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Ankunft von dringend benoetigten Schutzmasken mit Filter zur Vorbeugung einer Infektion mit dem CoronaVirus COVID-19 in einer Apotheke in Stabio, am Mittwoch, 26. Februar 2020. (KEYSTONE/Ti-Press/Davide Agosta)

Schutzmasken sind praktisch ausverkauft, zum Leidwesen jener, die beruflich darauf angewiesen sind. Bild: Ti-PRESS

Analyse

Panikmache oder Verharmlosung? Der schwierige Umgang mit dem Coronavirus

Das Coronavirus hat die Schweiz erreicht. Der Bundesrat greift zu drastischen Massnahmen und verbietet für mindestens zwei Wochen alle Grossveranstaltungen. Der Umgang mit der Epidemie ist eine Gratwanderung.



Alain Berset ist normalerweise kein Fall für den Panikmodus. Auch am Freitag bemühte sich der Gesundheitsminister vor den Medien um Gelassenheit, als er eine drastische Massnahme verkündete: Wegen der Ausbreitung des neuartigen Coronavirus verbietet der Bundesrat alle Grossveranstaltungen in der Schweiz mit über 1000 Besuchern bis mindestens 15. März.

Damit fallen mit der Basler Fasnacht und dem Genfer Auto-Salon zwei der bekanntesten und meistbesuchten Anlässe der Schweiz ins Wasser. Sportereignisse finden ohne Publikum statt oder stehen zur Disposition. Der Engadin Skimarathon wurde abgesagt.

Leere Autobahnen an einem Autofreien Sonntag im November/Dezember 1973 in der Schweiz. Wegen der unsicheren Versorgungslage auf dem Erdoelmarkt erlaesst der Bundesrat am 21. November 1973 ein Autofahrverbot fuer drei Sonntage und beschliesst eine voruebergehende Kontingentierung des Treibstoffs.   (KEYSTONE/STR)

Ende 1973 verhängte der Bundesrat ein Autofahrverbot an drei Sonntagen. Bild: KEYSTONE

Die letzte Massnahme ähnlicher Art waren die drei autofreien Sonntage, die der Bundesrat Ende 1973 wegen der damaligen Ölkrise angeordnet hatte. Ich kann mich noch knapp daran erinnern. Seither gab es nichts dergleichen. Nicht einmal die Sars-Epidemie 2003 hatte derart weitreichende Folgen, und das Coronavirus gilt als weniger schlimm.

BAG in der Kritik

Geht das Verbot also zu weit? Die Zahl der infizierten Personen in der Schweiz ist überschaubar. Von einer Epidemie könne (noch) keine Rede sein, betonte der Immunologe Beda Stadler im Interview mit watson. Dennoch unterstützt er die Massnahme: «Der Druck auf den Bund war so gross, dass er einen Schritt weiter gehen musste.»

Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) stand in den letzten Tagen in der Kritik. Tatsächlich wurde man den Eindruck nie ganz los, dass die Experten des Bundes den Verlauf einer Krankheit unterschätzt haben, die sich durch das systembedingte Versagen der Behörden in der chinesischen Millionenstadt Wuhan über den ganzen Erdball ausbreiten konnte.

Stadler aber bescheinigt dem BAG eine gute Arbeit. In der Bevölkerung ist von Panik kaum etwas zu spüren. Allerdings gab es einen Run auf Desinfektionsmittel und vor allem auf Gesichtsmasken. Sie sind vielerorts ausverkauft. Leidtragende sind Bauarbeiter und Hühnerzüchter, die diese Masken aus beruflichen Gründen (Schutz vor Staub) brauchen und nun vor leeren Regalen stehen.

Das Coronavirus breitet sich aus

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Das Coronavirus breitet sich aus (Ende Februar)
quelle: keystone / anthony anex
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Für zusätzliche Verunsicherung sorgt die Tatsache, dass Exponenten der Wissenschaft sich über den richtigen Umgang mit dem Virus nicht einig sind. Den «Gegenpol» zu Beda Stadler bildet der Epidemienforscher Christian Althaus von der Universität Bern. Er warf dem BAG in einem NZZ-Interview vom Mittwoch Verharmlosung und die Verbreitung von «Falschinformationen» vor.

Umstrittene Sterblichkeit

Es habe keinen Sinn, Panik zu verbreiten, meinte Althaus: «Man muss jetzt nicht die halbe Schweiz unter Quarantäne stellen.» Man müsse aber mit einer globalen Pandemie rechnen. «Und die Sterblichkeit ist höchstwahrscheinlich massiv höher als bei einer saisonalen Grippe.»

Gerade dieser Punkt aber ist umstritten. Für die meisten Experten entspricht die Sterberate bei der Lungenkrankheit Covid-19 in etwa jener einer «gewöhnlichen» Grippe. Allerdings scheint die Ansteckung einfacher zu erfolgen. Bei einem neuartigen Virus, gegen das kein Impfstoff und keine körpereigene Abwehr existiert, erstaunt dies wenig.

Was ist mit dem öV?

Man darf die Gefahr nicht unterschätzen. Dennoch wirkt das vom Bundesrat erlassene Totalverbot übertrieben. Die wohl grösste «Virenschleuder» ist der öffentliche Verkehr, in dem die Menschen zu Stosszeiten dicht an dicht sitzen und stehen. Solange Züge, Trams und Busse verkehren, ist die Absage von Fasnacht oder Fussballspielen fragwürdig.

Dieser Arzt sagt dir, was jetzt in Sachen Coronavirus gilt

Bersets Behauptung, die Menschen hätten im öV mehr Bewegungsfreiheit und könnten sich besser schützen, überzeugt hinten und vorne nicht. Züge und Busse stehen nur deshalb nicht still, weil die Auswirkungen auf die Schweizer Wirtschaft massiv wären. Jene, die durch den Ausfall der Grossveranstaltungen entstehen, kann man zumindest aus Sicht der Allgemeinheit eher verkraften.

Das Risiko verlernt

Panikmache oder Verharmlosung? Der Umgang mit dem Coronavirus bleibt schwierig. «Pandemien sind eine der grössten Gefahren für unsere Gesellschaft, grösser wohl als Terrorismus oder Krieg», meint Epidemienforscher Christian Althaus. Damit legt er den Finger auf den wunden Punkt: Wir sind uns dieses Risikos viel zu wenig bewusst.

Der medizinische Fortschritt ist ein Segen für die Menschheit. Krankheiten, die für unsere Vorfahren den praktisch sicheren Tod bedeuteten, haben für uns ihren Schrecken verloren. Damit aber verlieren wir auch die Sensibilität für diese Art der Gefährdung.

Wie also umgehen mit dem Coronavirus? Mit gesundem Menschenverstand. Unnötige Körperkontakte vermeiden, sich an Hygieneempfehlungen halten, bei Grippesymptomen zu Hause bleiben – eigentlich eine Selbstverständlichkeit – und telefonisch die BAG-Hotline oder den Arzt konsultieren. Und einfach die Ruhe bewahren.

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