DE | FR
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
Wieder einmal heisst die Endstation Deutschland – enttäuschte Schweizer nach dem Viertelfinal-Aus.
Wieder einmal heisst die Endstation Deutschland – enttäuschte Schweizer nach dem Viertelfinal-Aus.Bild: keystone
Eismeister Zaugg

Die Wahrheit über die Schweizer? Pfeffer auf den Tortelloni …

Haben die Schweizer bei der Eishockey-WM versagt oder waren sie tragische Helden? Die grosse Ratlosigkeit nach der WM in Riga.
04.06.2021, 07:0205.06.2021, 06:43

Die Sonne ist bereits hinter dem Horizont verschwunden. Die Dämmerung zieht herauf und eine Amsel singt ihr Abendlied. Zur WM-Manöverkritik trifft sich der Chronist mit einem langjährigen, meisterlichen Mannschaftssport-Trainer in der Gartenbeiz. Er ist in der Sache – nicht nur, aber auch im Eishockey – zweifelsfrei kundig.

Nun ist es so, dass der Chronist über alle die Jahre gefühlte tausendmal nicht nur von Trainern, Sportchefs oder Verwaltungsräten aufgefordert, ermahnt und ermuntert worden ist, doch nicht immer so kritisch zu sein. Mehr Respekt zeigen! Das Glas mal halb voll und nicht ständig halb leer sehen! Auch mal aufmuntern und nicht alles und jedes in Grund und Boden schreiben! Positiv denken! Konstruktiv, aufbauend und nicht mit Sarkasmus oder gar Häme kritisieren! Ich erinnere mich noch an eine Textnachricht der Mutter eines Spielers. Kurz und knapp: «Klaus ist böse.»

Nun also die Manöverkritik in der Gartenbeiz. Als die feinen Tortelloni serviert werden, sagt der Trainer, der fachkundige, zur freundlichen Bedienung: «Könnten Sie dem Herrn noch die Pfeffermühle bringen?» Auf meinen Einwand, dass ich keinen Pfeffer auf die Tortelloni wünsche, sagt er: «Doch, viel Pfeffer. Du brauchst wieder Pepp.»

Ein schmerzhaftes Bild für alle Schweizer:innen.
Ein schmerzhaftes Bild für alle Schweizer:innen.Bild: keystone

Bald weiss ich, worum es geht. Ich werde nun fachkundig belehrt, dass meine WM-Analyse viel zu positiv sei. Ob ich altersmilde geworden sei? Nach einer solchen Niederlage gegen Deutschland hätte ich früher den Rücktritt des Nationaltrainers gefordert. Und das wäre nicht einmal polemisch. Sondern richtig.

Der Trainer, der fachkundige, hat viel zu kritisieren: zu viele Linienumstellungen. Deshalb habe Timo Meier in der zweiten Turnierhälfte nicht mehr getroffen. Zu passive Spielweise – es könne doch nicht sein, dass das Schussverhältnis gegen eine eigentlich inferiore (= unterlegene) deutsche Mannschaft 22:41 und im Schlussdrittel gar 4:13 laute. Jonas Siegenthaler sei schon am ersten Gegentor mitschuldig gewesen, den hätte man in der Schlussminute nicht mehr aufs Eis schicken dürfen. Mit einem Time-Out hätte der Schwung der Deutschen in der Schlussphase gebremst werden können. Und so weiter und so fort. Der Trainer, der fachkundige, ist der Meinung, die WM sei aus eidgenössischer Sicht eine Enttäuschung gewesen.

Nichts für Nervenschwache – die Highlights des Viertelfinals:

Nun ja, das mag ja alles stimmen. Zufrieden dürfen wir nach einer Viertelfinal-Niederlage gegen Deutschland nie sein. Und es stimmt: In Riga haben wir eine grosse Chance verpasst. Es hat sich bewahrheitet: Wir waren dem WM-Titel so nah, aber eben auch so fern.

Aber es gibt eben auch eine andere Sicht der Dinge. Nur dringe ich mit meinen Argumenten nicht durch. Und etwas irritiert mich schon: der Vorwurf der Altersmilde. Den kann ich nicht auf mir sitzen lassen. Ich habe halt noch Weltmeisterschaften in den Niederungen der B-Gruppe erlebt. Mit Niederlagen gegen Holland, Polen, Japan oder Italien, getürkten Remis gegen Rumänien, um den Absturz in die C-WM zu verhindern. Zeiten, als wir an einer WM nicht einmal gegen die Deutschen spielen durften. Weil wir bei Weitem nicht erstklassig waren. Zu Testspielen gegen die Grossen kamen wir praktisch nie und wenn doch, dann waren wir völlig chancenlos. Zeiten, als unsere Stars weiter von der NHL entfernt waren als ein Knallfrosch von einer Atombombe. Zeiten, an die sich der Trainer, der fachkundige, eigentlich auch noch erinnern kann.

