DE | FR
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
Die Ambri-Fans vor der neuen Valascia.
Die Ambri-Fans vor der neuen Valascia.
Bild: keystone
Eismeister Zaugg

Ambri und die neue Valascia – die steinerne Seele unseres Hockeys

Ambri überrollt Gottéron in der ersten Partie in der neuen Valascia 6:2. Nie zuvor ist ein Stadion so stimmungsvoll eröffnet worden. Es wird für die Gegner in der neuen Valascia nicht einfacher als in der alten. Im Gegenteil: Es wird im Quadrat schwieriger.
12.09.2021, 10:4512.09.2021, 12:19

Die Arena steht auf dem alten Militärflugplatz neben dem Dorf im kargen Bergtal der Leventina. Sie sieht aus wie eine Raumstation. Wie ein Fremdkörper. Futuristisch. Sie passt auf den ersten Blick einfach nicht in diese Landschaft.

Hier erwartet der Fremde alles, was halt so in den Bergen zu finden ist. Seilbahnstationen, Kraftwerke, Alphütten, Bauernhäuser, Hotels, militärische Anlagen, Skilifte. Aber nicht ein nigelnagelneues Hockeyarena.

Und doch passt dieses Stadion in die Leventina. Anders als bei der neuen Arena in Pruntrut (Ajoie) ist nicht Holz der wichtigste Baustoff. Ambris neuer Tempel ist ein Haus aus Stein (Beton) und Eisen.

Die neue Valascia in der Leventina.
Die neue Valascia in der Leventina.
Bild: keystone

Manchmal wird der Gotthard als die steinerne Seele der Schweiz bezeichnet. Dieses Stadion am Gotthard-Südfuss ist so gesehen die steinerne Seele unseres Hockeys. Emotionen in Stein und Eisen gegossen. Aber nicht in Stein und Eisen erstarrt.

Die Leventina ist eben nicht eine sanfte, fruchtbare, an das Auenland («Herr der Ringe») mahnende Hügellandschaft wie die Ajoie.

Die Leventina ist ein karges, raues Bergtal. Flankiert von hohen Bergen. Die Bäume sind hier nicht da, um als Bauholz zu enden. Sie sind da, um die Talbewohner vor den herabstürzenden Schneemassen (Lawinen) zu schützen. Auch deshalb sind Stein und Eisen die richtigen Baustoffe für den Bau eines Gebäudes.

Die bange Frage wird immer wieder gestellt: Kann der Geist Ambris auch im neuen Stadion weiterleben? Die Antwort können wir nach einem Spiel schon geben: ja.

Trainer Luca Cereda, ein Sohn des Tals, ist zwar nicht ganz sicher und mag nicht so vorschnell urteilen wie der Chronist. Er sagt fast beschwörend: «Es ist wichtig, dass wir auch in diesem neuen Stadion so bleiben, wie wir sind.»

Ambri-Trainer Luca Cereda.
Ambri-Trainer Luca Cereda.
Bild: keystone

Was er meint: Die Arena ist modern, zweckmässig, komfortabel. Der Geist Ambris aber ist von der Mühsal und den Entbehrungen der alten Arena geprägt. Dort gab es keinen mit anderen Stadien vergleichbaren Komfort für die Spieler und die Fans.

Kann dieser Geist also in einem hochmodernen, komfortablen Stadion weiterleben, dessen Infrastruktur sich nicht mehr von anderen Arenen unterscheidet? Luca Cereda sagt: «Vielleicht kommt einmal der Zeitpunkt, an dem ich die Türen alle aufmachen muss, damit es so richtig durch die Gänge zieht wie in der alten Valascia …»

Es wird nicht notwendig sein. Mag sein, dass die Garderoben jetzt so sind wie in allen (oder doch den meisten) Stadien, dass die Arena sich in der Konzeption und den Grundzügen nicht mehr von anderen Hockeytempeln unterscheidet. Aber die Stimmung macht diesen Ort einmalig. Diese neue Valascia ist das lauteste Stadion der Schweiz, mit ziemlicher Sicherheit Europas und damit wahrscheinlich der Welt.

Die Akustik ist eine ganz andere als in den hölzernen Arenen in Langnau, Davos oder Pruntrut. Viel intensiver, jede Faser des Körpers durchdringend.

Diese Intensität des Lärms, der Gesänge hat es noch nie gegeben. Nicht in Bern. Nicht in Zürich. Nicht in Fribourg. Nicht in Genf. Nicht in Lausanne. Nicht in Biel. Nicht in Rapperswil-Jona. Nicht in Zug. Und schon gar nicht in Lugano.

