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Corona-Antikörpertests nehmen auch in der Schweiz zu – doch sie haben ein Problem

Wer es sich leisten kann und will, lässt sich in Amerika die Corona- Antikörper gegen Sars-CoV-2 messen. Diesen Trend gibt es auch in der Schweiz. Doch die Testresultate können trügen.
08.10.2021, 06:26
Annika Bangerter, Mitarbeit Sabine Kuster / ch media
Ein Piecks genügt - danach wird das Blut auf Antikörper gegen Corona untersucht. Aber die Zahl der Antikörper ist kein verlässlicher Schutz.
Ein Piecks genügt - danach wird das Blut auf Antikörper gegen Corona untersucht. Aber die Zahl der Antikörper ist kein verlässlicher Schutz.
Bild: Shutterstock

Die täglichen Schritte zählen, seine Schlafqualität analysieren, den Blutzucker bestimmen: Die Selbstüberwachung der eigenen Gesundheit ist weit verbreitet. Nun hat die Pandemie einen neuen Messwert lanciert: die Zahl der Antikörper gegen das Coronavirus. Wie die «New York Times» berichtet, lassen in den USA Menschen aus wohlhabenden Kreisen regelmässig ihren Antikörperspiegel testen.

Etwa in der Upper East Side: Dort krempeln Menschen besonders häufig ihre Ärmel hoch, um sich Blut entnehmen zu lassen und kurz darauf die aktuelle Anzahl der Antikörper zu erfahren. Eine New Yorkerin sagte gegenüber der Zeitung:

«Es fühlt sich fast an wie Kalorienzählen»

An der Westküste, im glamourösen Beverly Hills, wurde gar ein Drive-through für Antikörpertests eingerichtet. Dort heisst es: Scheibe runter, Finger raus, ein kurzer Piks – that’s it. Das zieht offenbar. Seine Teststelle sei gut besucht, gibt der Betreiber an.

Laut einem Arzt, der in einer Privatklinik in Kalifornien arbeitet, ist es zum Trend geworden, den eigenen Antikörperspiegel zu kennen. Wer nur noch wenige Antikörper habe, würde das Verhalten entsprechend anpassen oder sich womöglich eine Booster-Impfung besorgen. Letzteres sehen die amerikanischen Behörden zwar wie in der Schweiz nur für Immunsupprimierte vor. Dennoch gibt es gemäss «New York Times» Hinweise darauf, dass bereits über eine Million US-Bürgerinnen und Bürger zum dritten Mal eine Impfung erhalten haben.

Die Nachfrage steigt auch in der Schweiz deutlich

Und in der Schweiz? Hier gibt es zwei Möglichkeiten, seine Antikörper testen zu lassen: Entweder lässt man sich in einer Arztpraxis an einer Vene Blut abnehmen oder man lässt sich in einer Apotheke für einige Tropfen Blut in die Fingerkuppe piksen. In der Schweiz kostet das je nach Anbieter und Labor 50 bis 100 Franken. Da die Tests selber bezahlt werden müssen, kennt der Branchenverband Pharmasuisse die Verkaufszahlen der Apotheken nicht.

Das Bedürfnis, seine Antikörper zu kennen, nimmt aber auch in der Schweiz zu. Sei dies, weil man sich um seine Gesundheit sorgt oder weil man als Genesene nachträglich beweisen will, dass man nur eine Impfung benötigt, um das Zertifikat zu erhalten.

Die meisten wollen noch immer wissen, ob sie schon infiziert waren

Laut dem grossen medizinischen Labor Dr. Risch machen die meisten Privatpersonen den Test aber nach wie vor, um festzustellen, ob eine Sars-Cov-2-Infektion allenfalls unbemerkt abgelaufen ist. «Die Motivation zu wissen, inwiefern nach der Impfung eine Immunantwort erworben worden ist, ist zweitrangig», so Kommunikationsbeauftragter Manuel Hug von Dr. Risch.

Die Nachfrage ist über die letzten Monate angestiegen: «Die Antikörpertests haben sich nach den Sommerferien im Vergleich mit der Zeit davor rund verdoppelt», sagt Hug.

In den meisten ­Fällen handelt es sich um sogenannte Selbstzahlerleistungen, also einen Beweggrund für einen Antikörpertest, bei dem die Krankenkassen nicht bezahlen. Die Tests würden selten wiederholt, dies sei eher bei Antikörpertestungen im Rahmen von Studien der Fall.

