2031 ein neuer Tempel und der grösste Stellenabbau der SCB-Geschichte
Unter Marc Lüthi ist der SCB ab 1998 erst zum erfolgreichsten Hockeyunternehmen und später zum Bundesamt für Eishockey geworden. In der Schlussphase seiner Amtszeit gab es im SCB-Konzern (SCB-Gastro, SCB-Sport, SCB-Nachwuchs) mehr als 300 Vollzeitstellen, die sich über 1000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter teilten.
Wenn eine Organisation erst einmal eine gewisse Grösse angenommen hat, blüht die Ausreden- und Intrigenkultur auf. Wer was leistet und wer für was tatsächlich verantwortlich ist, kann nicht mehr richtig erkannt werden. Die Dynamik geht verloren. Im Sportbusiness mit fatalen Folgen. Seit 2019 hat der SCB keine Playoff-Serie gewonnen.
Marc Lüthis Nachfolger Jürg Fuhrer kann zum Glücksfall für den SCB werden. Immer mehr zeigt sich: Er ist ein scharf kalkulierender Unternehmer ohne Scheu vor harten Entscheidungen im Schafspelz einer Büroordonnanz. Es ist fatal, ihn zu unterschätzen. Er hat erkannt: Wenn er durchgreifen und schmerzhafte Veränderungen durchsetzen will, dann muss er das gleich am Anfang machen. Er hat sein Amt am 1. Mai angetreten.
Im Gastrobereich hat er unter anderem einen so prominenten Mann wie Justin Krueger, dreifacher SCB-Meisterheld und Sohn des ehemaligen Nationaltrainers Ralph Krueger, vor die Türe gesetzt. Soeben sind drei Bürogeneräle der Marketing-Abteilung entlassen worden. Schreibtisch sofort räumen, Lohn noch bis zum Ende der Kündigungsfrist. Gewährsleute berichten, die Stimmung in den Büros sei trotz Rekordhitze frostig. Seit 1931 sind beim SCB stetig neue Arbeitsplätze geschaffen worden. Jetzt kommt es zum ersten Mal zu einem Stellenabbau.
Jürg Fuhrer bestätigt den Personalabbau. Auf die Frage, wie viele Stellen gestrichen werden oder wenigstens wie viele Prozent, schweigt er sich aus. Er sagt lediglich: «Es ist richtig, dass wir Stellen abbauen.» Und ergänzt auf eine weitere Frage: «Wir stellen alles auf den Prüfstand.»
Aber wie ist dann die Anstellung von Jeff Tomlinson als neuer «Obertrainer» mit dieser Absicht vereinbar? Ist dann Serge Aubin nur «Untertrainer»? Jürg Fuhrer ist ob der Bezeichnung «Obertrainer» und «Untertrainer» erbost. «Erstens hat Jeff Tomlinson nur ein Mandat und keine Festanstellung. Und zweitens wird er sich nicht um die erste Mannschaft, sondern in allererster Linie um die Ausbildung im Nachwuchsbereich kümmern. «Wenn wir nicht jedes Jahr auf dem Transfermarkt teuer einkaufen wollen – was wir uns nicht leisten können – dann müssen wir künftig dazu in der Lage sein, jedes Jahr zwei bis drei Spieler für die erste Mannschaft in unserer Juniorenabteilung auszubilden. Das geht nur, wenn wir auf diesem Niveau die besten Trainer beschäftigen.» Jeff Tomlinson wird also in erster Linie für den Nachwuchs tätig sein und sein Mandat entspricht höchstens einer 20-Prozent-Stelle. Jürg Fuhrer ärgert sich, dass das nicht klar so kommuniziert worden ist. «In der Kommunikation haben wir noch Reserven.»