Es sind die Fans, die dafür sorgen, dass die neue Valascia nie ein gewöhnliches Stadion, dass Ambri nie eine gewöhnliche Mannschaft sein wird. Dass auch die neue Valascia ein Kraftort unseres Hockeys bleiben wird.

Ambris Spieler lassen sich von den Fans feiern.
Ambris Spieler lassen sich von den Fans feiern.
Bild: keystone

Der Beginn des Spiels ist wie eine Eruption der Emotionen und des Lärms. Die Nackenhaare stellen sich auf. Hühnerhaut. Hockey-Kultur.

In den ersten Minuten ist es lauter als in der Schlussphase einer Partie, die eine Meisterschaft entscheidet.

Nicht einmal im Allmend-Tempel, dem grössten Europas, war es in den letzten Minuten der Partie gegen Zug am 30. April 2019 so laut – der SCB musste damals im letzten Final ein 2:1 über die Zeit bringen, um Meister zu werden.

Von der Energie, die vom Publikum auf die Spieler überspringt, wird viel geredet. Aber noch nie war diese «Kraftübertragung» so offensichtlich und gegenseitig: Die Leidenschaft der Spieler stachelt die Fans an. Auch das ist Hockey-Kultur.

Ein starkes Gottéron ist völlig chancenlos. Wird vom Eis gefegt. Punkt.

Bereits nach 84 Sekunden fällt der erste Treffer. Nach knapp 4 Minuten der zweite und Trainer Christian Dubé versucht seinen Spielern mit einem Time-Out eine Atempause zu verschaffen. Nach 8 Minuten und 52 Sekunden steht es 3:0 und Torhüter Connor Hughes ist am Ende: Er hat drei von sieben Schüssen nicht pariert (Fangquote 57,14 Prozent) und muss dem Titanen Reto Berra Platz machen.

Es spielt keine Rolle, dass Gottéron die Partie mit der Nummer 2 im Tor begonnen hat. Kein Goalie der Welt wäre imstande gewesen, diesem Ansturm standzuhalten. Auch nicht einer wie Leonardo Genoni.

Auch Reto Berra kann die Gottéron-Niederlage nicht mehr abwenden.
Auch Reto Berra kann die Gottéron-Niederlage nicht mehr abwenden.
Bild: keystone

Natürlich hat Ambri mehr Talent als letzte Saison. Und im Quadrat die besseren Ausländer. Aber Gottéron ist noch talentierter.

Die Differenz macht die unheimliche Energie. Ambri erzielt «Energie-Tore». Sie sind die Folge eines unheimlichen Pressings und der gewonnenen Zweikämpfe.

Gottéron hat das Pech, der erste Gegner, sozusagen das erste «Opfer» im neuen Stadion zu sein. Es wäre jeder anderen Mannschaft, auch Meister Zug, genau gleich ergangen. Die hohen Erwartungen haben die Spieler aufgeputscht. Nicht gelähmt. An diesem ganz speziellen Abend ist Ambri unbesiegbar.

Dass es so kommen wird, ist schon vor dem Spiel klar. Erst zum zweiten Mal in der Geschichte wird «La Montanara», die melancholische Hymne Ambris VOR dem Spiel gesungen. Das erste Mal stimmten die Fans das Lied vor zehn Jahren im Oktober 2011 vor einem Spiel (das dann verloren ging) zu Ehren des verstorbenen Peter Jaks an.

Und nun kommt es zu einem Novum: die Hymne wird VOR und, weil Ambri gewinnt, auch NACH dem Spiel gesungen. Oder besser: Exakt eine Minute vor der Schlusssirene stimmen die Fans das Lied der Berge um 22.04 Uhr für den ersten Sieg im neuen Stadion an. Die doppelte La Montanara.

Der Blick ins neue Schmuckstück von Ambri.
Der Blick ins neue Schmuckstück von Ambri.
Bild: keystone

Es ist, natürlich, auch der Abend von Präsident Filippo Lombardi. Er hat mit seinen Beziehungen den Bau und die Finanzierung des gut 50 Millionen teuren Hockey-Tempels möglich gemacht.

Er hält eine kurze Eröffnungsansprache auf Italienisch, Französisch und Deutsch. Auf dem grossen Videowürfel wirkt er würdevoll und majestätisch wie ein Staatspräsident. Und ein wenig populistisch auch. Natürlich wirft er vor dem Spiel auch den Puck ein.