Auch bei einem anderen grossen Diagnostikunternehmen, Unilabs, hat seit Januar die Nachfrage nach diesen Tests langsam aber stetig zugenommen. Im Frühsommer habe die Nachfrage dann richtig Fahrt aufgenommen und sich seither fast verdreifacht, heisst es dort.

In den Labors wird das Blut auf die Antikörper gegen das Spike-Protein untersucht – diese werden sowohl durch den mRNA-Impfstoff produziert als auch durch eine Infektion, können aber unterschieden werden.

Bei den Testresultaten gibt es kein sicheres Niveau

Christoph T. Berger, Immunologe, Universitätsspital Basel.
Christoph T. Berger, Immunologe, Universitätsspital Basel.

An Christoph T. Berger, Immunologe und Leiter der Impfsprechstunde am Universitätsspital Basel, wenden sich vermehrt verunsicherte Personen, die entweder schon jetzt eine Booster-Impfung wollen oder sich aufgrund ihrer natürlichen Antikörper von der durchgemachten Covid-19-Krankheit gerade noch nicht impfen lassen wollen.

Doch das Resultat der Tests kann trügen: Wer Antikörper gegen das Coronavirus hat, ist nicht automatisch vor einer erneuten Infektion geschützt. Ein solcher Richtwert fehlt bislang.

«Diese Tests erlauben mit dem aktuellen Wissensstand keine Aussage über den Schutz vor einer Reinfektion.»

Das sagte Berger kürzlich gegenüber dieser Zeitung. «Sie messen weder die Gedächtniszellen, noch sagen sie etwas über die Funktion der Antikörper aus – also wie gut oder schlecht diese das Virus bekämpfen.»

Genesene erhalten deshalb nur dann ein Zertifikat für ein ganzes Jahr, wenn sie sich zusätzlich einmal impfen lassen. Nebst dem unsicheren Schutz ist laut dem Bundesamt für Gesundheit ein weiterer Grund «die fehlende generelle Vergleichbarkeit und Validierung der unterschiedlichen auf dem Markt verfügbaren serologischen Tests».

Um zu wissen, ob es überhaupt eine Immunreaktion gab, macht der Test Sinn

Deshalb empfiehlt die Behörde diese Tests nur bestimmten Personengruppen – etwa immunsupprimierten Menschen mit einer Organtransplantation oder nach einer Chemotherapie. Deren Immunsystem reagiert auf die Impfungen oft schlechter. Der Antikörpertest sei bei ihnen sinnvoll, um in Erfahrung zu bringen, ob das Immunsystem überhaupt auf die Covid-Impfung reagiert hat. Eine dritte Impfung von diesen Patientinnen und Patienten sei deshalb nicht mit einem Booster zu verwechseln. «Sie dient dazu, dass sie doch noch eine Immunantwort aufbauen», sagt Berger.

In solch speziellen Fällen wird manchmal mit einem anderen Test auch die zelluläre Immunantwort geprüft. Diese klärt mehrheitlich das Labor ADR-AC in Bern ab. Dafür wird die Anwesenheit von Covid-19-spezifischen T- und B-Lymphozyten, den Gedächtniszellen, analysiert. Ein solcher Test kostet satte 470 Franken. Für manche Personen kein Hindernis: Laut Laborchef Daniel Yerly bekommt ADR-AC inzwischen viele Anfragen von Leuten, deren Immunsystem gesund ist.

Infektion kann noch lange nachgewiesen werden

Teuer ist der Test mit den Gedächtniszellen, weil während einer Woche Zellkulturen angelegt werden müssen und er nicht automatisiert werden kann. Der Test kann eine Infektion mit dem Coronavirus auch noch vom Anfang der Pandemie feststellen – Antikörper verschwinden hingegen oft nach drei bis sechs Monaten. «Doch ob die Person deswegen genug geschützt ist, kann auch dieser Test nicht sagen», so Daniel Yerly. Er belegt lediglich den Kontakt mit dem Virus.

Über den grossflächigen Einsatz von Antikörpertests zeigen sich Fachleute besorgt. Wer diese bewerbe, werbe nicht im Namen der Wissenschaft, hält ein Bioethikprofessor auch gegenüber der «New York Times» fest. Im Gegenteil: Damit würden die Menschen einem Risiko ausgesetzt, weil sie sich womöglich in falscher Sicherheit wiegen. (bzbasel.ch)

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Das Coronavirus in der Schweiz – eine Chronologie

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quelle: keystone
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