation Z sind es sogar fast neun von zehn.
Mit einem Wert von 50 Prozent sind Familienmitglieder und Freunde nach wie vor die wichtigste Inspirationsquelle. Dahinter folgen Angebote von Airlines und Hotels mit 35 Prozent. Und bereits auf Rang 3 sind die Influencer mit einer Nennung von 30 Prozent aller Befragten. Bei der Gen Z spielen sie eine überdurchschnittlich grosse Rolle.
Laut der Dertour-Studie geht es auf Tiktok, Instagram und Co. derweil weniger um die Schnäppchenjagd, als vielmehr um das Entdecken: Fast die Hälfte der Social-Media-Nutzenden sucht in der digitalen Welt Geheimtipps und weniger bekannte Orte. Es muss also nicht unbedingt das bekannteste Hotel mit Sicht auf den Eiffelturm sein, sondern lieber das schmucke Boutique-Bed-and-Breakfast in Montmartre. Nicht das Michelin-Restaurant im Zentrum Londons, sondern die angesagteste Pop-up-Pizzeria etwas ausserhalb der Metropole.
Bei 45 Prozent der befragten Social-Media-Nutzenden steigt das Interesse, wenn auf den Online-Plattformen eine Destination stark im Trend liegt. Jedoch zeigt sich auch hier der Generationengraben: Bei der Gen Z sind 62 Prozent, bei den Babyboomern nur 21 Prozent. Doch es gibt auch den gegenläufigen Effekt bei einem Social-Media-Haype: Bei mittlerweile 28 Prozent sinkt das Interesse gar. Die Overtourism-Thematik lässt grüssen.
Die Fehler des KI-Reiseplans
Dertour-Schweiz-Chefin Stephanie Schulze zur Wiesch macht in einem «Blick»-Interview allerdings deutlich, dass online trotz Hochglanz-Videos und strahlenden Gesichtern der Influencer nicht alles Gold ist, was glänzt. Zwar würden Tiktok und Instagram mehr Neukunden ins Reisebüro bringen, «aber immer mehr Kunden kommen mit einem von einer KI erstellten Reiseplan zu uns, um diesen von uns überprüfen zu lassen».
Oftmals seien diese nicht bis ins Detail durchdacht und die Preise völlig unrealistisch, sagt Schulze zur Wiesch. Für sie ist deshalb klar, dass es auch in Zukunft die persönliche Beratung in den Filialen braucht.
Anfang Jahr zählte Dertour in der Schweiz 137 Filialen, jetzt sind es noch 124. «Damit hat es sich fürs Erste», sagt Schulze zur Wiesch. Aber: «Am Ende entscheidet über einen weiteren Abbau die Nachfrage der Kundinnen und Kunden.» Man überprüfe fortlaufend, ob die Filialen wirtschaftlich Sinn ergeben. (schweizheute.ch)