Kaum jemand ahnt, dass die termingerechte Eröffnung mit der Partie gegen Gottéron an einem seidenen Faden hing. Nach der Partie erzählt der Vorsitzende unten im Kabinengang, erst am letzten Montag um 16.00 Uhr habe man grünes Licht gegeben. «Nach einer Sitzung am letzten Montagnachmittag haben wir um 16.00 Uhr entschieden: Ja, wir wagen es.»

Mit berechtigter Genugtuung blickt er zurück. Zuerst habe es geheissen, die neue Arena werde nie gebaut, dann es sei unmöglich, den Bau zum geplanten Zeitpunkt zu vollenden. «Aber wir haben es geschafft.»

Es ist mehr als ein begeisterndes Spiel, eine rauschende Hockey-Party. Es ist ein historischer Augenblick. Die Bedeutung dieses Stadionprojektes für die ganze Region geht weit über den Sport hinaus. Die neue Arena ist ein Zeichen, was eine scheinbar strukturschwache Region zu leisten vermag.

Am Mittwoch zügelte die Mannschaf in die neue Arena und bezog die Kabine. Am Donnerstag war das erste Training im neuen Stadion.

Der Blick von der Pressetribüne in die neue Valascia.
Der Blick von der Pressetribüne in die neue Valascia.
Bild: keystone

Aber definitiv war erst gestern Samstag um 16.00 Uhr – also 3 Stunden und 45 Minuten vor dem Anpfiff – dass das Spiel ausgetragen werden kann.

Filippo Lombardi erzählt: «Natürlich ist noch nicht alles perfekt. Aber das war nicht das Problem. Sondern die Kontrollen der Behörden. Alles im neuen Stadion musste abgenommen werden. Die letzte Kontrolle und Genehmigung hatten wir erst am Samstagnachmittag um 16.00 Uhr.» Durfte der Inspektor dann gleich zum Spiel bleiben? «Nein, er wollte nur weg. Er ist Lugano-Fan.»

Stadien sind eben Bauten, die erst für das Publikum geöffnet werden dürfen, wenn die Bewilligungen von verschiedensten Behörden (Sicherheit, Brandschutz, Elektroinstallationen) vorliegen.

Das Stadion ist nun eröffnet und es bleibt eigentlich nur noch eine Frage: Ist Ambri nun ein Spitzenteam?

Diese Frage nach zwei Partien und zwei Siegen (2:1 n.V. in Zürich, 6:2 gegen Gottéron) zu beantworten, wäre unseriös. Ambri kann nicht in allen 52 Partien so intensiv rocken. Keine Mannschaft der Welt wäre dazu in der Lage.

Aber dieses Ambri hat gegen jede Mannschaft, auch gegen die Titanen der Liga eine Chance. Es wird in der neuen Arena für die Gegner nicht einfacher als in der alten Valascia

Ganz im Gegenteil. Es wird im Quadrat schwieriger.

watson Eishockey auf Instagram
Selfies an den schönsten Stränden von Lombok bis Honolulu, Fotos von Quinoa-Avocado-Salaten und vegane Randen-Lauch-Smoothies – das alles findest du bei uns garantiert nicht. Dafür haben wir die besten Videos, spannendsten News und witzigsten Sprüche rund ums Eishockey.

Folge uns hier auf Instagram.
DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

NLA-Trikotnummern, die nicht mehr vergeben werden

1 / 72
NLA-Trikotnummern, die nicht mehr vergeben werden
quelle: keystone / fabrice coffrini
Auf Facebook teilenAuf Twitter teilenWhatsapp sharer

Dinge, die Hockey-Fans niemals sagen würden

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

Das wären die Logos der Schweizer Klubs, wenn sie NHL-Teams wären

Die Eishockey-Sprache ist englisch: Crosscheck, Slot und Butterfly-Goalie, Boxplay, Icing und Emptynetter. Auch die Schweizer Ligen heissen nicht mehr Nationalliga A und B, sondern National League und Swiss League. Nur die Klubs haben immer noch ihre alten Namen.

Höchste Zeit, dass auch sie sich wandeln upgraden und ihre HC, SC und EV durch zeitgemässe Namen ersetzen!

* Update: User weisen darauf hin, dass der richtige Plural «mice» lautet. Das ist natürlich korrekt. Da ein kleiner Fehler zum …

Artikel lesen
Link zum Artikel