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Tempo, Talent und Taktik – die verlorene Romantik der ZSC Lions

Mikko Lehtonen (ZSC), vorne, und seine Teamkollegen nach dem Tor zum 0-2 im Eishockey Meisterschaftsspiel der National League zwischen dem SC Bern und den ZSC Lions, am Dienstag, 27. Oktober 2026 in d ...
Mikko Lehtonen (ZSC), vorne, und seine Teamkollegen nach dem Tor zum 0:2 gegen den SCB. Bild: keystone
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Tempo, Talent und Taktik – die verlorene Romantik der ZSC Lions

Die ZSC Lions haben vollbracht, was in Bern noch kaum je einem Gast gelungen ist: Der SCB ist bei der 1:4-Niederlage in Ehrfurcht erstarrt. Die Zürcher zelebrierten erneut die emotionslose Leichtigkeit des Siegens und Yannick Weber, einer ihrer zahlreichen Leitwölfe, wird bald seinen Vertrag verlängern.
28.10.2026, 03:3828.10.2026, 03:39

Mit dem Namenswechsel von Zürcher SC zu ZSC Lions durch die Fusion mit GC ist 1997 das Chaos im Stadtzürcher Hockey geordnet worden. Mit dem Umzug vom Hallenstadion in die Swiss Life Arena vor vier Jahren ist die Hockey-Kultur der Stadt zwar definitiv in der Moderne angekommen. Aber ein bisschen Romantik und Dramatik ist in die neue Zeit hinübergerettet worden. Das Kapitel, das beispielsweise Meistertrainer und Champions League-Sieger Marco Bayer 2025 geschrieben hat, endete für ihn mit dem berühmten Satz aus einem Schiller-Drama: «Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan, der Mohr kann gehen.»

Nun sind die ZSC Lions eine nahezu perfekt funktionierende, grosse Hockeymaschine geworden. Noch nie in der Neuzeit ist der SCB vor einem Gegner so in Ehrfurcht erstarrt wie bei diesem 1:4. Das Spiel ähnelte jenen Partien in alten Zeiten, als unser Nationalteam in den 1970er- und 1980er-Jahren gegen die Finnen, die CSSR oder die Sowjets chancenlos war. Die Schweizer konnten zwar optisch recht gut mithalten, glaubten aber nie an eine echte Chance und hatten logischerweise auch keine. Eine gelungene Parade unserer Nationalgoalies wurde gefeiert wie ein von uns erzieltes Tor und am Ende gab es für alle trotz einer Niederlage freundlichen Applaus.

Genauso war es am Dienstagabend gegen die ZSC Lions. Wie lähmend die Ehrfurcht war, mag eine Episode zeigen: Früh (3:54 Minuten vor Schluss beim Stand von 1:3) ersetzt Trainer Serge Aubin den Torhüter durch einen sechsten Feldspieler. Aber es dauert nur zehn Sekunden, bis Yannick Weber gegen die mutlosen Berner zum 1:4 ins verlassene Gehäuse trifft.

Von links: Willy Riedi (ZSC), Nicolas Baechler (ZSC) und Justin Sigrist (ZSC) jubeln nach dem Tor zum 1-3 neben Miro Aaltonen (SCB), vorne, im Eishockey Meisterschaftsspiel der National League zwische ...
Willy Riedi (ZSC), Nicolas Baechler (ZSC) und Justin Sigrist (ZSC) jubeln nach dem Tor zum 1:3.Bild: keystone

Früher waren die erfahrenen Matchbesucher bei einem Rückstand in der Pause verärgert. Niederlagen sind in Bern von den wahren Anhängern des Klubs nie einfach hingenommen worden. Und nun steht es in der zweiten Pause 0:2 und selbst ehemalige «Bärengräbeler» – frühere Hardcore-Fans von der Stehrampe, die inzwischen wohlhabende Sitzplatz-Saisonkartenbesitzer oder gar VIP-Gäste geworden sind und aus denen auch Marc Lüthis Nachfolger Jürg Fuhrer hervorgegangen ist – zollen den Zürchern ehrfürchtig Respekt. Sie reden beim Pausenbier von einem guten Spiel, das sei tolles Hockey, und rühmen die ZSC Lions. Die treusten der Treuen erstarren angesichts der grossen Zürcher Hockeymaschine genauso in Ehrfurcht wie die Spieler auf dem Eis. Das hat es eigentlich in Bern noch nie gegeben.

Nach 16 Runden haben die ZSC Lions 13 Punkte Vorsprung. Die Ehrfurcht der Berner ist wenigstens statistisch verständlich. Das Unheimliche an den Auftritten der Zürcher ist die emotionslose Leichtigkeit des Siegens. Das Tempo wird von allen vier Linien konstant hochgehalten. Der neutrale Beobachter sieht kaum einen Unterschied zwischen der ersten und vierten Linie. Das «weisse Ballett» (das ZSC-Auswärtstenü ist weiss) tanzt und tanzt und tanzt und die Tore fallen, als sei es ein Naturgesetz.