Die Frage ist natürlich auch, ob denn die Arbeit von allen Abteilungen – beispielsweise auch die von der Sportabteilung mit Martin Plüss – einer kritischen Beurteilung unterzogen wird. «Davon können Sie ausgehen», sagt Marc Lüthis Nachfolger. «Wir analysieren ohne Rücksicht auf Namen.» Seine Worte im Ohr der Hockeygötter. Immerhin ist die zentrale Goalie-Frage gelöst worden und die Basis des Teams für die nächste Saison steht. Ob nun noch ein paar Hinterbänkler getauscht werden, ist nicht mehr von zentraler Bedeutung und für welchen Mittelstürmer die siebte Ausländerlizenz eingelöst wird (Kronfavorit ist zurzeit Rodrigo Äbois, ein kräftiger Zweiweg-Center, der zuletzt für Philadelphia in der NHL stürmte), ist nicht matchentscheidend.
Marc Lüthi hat das Modell der Finanzierung über die Gastronomie entwickelt und mehrere Beizen ausserhalb des Stadionbereichs über die SCB-Sportgastro AG betrieben (u. a. Beef Steakhaus in der Altstadt, Uma Tower Restaurant, Ristorante Lago, Strandbad Moossee). Zuletzt erreichte der Umsatz des gesamten SCB-Konzerns (Sport und Gastro) rund 60 Millionen. Aber Umsatz ist nicht gleich Gewinn. Deshalb kommt es zu einem dramatischen Rückbau.
Jürg Fuhrer ist daran, den Beizenbetrieb auf das Kerngeschäft Stadion und die Umgebung des Stadions (Festhalle) zu konzentrieren. Die Pachtverträge der restlichen Gastrobetriebe werden entweder von den bisherigen Wirten übernommen (wie beim Lago) oder an neue Pächter übertragen. Gewährsleute sagen, der SCB sei sogar gewillt, das Kronjuwel seiner Gastronomie, das «Beef Steakhouse», aufzugeben. Jürg Fuhrer dementiert auf eine entsprechende Frage nicht. Es ist also wahr. Das Ziel der ganzen Gastro-Reduktion: Weniger Umsatz, weniger Aufwand, mehr Ertrag.
Die Begründung für den Rückzug aus der Gastronomie: Jobs in den Verwaltungen des Bundes, des Kantons und der Stadt machen den grössten Teil des Arbeitsmarktes in Bern aus. Der öffentliche Sektor gewährt das Recht auf Homeoffice seit der Pandemie viel grosszügiger als die Privatwirtschaft. Das bedeutet: Die Auswärtsverpflegung über die Mittagszeit ist stark zurückgegangen. Mit entsprechenden Folgen für die Beizen.
Noch dringender als der eingeleitete Bürokratie- und Gastro-Abbau ist die Stadionfrage. Der SCB-Hockeytempel (PostFinance-Arena) ist längst eine «Flachland-Valascia» geworden: Wenig Komfort für das Proletariat und ungastlich kalt. Wohl und warm haben es nur die VIP-Gäste.
Will der SCB mittelfristig unser Hockey wieder rocken, dann muss das Stadionproblem gelöst werden. Die Stadionfrage ist mittelfristig von existenzieller Bedeutung. Auch um mit einer entsprechenden Infrastruktur auf dem Spielermarkt wieder attraktiver zu werden.
Die PostFinance-Arena gehört der Swiss Prime Sites AG, einem milliardenschweren, börsenkotierten Unternehmen der Immobilienbranche mit Sitz in Zug – einem der grössten dieser Art in unserem Land mit europäischer Ausstrahlung. Der SCB ist Generalmieter des Stadions. Nun wird an einer Übernahme des Hockey-Tempels gearbeitet. Läuft alles wie vorgesehen, wird der SCB künftig Besitzer des Stadions sein. Eine Investition, die amortisiert werden kann. Weil dann nicht nur alle Erträge in die SCB-Kasse fliessen, sondern auch keine Mietkosten mehr abfliessen.
