Schweiz
Social Media

Kritik an Jugendpsychiatrie am Unispital Lausanne – Berichte auf TikTok

L'Uhpa du Chuv fait face à plusieurs témoignages accablants diffusés sur un compte TikTok. La direction se dit surprise.
Mehrere Betroffene, die in der Jugendpsychiatrie des Universitätsspitals Lausanne hospitalisiert waren, berichten von schwierigen Erfahrungen.
Collage: watson

«Schockierende Berichte»: Jugendliche prangern Unispital Lausanne an

Die Berichte auf einem TikTok-Kanal zeichnen ein düsteres Bild einer psychiatrischen Abteilung in der Krise. Das Universitätsspital Lausanne zeigt sich von den Vorwürfen «sehr betroffen» – und verteidigt sich.
Cet article est également disponible en français. Lisez-le maintenant!
02.10.2026, 15:1002.10.2026, 16:46
Sven Papaux

«Ich war innerhalb eines Jahres achtmal hospitalisiert», beginnt Julie*, eine der beiden jungen Frauen hinter dem TikTok-Account temoignage.chuv. Und danach nimmt sie kein Blatt vor den Mund:

«Es gibt mehr inkompetente als kompetente Pflegefachpersonen.»
Julie

Der Account entstand im Januar. Julie wollte lediglich «darüber sprechen», was sie in der Abteilung für Kinder- und Jugendpsychiatrie (UHPA) des Universitätsspitals Lausanne (CHUV) erlebt hatte. «Wir hätten nicht gedacht, dass das so gut ankommt», räumt sie ein. Die Anfragen häuften sich, bevor sie im Sommer nachliessen. Doch zu Beginn, sagt sie, «hörte mein Telefon nicht auf zu klingeln».

Übersetzung

Dieser Text wurde von unseren Kolleginnen und Kollegen aus der Romandie geschrieben, wir haben ihn für euch übersetzt.

Das Format ist fast immer dasselbe: eine lange WhatsApp-Nachricht, aufgeteilt und unverändert veröffentlicht. Manchmal ist es ein Bericht vor der Kamera, teils mit verdecktem Gesicht. Einige Videos wurden mehr als 50’000-mal aufgerufen, das meistgesehene mehr als 120’000-mal. Der Account zählt derzeit 1213 Follower und fast 13’000 Likes. 19 Erfahrungsberichte finden sich dort aktuell, die sich mehrheitlich kritisch mit der UHPA auseinandersetzen.

Nicht alle werden veröffentlicht, wie Julie erklärt:

«Ich habe viele sehr schockierende Berichte erhalten. Ich konnte sie nicht veröffentlichen, weil ein Verfahren lief.»
Julie

An ihrer Seite ist die minderjährige Laurence*. Sie verbrachte knapp eine Woche in der UHPA und war zur selben Zeit hospitalisiert wie Julie. Dort lernten sich die beiden kennen und kamen auf die Idee, einen Account zu lancieren. Von ihrem Aufenthalt habe Laurence «eine Angst vor Spitälern» zurückbehalten, sagt sie. Geprägt hätten sie Szenen, in denen sich junge Patientinnen selbst verletzten, sowie die eigenen Narben, wie ihre Mutter berichtet.

Diese erfuhr übrigens erst später von der Veröffentlichung auf TikTok: «Meine Tochter sagte mir erst im Nachhinein, dass sie auf diesem Account über ihre Erlebnisse berichtet hatte», erklärt sie uns.

Fehlende Kontrolle

Auf den Aufenthalt ihrer Tochter in der UHPA angesprochen, beginnt die Mutter allerdings mit einer positiven Anekdote: «Wir wurden in der Einrichtung sehr gut empfangen. Alles wurde gut erklärt, es gab klare Regeln, insbesondere was die Unterbrechung der Handynutzung betraf.» Sie habe sich deshalb zunächst «gut aufgehoben» gefühlt. Doch dieses Gefühl schwand nach und nach.

Zunächst ging es um die Besuche. Sie wunderte sich darüber, dass zahlreiche Freunde ihrer Tochter im Spital ein- und ausgingen, ohne dass das Personal die Personen überprüfte.

«Nichts wurde kontrolliert. Natürlich ist das kein Gefängnis. Aber wenn es Jugendlichen schlecht geht, scheint es mir sinnvoll, gewisse (äusserliche, Anm. d. Red.) Einflüsse zu unterbrechen.»

