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Wieder ein Walliser an der FIFA-Spitze? Gianni Infantino kandidiert für das Präsidium. 
Bild: RUBEN SPRICH/REUTERS

Die heimliche Sport-Grossmacht Schweiz 

Ein neuer Fussball-Sonnenkönig aus der Schweiz? Das wäre eigentlich logisch. Die Schweiz hat sportpolitisch Weltgeltung.
28.10.2015, 18:0529.10.2015, 08:31

Die europäischen Fussball-Nationen schicken Gianni Infantino ins Rennen um die Nachfolge von Fussball-Sonnenkönig Sepp Blatter. Ein Schweizer geht – und möglicherweise wird er durch einen Schweizer ersetzt. Ein Zufall? Ein Kuriosum? Nein. Wieder einmal zeigt sich: Noch ist die Schweiz ein heimliches globales Sport-Imperium. In keinem anderen Bereich haben wir weltweit nach wie vor so viel Macht wie im Sport. Der Sportplatz Schweiz hat eine grössere Bedeutung als der Werk- und Finanzplatz Schweiz.

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Möglicherweise thront in der FIFA nach Sepp Blatter schon bald ein anderer Walliser. 
Bild: Ruben Sprich/REUTERS

Wir neigen in der Schweiz noch immer dazu, die Bedeutung des Sportes zu unterschätzen. Auch deshalb, weil unsere erfolgreichen internationalen Sportpolitiker den «Heimmarkt» vernachlässigen. Sie sind weltweit und im Sport-Business bestens vernetzt – aber in der helvetischen Politik haben sie weniger Einfluss als die Bienenzüchter. Wer in New York, Moskau, London, Peking und Pretoria ein und ausgeht, mag halt nicht in Bundesbern antichambrieren.

Wie wenig die Sportpolitiker in unserem Land geschätzt werden, zeigt sich an einem Detail: alle Länder statten ihre IOC-Mitglieder mit Diplomatenpässen aus. Nur die Schweiz nicht. Dabei hat die Schweiz im IOC, der Weltregierung des Sportes, fünf Mitglieder. Mehr als jedes andere Land. Mehr als die Deutschen, die Amerikaner, die Russen und die Chinesen.

Der Vatikan des Weltsportes

Unsere Sportpolitiker haben dafür ausserhalb der Landesgrenzen mehr Einfluss als jeder Bundesrat. Die Mächtigen des Sports verfügen über eine eigene Gerichtsbarkeit, regieren über Landes- und Religionsgrenzen hinweg, verschieben Milliarden rund um den Globus und dominieren die TV-Kanäle nach Belieben. Die Titanen des Sports haben heute mehr Strahlkraft und Macht denn je. Das Imperium des Sports ist längst eine Mischung aus Vatikan, Hollywood und Wall Street geworden. Es entzieht sich weitgehend den staatlichen Gewalten und Steuerpflichten, privatisiert die Gewinne und sozialisiert die Kosten, kümmert sich nicht um EU-Vögte und fürchtet nur noch die bissigen US-Staatsanwälte (die aber wie der Teufel das geweihte Wasser) – und wird von der Schweiz aus regiert.

30 internationale Sportverbände haben ihren Sitz in der Schweiz. So auch das Internationale Olympische Komitee in Lausanne.&nbsp;<br data-editable="remove">
30 internationale Sportverbände haben ihren Sitz in der Schweiz. So auch das Internationale Olympische Komitee in Lausanne. 
Bild: DENIS BALIBOUSE/REUTERS

Warum ist das so? Die Schweizer haben einen Standortvorteil. Die politische Stabilität, die guten Flugverbindungen, die hohe Lebensqualität und die steuerlichen Vorteile machen die Schweiz zum weltweit wichtigsten Standort für Sportorganisationen. So ist Lausanne als Sitz des IOC der Vatikan des Weltsports geworden.

Die internationalen Fachverbände suchen die Nähe dieses Epizentrums. Nicht weniger als 30 internationale Sportverbände haben ihren Sitz in der Schweiz, die meisten in und um Lausanne. Und immerhin sechs davon werden von Schweizern präsidiert. In den Kommandozentralen dieser Verbände arbeitet viel helvetisches Personal – und der Weg ganz nach oben beginnt sehr oft in der Administration. So sind Gian-Franco Kasper und Sepp Blatter ganz nach oben gekommen – und auch Sepp Blatters möglicher Nachfolger kommt aus der Administration des europäischen Kontinentalverbandes UEFA.

Das Gegenstück zu Donald Trump

Diese räumliche Nähe ist einer der Hauptgründe für die Weltgeltung der Schweizer. Ein weiterer ist das Wesen der Schweizer. Wer in unserem Sport eine Rolle spielen will, muss mehrsprachig, diskret, multikulturell und in der Lage sein, die Teutonen der Deutschschweiz und die Welschen auf seine Seite zu ziehen. Der typische Schweizer Sportpolitiker ist so ziemlich exakt und in jeder Beziehung das Gegenstück zu Donald Trump.

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Hilft Infantino der Status der Schweiz bei der Wahl zum nächsten FIFA-Präsident?  
Bild: DENIS BALIBOUSE/REUTERS

Wer andere Kulturen versteht, respektiert und um die besonderen Gepflogenheiten weiss, ist im internationalen Streben um Macht und Einfluss immer erfolgreicher als jene, die in einer Monokultur aufgewachsen sind wie die etwa die Amerikaner, die Russen oder die Chinesen. Auch dafür ist Gianni Infantino ein gutes Beispiel. Er spricht sechs Sprachen. Schliesslich und endlich hilft den Schweizern der Status unseres Landes als neutraler Kleinstaat. Sehr oft ist den Grossen ein Schweizer in einer Spitzenposition lieber als einer aus einem anderen, konkurrierenden mächtigen Land.

Der Werk- und Finanzplatz Schweiz ist im 21. Jahrhundert in Bedrängnis geraten. Muss auch der Sportplatz Schweiz in einer globalisierten Welt um seine Bedeutung bangen? Ja. Weil der vorbehaltlose Rückhalt im eigenen Land in der Politik und auch sonst oft fehlt. Gerade das klägliche Scheitern der letzten Olympiakandidatur im eigenen Land oder die Lust, mit der die eigenen globalen Sportfürsten (wie Sepp Blatter) zerpflückt werden, sind bemerkenswert. Wer will, kann dies als Götterdämmerung der Weltgeltung unserer Sportpolitiker deuten. Auch so gesehen wäre eine Wahl von Gianni Infantino zum neuen FIFA-Präsidenten von nicht zu überschätzender Wichtigkeit für den Sportplatz Schweiz.

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