Die Standortfrage ist inzwischen entschieden. Alle Neubauprojekte sind in der Schublade verschwunden. Der Grund: Einsprachen würden im Falle eines Neubaus an einem neuen Standort das ganze Geschäft auf Jahre hinaus blockieren. Zügig kann das Stadionproblem nur mit einer Sanierung am aktuellen Standort gelöst werden. Wobei die Bauarbeiten den Spielbetrieb schon ein wenig beeinträchtigen werden. Der SCB kann während den Arbeiten am Stadion nicht vorübergehend in eine andere Arena zügeln. Es gibt kein Ausweichstadion, das auch nur die Saisonkartenbesitzer (rund 12'000) aufnehmen könnte.
Für den Umbau bzw. die Sanierung werden rund 15 Monate veranschlagt. Die Umbauzeit wird daher auf drei Jahre verteilt. Während knapp fünf Monaten pro Jahr werden keine Meisterschaftsspiele ausgetragen und es kann Vollgas gebaut werden. Ein Umbau bei laufendem Spielbetrieb bringt zwar Unannehmlichkeiten für alle, ist aber machbar. Auch Gottéron hat sein Stadion rundum erneuert, ohne in eine andere Arena auszuweichen. Und seit der Sanierung ist die Arena in jedem Spiel ausverkauft.
Gebaut wird in Bern ein reines Hockey-Stadion. Also keine multifunktionelle Arena. Da die Berner Festhalle gleich nebenan steht und etwa im Bereich der Gastronomie mit dem SCB zusammenarbeitet, macht es wenig Sinn, diese Einrichtung (Fassungsvermögen rund 9000 Plätze) mit kulturellen Veranstaltungen zu konkurrenzieren.
Die PostFinance-Arena ist mit 17'031 Plätzen vor der Swiss Life Arena in Zürich (12'000) die grösste im Land. Das wird auch künftig so sein. Vorgesehen sind rund 15'000 Plätze und davon nur noch 4000 bis 6000 für Stehplatzfans. Die legendäre Stehrampe auf der Längsseite verschwindet und die Stehplätze kommen hinter einem der beiden Tore näher ans Spielfeld heran. Die Stimmung wird so besser sein. Der aktuelle VIP-Bereich passt hingegen weitgehend unverändert auch ins neue Stadion. Die rundum erneuerte Arena wird nicht mehr Grundfläche beanspruchen als die alte.
Die Anschlüsse für den privaten und den öffentlichen Verkehr sind bereits vorhanden und eine Mehrbelastung durch höheres Verkehrsaufkommen gibt es nicht. Daher entfällt der ganze Bewilligungs- und Einspracheprozess, der ein solches Projekt jahrelang blockieren kann. Der SCB wird drei Saisons in einer Baustelle spielen. Eigentlich kein Problem: Sportlich ist der SCB sowieso seit 2019 eine Baustelle und es gibt eine Gemeinsamkeit: Sowohl beim Spiel auf dem Eis als auch bei Bauarbeiten gibt es eine strikte Helmpflicht. Spielen und Arbeiten ohne Schutzhelm ist nicht gestattet.
Eigentlich wollte der SCB dieses Projekt im Juni 2026 der Öffentlichkeit vorstellen. Soeben ist der Juni zu Ende gegangen und die Frage geht an Jürg Fuhrer: Wann kommt die Projektpräsentation? «Sobald alle Verträge mit den Investoren unterschrieben sind.»
Die neue bzw. rundum erneuerte Arena wird mehr als 100 Millionen Franken kosten. Die Finanzierung werden weitgehend private Investoren übernehmen. Eine Volksabstimmung ist auch nicht erforderlich. Wenn alle Verträge unter Dach und Fach sind, gibt es den Gang an die Öffentlichkeit.
Die zentrale Frage: Wann wird der rundum erneuerte Tempel eröffnet? Jürg Fuhrer sagt: «Wir hoffen an einem runden Geburtstag.» Der SCB wird 2031 100 Jahre alt.
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