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Eismeister Zaugg

Ach, die Bieler wären Meister, wenn sie die Zeit anhalten könnten...

Biels Toni Rajala, links, und Jere Sallinen feirn den Treffer zum 2-3 im Eishockey Qualifikationsspiel der National League zwischen dem EHC Biel und den SC Rapperswil Jona Lakers, am Freitag, 4. Novem ...
Die Bieler-Spieler durften sich zuletzt über einen Sieg gegen die Lakers freuen.Bild: keystone
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Ach, die Bieler wären Meister, wenn sie die Zeit anhalten könnten...

Darf während der Qualifikation im Spätherbst das Wort «Weltklasse» verwendet werden? Ja, in diesem Fall schon. Ein grosses Biel fegt die starken, aber von den Hockeygöttern verlassenen Lakers vom Eis (5:4). Es gibt dazu einen interessanten Vergleich mit... dem Kantonsrivalen SC Bern.
05.11.2022, 14:29
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Biel, die grosse Spektakelmaschine. 0:2, 1:3 und 2:4 geraten die Bieler in Rückstand. Na und? Sie ziehen einfach ihr Spiel durch, brausen über einen starken Gegner hinweg und gewinnen am Ende doch 5:4. Ein berauschender Sieg. Und für die Lakers eine bittere Niederlage: Melvin Nyffeler fehlt, der tapfere Robin Meyer kann nicht ganz in seinen Schuhen stehen und nur 82,76 Prozent der Pucks abwehren. Hätte Biel auch gegen Melvin Nyffeler fünf Treffer erzielt? Wir wollen nicht grübeln.

Biel zelebriert modernes Spektakelhockey ohne neutrale Zone. Das alte Erfolgsrezept: Den Gegner durch schlaues Positionsspiel in der neutralen Zone stoppen («eine Falle stellen») und zügig kontern. Nun wird das Gebiet zwischen den beiden blauen Linien zu einem «leeren Raum», zur reinen Durchgangszone: Entweder gelingt es, in der gegnerischen Zone den Puck durch Druck auf den scheibenführenden Spieler zu erobern oder die gegnerischen Angriffe werden erst an der eigenen blauen Linie aufgefangen. Der Konter kommt so aus der Tiefe des Raumes. Mit einem, zwei, höchstens drei schnellen, präzisen, oft direkt gespielten Pässen wird die neutrale Zone in Sekundenschnelle überflogen. Sozusagen kontern aus der Nachhand.

Es ist spektakuläres, mitreissendes, dynamisches Hockey. Hockey gespielt, nicht gearbeitet. Konstruktiv und kreativ. Vorwärts ausgerichtet. Auch die Lakers spielen so. Gelenkt von einem überragenden Roman Cervenka. Aber sonst in etwas weniger guter Besetzung. Servette spielt auch so. Die ZSC Lions an einem guten Abend auch. Ja, diese Art des Hockeys gehört inzwischen zur DNA der National League.

Biel gegen die Lakers inszeniert als Hockeyfestspiele. Es kommt nicht oft vor, dass das Publikum schon im Spätherbst so begeistert ist. Könnte Biel jetzt die Zeit anhalten wie einst Josua im Alten Testament den Lauf der Sonne, dann wären der nächste Meistertitel nach 1983 oder doch der erste Playoff-Final der Klubgeschichte möglich, ja eigentlich garantiert.

Captain Gaëtan Haas betont, wie wichtig es sei, mit vier Linien durchzuspielen. Wo er recht hat, da hat er recht: So bleiben Tempo, Intensität, Konzentration und Präzision hoch und die Beine frisch. Die Statistik beweist : Nur zwei Verteidiger und kein einziger Stürmer kommen auf mehr als 20 Minuten Eiszeit. Bei den Lakers ist es fast genau gleich. Nur zwei Verteidiger und ein Stürmer (Roman Cervenka) mit mehr als 20 Minuten Einsatzzeit.

Biels Gaetan Haas, Luca Cunti, Fabio Hofer und Yannick Rathgeb, von links, feiern den Treffer zum 5-4 im Eishockey Qualifikationsspiel der National League zwischen dem EHC Biel und den SC Rapperswil J ...
Die Bieler-Spieler bejubeln den Treffer zum 5:4. Bild: keystone

Die Besonderheit: Luca Cunti ist zurück. Die inzwischen schon fast legendäre Linie mit ihm, Damien Brunner und Mike Künzle ist komplett – als dritte Angriffsreihe. Es ist gefühlt das erste Mal in dieser Saison, dass die Bieler im Vollbestand stürmen. Der Veteran Etienne Froidevaux (33) mit der Erfahrung aus mehr als 800 Partien sitzt als Edelreservist auf der Tribüne. Yannick Rathgeb ist als risikofreudiger Offensiv-Verteidiger ein typischer Vertreter der Bieler Schule. Er sagt, es sei wahrscheinlich erst das dritte oder vierte Mal, dass die Mannschaft komplett («aus grand complet») antreten könne, seit er in Biel sei. Es ist immerhin seine 4. Saison in Biel.

Das wahre, das grosse Biel. Yannick Rathgeb erzählt, ein Tor oder manchmal eine Aktion genüge, um die Energie wie mit einem Fingerschnippen freizusetzen. Überheblichkeit oder Selbstüberschätzung sind nicht zu spüren. Aber Spielfreude, Leidenschaft und Selbstvertrauen. Yannick Rathgeb sagt es so: «Wenn einer einen Fehler macht, dann gibt es Kritik. Aber niemand nimmt Kritik persönlich.»