Nur einmal braust Jubel durch den Tempel. Torhüter Christof von Burg hat mit der Fanghand einen nach einer Blitzkombination direkt aufs Tor gepfefferten Puck aufgefangen. Klubübergreifend war das die Parade der Saison. Denn der Schütze war Sven Andrighetto. Wahrlich kein Nasenbohrer. Sondern der beste Direktschütze der Liga mit Schweizer Pass.

Wer gegen die ZSC Lions spielt, freut sich also schon über eine gelungene Parade des Torhüters. Die Zürcher dominieren mit Talent, Tempo und Taktik und lassen keinen Spielraum mehr für Romantik und Dramatik.

Nicolas Baechler (ZSC), links, und Simon Kindschi (SCB) in Aktion im Eishockey Meisterschaftsspiel der National League zwischen dem SC Bern und den ZSC Lions, am Dienstag, 27. Oktober 2026 in der Post ...
Nicolas Baechler (ZSC), links, und Simon Kindschi (SCB) in Aktion.Bild: keystone

Oder vielleicht künftig doch noch? Ja, wenn der Gegner nicht in Ehrfurcht erstarrt wie soeben der SCB. Wenn der Gegner den Mut für harten, mit Provokationen ein bisschen gewürzten Körpereinsatz und das Schüren von Emotionen hat. Die Frage ist ja, wie die ZSC Lions reagieren, wenn der Puck einmal nicht ganz ihren Weg gehen will, wenn sie richtig herausgefordert werden. Eine Hockey-Maschine monatelang auf so hohem Niveau laufen zu lassen, kann schwieriger sein als eine Mannschaft aus einer Krise herauszuführen.

Yannick Weber ist einer der Chefingenieure im Kommandoraum dieser Maschine. Der weitgereiste Verteidiger mit Erfahrung aus mehr als 500 NHL-Spielen personifiziert diese ZSC Lions: erfahren, gelassen, demütig, geerdet und mit der Leidenschaft, die grosse Spieler auszeichnet. Er bringt auf den Punkt, was es bedeutet, den ZSC-Dress zu tragen: «Die Erwartungen sind hoch, aber es wird alles dafür getan, dass wir diese Erwartungen erfüllen können. Es ist ein grosses Privileg, für eine solche Organisation spielen zu dürfen.» Eine Erfolgsgarantie gebe es nicht. «Aber alles ist ein wenig einfacher, wenn man gewinnt …»

Eine ähnliche Dominanz haben die Zürcher bis heute eigentlich erst einmal erreicht: Die Qualifikation der Meistersaison 2013/14 haben sie mit 20 Punkten Vorsprung auf Gottéron gewonnen. Diese perfekte Qualifikation ist eine Ausnahme in der Geschichte der ZSC Lions. Und enthält eine Warnung: In den Playoffs benötigten die Zürcher im Viertelfinal gegen Lausanne und im Halbfinal gegen Servette je sieben Spiele und schauten in den Abgrund des Scheiterns.

Torhueter Christof Von Burg (SCB) im Eishockey Meisterschaftsspiel der National League zwischen dem SC Bern und den ZSC Lions, am Dienstag, 27. Oktober 2026 in der PostFinance Arena in Bern. (KEYSTONE ...
Torhueter Christof Von Burg (SCB).Bild: keystone

Yannick Weber ist im September 38 geworden. Auf dem Eis wirkt er wie höchstens 30. Seine Erfahrung und taktische Schlauheit kombiniert er nach wie vor mit Beweglichkeit. Es freut ihn, das zu hören. Er sagt: «Wenn die Beweglichkeit nachlässt, wird es schwierig …» Und da eben diese Beweglichkeit nicht nachgelassen hat, wird Sportchef Sven Leuenberger den Vertrag mit Yannick Weber zeitnah verlängern.

Sollte sich der Sportchef nach der Verlängerung mit Yannick Weber für eine sanfte Verjüngung entscheiden, könnte es Captain Patrick Geering (36) treffen. Mit Simon Seiler (30) kommt für nächste Saison ein neuer Defensiv-Verteidiger. Ein Abschied Geerings wäre dennoch mehr als eine Personalentscheidung: Er würde Gesprächsstoff, ein bisschen Dramatik und Polemik liefern und ein Stück Klubgeschichte beenden. Das letzte Wort hätte wohl der Verwaltungsrat.

Für die Konkurrenz gibt es immerhin einen Trost: Je länger die Dominanz der ZSC Lions dauert, desto näher rückt rein statistisch die zweite Saisonniederlage und wenigstens ein Unterbruch dieser Dominanz. Aber ein wenig mehr Courage als die Berner braucht schon, wer die Zürcher bodigen will.

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