Wenn wir also an der WM in Riga nun auf Augenhöhe mit den Grossen spielen, wenn wir gegen die Deutschen erst nach Penaltys verlieren, dann ist es doch eine gute WM. Nur 43 Sekunden fehlten. Keine andere Hockeynation holt aus einem so begrenzten Potenzial so viel heraus. Kritik am Gesamtauftritt der Schweizer ist nach der WM 2021 Kritik auf sehr hohem Niveau. Wir sollten nicht vergessen, woher wir gekommen und welch weiten Weg wir aus den Niederungen des internationalen Eishockeys ganz nach oben gegangen sind. Und wo waren die Schweden, die uns 2013 und 2018 im Final durch Penaltys besiegt haben? Nicht im Viertelfinal und schon daheim, als wir in Riga gegen die Deutschen antraten.

Zum letzten Mal an dieser WM: Die Schweizer verlassen geknickt das Eis.
Zum letzten Mal an dieser WM: Die Schweizer verlassen geknickt das Eis.Bild: keystone
Was ist also die eidgenössische WM-Wahrheit? Ich bleibe dabei: Die Schweizer waren abstürzende Adler. Nicht abstürzende Vögelchen.

Aber ich habe als Lehre aus der WM in Riga einen guten Vorsatz für die nächste Saison gefasst: künftig so über den SCB zu berichten, dass mein Gesprächspartner – der Trainer, der fachkundige – die Pfeffermühle bei der nächsten Manöverkritik nicht mehr anfordert.

watson Eishockey auf Instagram
Selfies an den schönsten Stränden von Lombok bis Honolulu, Fotos von Quinoa-Avocado-Salaten und vegane Randen-Lauch-Smoothies – das alles findest du bei uns garantiert nicht. Dafür haben wir die besten Videos, spannendsten News und witzigsten Sprüche rund ums Eishockey.

Folge uns hier auf Instagram.
DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
twint icon
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

Diese 19 Talente gilt es an der Eishockey-WM zu beachten

1 / 21
Diese 19 Talente gilt es an der Eishockey-WM zu beachten
quelle: keystone / marcel bieri
Auf Facebook teilenAuf Twitter teilenWhatsapp sharer

Du bist ein echter Eishockey-Fan? So kriegst du das Stadion-Feeling zuhause hin.

Video: watson

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

134 Kommentare
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 24 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
Die beliebtesten Kommentare
avatar
Daniel81
04.06.2021 07:50registriert Juni 2021
Das mag ja alles stimmen mit B und C WM. Aber man muss sich schon fragen warum ein Hischier z.b gefühlt jeden Matsch mit anderen Sturmpartner spielt. Mann muss auch hinterfragen warum man die Linien nach zwei Siegen zum Start im dritten Spiel umstellt oder warum man nach dem Sieg im letzten Spiel wieder umstellt. Nennt man das "Modernes" EIshockey"?
Ich verstehe es nicht warum man Meier/Hischier getrennt hat, dass hat funktioniert, warum ändert Mann etwas das Funktioniert? Und das man nach jedem Sieg die Linien umstellt werde ich nie verstehen. An Arroganz nicht zu übertreffen.
1435
Melden
Zum Kommentar
avatar
Sir Edmund
04.06.2021 07:37registriert August 2019
Egal ob abstürzende Adler oder Vögelchen, abgestürzt sind sie. Wir wussten dass es gegen die D extrem zäh werden würde. Wenn man aber einen 2:0 Vorsprung so leichtsinnig vergibt, im PP bei 5:3 keinen macht und dann im Penalty schiessen nur einen macht (klar gehört auch Glück dazu, 1 Schuss ging an den Stock vom Goali), dann sind waren wir eben nicht nah am WM Titel sondern einfach solid in den 1/4 Finals ausgeschieden. Alle Teams werden stärker, nicht nur die CH.
1090
Melden
Zum Kommentar
avatar
josoko
04.06.2021 07:28registriert Januar 2021
Der Trainerstaff hätte in den brenzligen Situationen besser coachen müssen. Es wäre ihr Job gewesen den Spielern zu vermitteln: "Wenn ihr jetzt nicht eine Schippe drauflegt, kriegen wir einen Tritt in den Hintern." Das ist der Unterschied zu Deutschland. Die haben ihren Job erledigt.
882
Melden
Zum Kommentar
134
Die 7 wichtigsten Fragen zum Schach-Zoff Carlsen vs. Niemann
Schach kommt nur selten aus seiner Randsport-Nische heraus. Doch aktuell ist das Brettspiel in aller Munde – weil der Weltmeister einem Emporkömmling vorwirft, ein Betrüger zu sein.

Der 19-jährige Amerikaner Hans Niemann ist beinahe kometenhaft in die Schach-Spitze vorgestossen. Er gilt als schräger Typ, als Sonderling, aber wegen seines rasanten Aufstiegs auch als Wunderkind. Er ist die aktuelle Nummer 41 der Welt.

Zur Story