Dann stellte sich heraus, dass ihre Tochter ihr Handy offenbar Tag und Nacht behalten hatte – trotz der Regeln, die das CHUV zu Beginn kommuniziert hatte. «Ich habe das beim Pflegepersonal angesprochen. Dort wusste man nichts davon und erklärte mir sogar, sie müsse sie ausgetrickst haben, um es zu benutzen. Das war ihre Verteidigung», sagt sie. Eine Selbstkritik habe es danach scheinbar nicht gegeben. Sie ergänzt:

«Mein Mann und ich fühlten uns kaum gehört. Ich weiss, dass das CHUV tut, was es kann. Aber manche sollten meiner Meinung nach den Beruf wechseln, wenn sie nicht mit der Sorge der Eltern umgehen können.»
Anlaufstellen für Opfer von Mobbing im Internet
Falls du Opfer von Mobbing im Internet bist oder jemanden kennst, der oder die Opfer von Mobbing im Internet sein könnte, bieten sich folgende erste Anlaufstellen an: Die Dargebotene Hand oder die Fachstelle Mobbing. Sind Jugendliche oder Kinder von Mobbing im Internet betroffen, gibt es die Möglichkeit, sich an Pro Juventute zu wenden oder die Elternberatung.

Ihre Bilanz fällt eindeutig aus: «Wenn ich alles gegeneinander abwäge, wäre meine Tochter zu Hause besser aufgehoben gewesen. Ich hatte den Eindruck, dass es ihr beim Austritt noch schlechter ging als bei der Einweisung.» Sie kommt zum unmissverständlichen Schluss:

«Wenn es meiner Tochter heute schlechter gehen würde, würde ich sie nicht mehr dorthin bringen.»
Mutter von Laurence

Mehr will die Mutter nicht erzählen – aus Angst, dass ihre Tochter identifiziert werden könnte.

Belastende Berichte

Laurence und ihre Mutter sind mit diesem Gefühl nicht allein. Auch Julie hat ihre wiederholten Aufenthalte schlecht erlebt. «Nach meinen Hospitalisierungen ging es mir psychisch schlechter», sagt sie und fährt fort:

«Heute würde ich sagen, dass ich eine Hospitalisierung nötiger habe als vor meinen Aufenthalten.»
Julie

Unter den 19 auf dem Account veröffentlichten Berichten finden sich Schilderungen noch schwerwiegenderer Situationen. Eine junge Patientin bezeichnet ihren Aufenthalt in der UHPA als «schlimmste Erfahrung» ihres Lebens: In einer akuten Krise und während eines Krampfanfalls sei sie sich selbst überlassen worden. In einem anderen Bericht heisst es, ein Pfleger habe statt einzugreifen zuerst seine Mahlzeit beendet, während eine Patientin heftig ihren Kopf anstiess.

Auf den Vorfall mit den Krämpfen angesprochen, erklärt das CHUV, es könne sich nicht zu Einzelfällen äussern. «Ich würde niemals sagen, dass eine Patientin oder ein Patient nicht die Wahrheit sagt. Wir müssen in jedem Fall berücksichtigen, wie unsere Patientinnen und Patienten etwas erlebt haben», sagt Kerstin von Plessen, Leiterin der Psychiatrischen Dienste für Kinder und Jugendliche. Sie empfängt uns an einem Septembertag in ihrem Büro im Spital Cery.

Aus der Vielzahl der Beschwerden – von traumatischen Erfahrungen bis hin zu unterbesetztem Personal – zeichnet sich ein gemeinsamer Nenner ab: Die jungen Menschen, die ihre Erlebnisse schildern, haben das Gefühl, zu wenig Aufmerksamkeit erhalten zu haben. Ihren Berichten zufolge grenzte dies teilweise an Verachtung.

Das CHUV stellt sich der Kritik

Das CHUV wusste von dem TikTok-Account, und Kerstin von Plessen versucht nicht, die Kritik herunterzuspielen: «Es ist wichtig, gleich zu Beginn zu sagen, dass uns diese Berichte sehr berühren und auch unsere Behandlungsteams davon betroffen sind.»

«Ich hoffe, dass die beiden Gründerinnen bereit sind, sich einzubringen und direkt mit uns auszutauschen.»

Unter einem Video des Accounts wurde ein offizieller Kommentar veröffentlicht, der auf die spitaleigene Schlichtungsstelle für Patienten, Angehörige und Fachpersonen hinweist.

Die Spitalleitung hat sich allerdings entschieden, die Gründerinnen des Accounts nicht direkt zu kontaktieren. «Wir haben uns dafür entschieden, um ihr Vorgehen zu respektieren und keinen Druck auszuüben. Mit diesem Kommentar zeigen wir, dass unsere Tür offensteht», erklärt Kerstin von Plessen. Dann sagt sie:

«Der Gedanke, dass Jugendliche, die bei uns in die Behandlung gekommen sind, gewisse Momente als verletzend oder schlimmer erlebt haben könnten, ist für mich sehr schwer zu hören.»