Biel galt mit seiner dynamischen Wirtschaft und den sozialen Herausforderungen im Bernbiet schon in den 1960er Jahren als die Stadt der Zukunft. Als Gegenpol zu Bundesbern und ist es eigentlich heute noch. Im Herbst 2022 erst recht im Hockey.

Ach, Biel wäre Meister, wenn es jetzt die Zeit anhalten könnte. Sportchef Martin Steinegger sagt, die Mannschaft steht in absehbarer Zeit vor einem Umbruch: Elf Spieler sind 30 oder älter. Schon vor dieser Saison ging da und dort die Sorge um, die Mannschaft habe womöglich ihren Zenit überschritten. Noch ist diese Sorge unbegründet.

Wie lange kann eine Mannschaft diese Form bewahren? Das ist in einer so ausgeglichenen Liga die bange Frage. Inzwischen hat Biel zehnmal hintereinander gewonnen und dabei 48 Tore erzielt. Mehr als Lausanne, Gottéron und Kloten in allen bisherigen Partien. Und der SCB kommt in 19 Spielen gerade mal auf 55 Treffer. Kommt dazu: Bisher haben diese Saison nur die ZSC Lions weniger Tore kassiert. Die Flucht nach vorne ist offensichtlich die beste Defensive. Aber auch für Biel gilt: Diese Saison ist in jedem Spiel jedes Resultat möglich. Sicher ist nur das Spektakel.

Die Bieler könnten längst in neutralen Leibchen spielen und würden sofort erkannt: Ihr Tempostil ist inzwischen ihr Markenzeichen. Ein grosser, charismatischer Trainer (Antti Törmänen) und ein kluges, geduldiges Management haben diese ganz besondere Kultur entwickelt. Dazu gehört die Kontinuität in der Chefetage: Manager Daniel Villard ist seit 2003, Sportchef Martin Steinegger seit 2012 im Amt.

Biels Cheftrainer Antti Toaermaenen feuert seine Spieler an, im Eishockey Qualifikations-Spiel der National League, zwischen dem EHC Biel und den ZSC Lions, am Dienstag, 1. November 2022, in der Tisso ...
Hat sein Team im Griff: Antti Törmänen.Bild: keystone

Wir können es auch so sagen: In Biel bildet ein charismatischer, erfahrener Trainer die Spieler aus. Biel als Ausbildungsclub im besten Wortsinn.

In Bern versuchen charismatische und erfahrene Spieler und ein scheinbar tüchtiges Management mit Engelsgeduld einen Trainer auszubilden. So viel Energie investiert kein anderer Klub für das Wohl des Trainers. Der SCB ist also auch ein Ausbildungsclub. Und so taumelt der SCB mit einer der besten und teuersten Mannschaften seiner Geschichte auf der Suche nach einer Identität und spielerischen Ordnung durch die Saison. Inzwischen mit dem Vorteil, dass ab und an trotzdem Siege gelingen. Weil die Berner unterschätzt werden. Was natürlich in Lausanne nicht der Fall war. Aber gegen die ZSC Lions könnte es der Fall sein.

Die Bieler sind Trendsetter, die Stadtberner Bewahrer der Tradition. Biel zelebriert das Hockey von heute und morgen. Der SCB jenes von gestern und vorgestern. Wer Hockey mag, sucht das Live-Erlebnis des Bieler Spektakelhockeys und begnügt sich mit SCB-Hockey am Fernsehen. Keine Polemik. Nur eine kleine Statistik: In Lausanne kamen beim SCB sage und schreibe sieben (!) Spieler auf mehr als 20 Minuten Eiszeit. Sieben! Zum Vergleich: Am Freitagabend kamen bei Biel, Lausanne, Lugano, Gottéron, Servette, Langnau, Ambri und Zug je zwei Spieler auf mehr als 20 Minuten.

Und noch eine ganz sachliche Statistik. Neun (!) Spieler haben beim SCB diese Saison schon 19 oder mehr Minuten pro Partie auf dem Zähler. Neun! Absoluter Rekord. Bei Biel ist es einer, bei Zug, Gottéron und Ambri sind es zwei, bei Servette drei, bei Davos, Lausanne, Lugano, Kloten und den Lakers vier sowie bei den ZSC Lions. Langnau und Ajoie fünf.

Wie wir es auch drehen und wenden: Nie seit Einführung der Playoffs (1985/86) ist eine nominell so gute Mannschaft so eigenwillig gecoacht worden wie der aktuelle SCB. Wer freundlich ist, sagt: Die Stars sind besser bezahlt. Also sollen sie auch länger arbeiten und mehr Verantwortung übernehmen. Jawoll! Die Jungen sollen halt von der Bank aus gut hinschauen, im Training fleissig üben, zu den Alten respektvoll aufblicken und geduldig sein. Dann lernen sie etwas und bringen es später zu etwas. Wer boshaft ist, moniert: Der SCB hatte noch nie eine so teure, so gute und so miserabel gecoachte Mannschaft. Aber eben: Das ist boshaft.

Ach, was wäre das für eine Stimmung, wenn in der grössten Arena Europas modernes Spektakelhockey - Bieler Hockey - zelebriert würde.

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quelle: keystone / ennio leanza
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19 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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besserwisser#99
05.11.2022 14:56registriert September 2019
Das bieler Hockey ist halt in den Playoffs nur sehr selten erfolgreich.
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Walt White
05.11.2022 15:17registriert November 2015
Erschreckende Zahlen mit der Eiszeit. Das wird sich wohl früher als später rächen beim SCB, Törmänen macht im Moment vieles besser als der Lehrbub in der Hauptstadt.
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