Sie spricht von der Pflicht, die Behandlung «gemeinsam mit diesen Jugendlichen besser zu gestalten, damit sich jede und jeder gehört fühlt».

Bleibt die schwierigere Frage, die über der UHPA schwebt: Ist das Personal überfordert? «Warum achten sie nicht stärker darauf, wen sie einstellen?», fragt Julie am Telefon, bevor sie verdeutlicht:

«Es gibt viel mehr inkompetente als kompetente Pflegefachpersonen.»
Julie

Kerstin von Plessen bestreitet die Schwierigkeiten nicht, relativiert sie aber: «Im Alltag einer Abteilung gibt es ruhige und unruhigere Phasen. Manche Patientinnen und Patienten beanspruchen uns wenig, andere erleben Krisen, die das Team stark fordern. Es gibt Spitzenzeiten. Wenn das passiert, können einige hospitalisierte Jugendliche das Gefühl haben, vernachlässigt zu werden.»

Kerstin von Plessen, cheffe du Service universitaire de psychiatrie de l’enfant et de l’adolescent (Supea), dirigera également le Département de psychiatrie du Chuv, s'interroge sur les témoi ...
Kerstin von Plessen, Leiterin der Psychiatrischen Dienste für Kinder und Jugendliche (SUPEA) am Universitätsspital Lausanne.Bild: © Chuv

Sie spricht von einer Fluktuation von zehn Prozent in der Kinder- und Jugendpsychiatrie sowie vom gelegentlichen Einsatz temporärer Mitarbeitender, «die die Abteilung und die Jugendlichen zwangsläufig weniger gut kennen als jene Teams, die seit Jahren dort arbeiten». Von einem Personalmangel will sie jedoch nicht sprechen:

«Wie viele andere Abteilungen sind wir punktuell mit angespannten Situationen konfrontiert.»
Kerstin von Plessen

Auch die Zusammensetzung der Patientinnen und Patienten habe sich verändert, fügt sie hinzu: Mittlerweile gebe es mehr junge Frauen. Auch die Sensibilität der Jugendlichen habe generell zugenommen – die Nachwirkungen der Corona-Pandemie hätten Spuren hinterlassen. «Jugendliche reagieren sensibel auf Gesten und Rückmeldungen. Heute versuchen wir, für jede und jeden einen passenden Rahmen zu finden.»

Der Dialog kommt nicht zustande

Die psychiatrischen Abteilungen des CHUV versuchen seit zwei Jahren, junge Patientinnen und Patienten in verschiedene Projekte einzubeziehen, um ihre Erfahrungen während der Behandlung besser zu verstehen und zu erfassen. Bislang mit wenig Erfolg. «Das beschäftigt uns. Wir haben spezielle Räume für den Austausch», erklärt die Psychiaterin.

Auf unsere Nachfrage sagen die beiden Gründerinnen des Accounts, sie hätten noch nie von diesen Projekten gehört. Kerstin von Plessen räumt ein:

«Wir haben noch nicht die richtigen Kanäle gefunden, um den Dialog aufzunehmen, aber wir arbeiten daran.»
Kerstin von Plessen

Sie wolle diese Jugendlichen verstehen, «die sich im Stich gelassen fühlten». Gleichzeitig relativiert sie die Tragweite der Berichte. Diese beträfen nur einen «kleinen Prozentsatz», einige lägen zudem mehrere Jahre zurück.

«Wir können nicht ausschliessen, dass gewisse Handlungen missverstanden wurden. Diese Jugendlichen befinden sich in Momenten grosser Verletzlichkeit: Was uns banal erscheint, kann von einem leidenden jungen Menschen ganz anders erlebt werden. Es liegt an uns, daran zu arbeiten und die Dinge zu verbessern.»

Gleichzeitig erinnert sie daran: «Man darf nicht vergessen, dass Jugendliche diese Abteilung auch sehr zufrieden verlassen haben.»

Auf Anfrage verweist das Waadtländer Departement für Gesundheit und Soziales (DSAS) auf die Verantwortung des CHUV: «Es liegt in der Verantwortung des Spitals, den Dialog mit Patientinnen und Patienten zu suchen, die ihre Unzufriedenheit äussern.» Das Departement ergänzt, strukturelle Probleme würden ihm von der Leitung des CHUV ohnehin systematisch gemeldet.

*Vornamen geändert.

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