Sport
EM 2016

Die Schiedsrichter sind das beste Team an der EM 2016

Die Schiedsrichter hatten die Spieler stets im Griff. Hier versinnbildlicht von Damir Skomina (Mitte) mit Eden Hazard und Ashley Williams.
Die Schiedsrichter hatten die Spieler stets im Griff. Hier versinnbildlicht von Damir Skomina (Mitte) mit Eden Hazard und Ashley Williams.
Bild: John Sibley/REUTERS

Das bisher beste Team an der EM? Die Schiedsrichter!

Damit hat wohl niemand gerechnet: Das beste Team bisher an der EM ist weder Frankreich noch Deutschland, auch nicht Portugal oder Wales – es sind die Schiedsrichter! Ihre durchwegs guten Leistungen sind eine grosse Bereicherung für das Turnier.
05.07.2016, 13:0205.07.2016, 19:18
Donat Roduner
Donat Roduner

Im Schatten der medial gefeierten Überraschungsteams Island und Wales (welche die Berichterstattung zweifelsohne auch verdienen) sind die Leistungen der Schiedsrichter bisher kaum gewürdigt worden, obwohl sie das verdienen würden. Aber der Schweizer Turnierdirektor Martin Kallen sagte nach der Vorrunde gegenüber Journalisten richtigerweise:

«Wenn Sie nicht darüber schreiben und wir nicht darüber sprechen, ist es das Beste, was passieren kann.»
Martin Kallen im Handelsblatt

Insofern können es die Schiedsrichter als sehr positiv erachten, dass sie für keine Schlagzeilen sorgen, denn diese sind in den allermeisten Fällen verheerend ausgefallen. An den bisherigen Grossanlässen kam es regelmässig zu Skandalen mit involvierten Schiedsrichtern.

Finalschiedsrichter
Der EM-Final am 10. Juli wird voraussichtlich von Mark Clattenburg geleitet, ausser Wales schafft gegen Portugal den Finaleinzug, dann würde die Ehre wohl dem Ungarn Viktor Kassai zuteil. Dies, weil Clattenburg als Engländer keine Länderspiele von Wales, Schottland und Nordirland leiten darf, ausser es sind Direktbegegnungen. So geschehen im Achtelfinal Wales gegen Nordirland, der vom Engländer Martin Atkinson arbitriert wurde.
Die Halbfinals werden vom Schweden Jonas Eriksson (Portugal – Wales) und vom Italiener Nicola Rizzoli (Deutschland – Frankreich) geleitet.

Wir erinnern uns an die EM 2008, als der Spanier Manuel Mejuto Gonzalez die Trainer Joachim Löw und Josef Hickersberger wegen einer Lappalie auf die Tribüne verbannte oder an das Turnier vor vier Jahren, als der Ungar Viktor Kassai (an EM 2016 tadellos!) im Spiel zwischen der Ukraine und England einen Treffer nicht anerkannte, obwohl der Ball hinter der Linie war.

Schiedsrichter Mejuto Gonzalez schickt Löw und Hickersberger auf die Tribüne, diese verbrüdern sich gegen den Entscheid – vergeblich.
Schiedsrichter Mejuto Gonzalez schickt Löw und Hickersberger auf die Tribüne, diese verbrüdern sich gegen den Entscheid – vergeblich.
Bild: AP

Natürlich sind die Schiedsrichter an der EM 2016 nicht gänzlich fehlerfrei. Der Penalty von Spanien gegen Kroatien (den Sergio Ramos fairerweise verschoss) war sehr fragwürdig und der Italiener Thiago Motta hätte wegen seiner Tätlichkeit im Achtelfinal gegen Spanien bestraft werden sollen.

Insgesamt scheinen die Bestrebungen zur Qualitätssteigerung bei den UEFA-Schiedsrichtern aber definitiv zu fruchten. Die neu 18 eingesetzten EM-Unparteiischen (bisher waren es nur 12) überzeugten in Frankreich. Auffallend sind besonders diese fünf Punkte:

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Fitness

Die Schiedsrichter müssen fit sein, das ist klar. Aber an der EM beweisen die Offiziellen, dass sie mit ihrer Ausdauer wohl sogar bei einem Dauerläufer wie Stephan Lichtsteiner Neid aufkommen lassen. Beispielsweise sah Viktor Kassai beim Münzwurf vor dem Penaltyschiessen im Spiel Deutschland–Italien noch taufrisch aus, obwohl er in den 120 Spielminuten davor ziemlich sicher weiter gelaufen ist als jeder Spieler.

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Ausstrahlung

Mürrische Schiedsrichter sind das Schlimmste. Das weiss jeder, der in seinem Leben schon einmal mit Regionalfussball in Berührung gekommen ist. Die EM-Offiziellen sind das Gegenteil davon. Sie lächeln und haben eine positive Körpersprache, was Hand in Hand geht mit dem nächsten Punkt.

Stephan Lichtsteiner reklamiert, Carlos Velasco Carballo entgegnet freundlich, aber bestimmt.
Stephan Lichtsteiner reklamiert, Carlos Velasco Carballo entgegnet freundlich, aber bestimmt.
Bild: LAURENT DUBRULE/EPA/KEYSTONE

Respektvoller Umgang

Im Disput mit den Spielern bleiben die Herren in Schwarz (oder Gelb oder Rot oder Hellblau) stets besonnen, aber dennoch bestimmt. Dadurch erhalten sie von den Akteuren den Respekt zurück, der sehr wichtig ist, um die Spielqualität hochzuhalten.

Hilfsbereite Schiedsrichter: Björn Kuipers hilft Jérôme Boateng wieder auf die Beine.
Hilfsbereite Schiedsrichter: Björn Kuipers hilft Jérôme Boateng wieder auf die Beine.
Bild: FILIP SINGER/EPA/KEYSTONE

Kommunikation

Die Unparteiischen kommunizieren gut mit den Spielern, aber auch untereinander. Was früher noch ungenügend war – die Frage: «Was machen die Torrichter eigentlich genau?», musste zu oft gestellt werden –, wird nun endlich sinnvoll angewandt. Die Schiedsrichter funktionieren als Team und der Hauptverantwortliche kann sich auf die kompetenten Entscheide seiner Assistenten verlassen und tut dies auch.

Man beachte die Mikrofone: Alle 18 EM-Schiedsrichter

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Die 18 EM-Schiedsrichter
Björn Kuipers (Niederlande).
quelle: epa/epa / georgi licovski
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Konsistente Vorteilsauslegung

Mit der Vorteilsregel ist es so eine Sache. An den bisherigen grossen Turnieren waren stets wesentliche Unterschiede in der Auslegung auszumachen. In Frankreich haben die Schiedsrichter aber offensichtlich einen Konsens gefunden, was vor allem für die Spieler ein grosser Benefit ist.

«Vorteil!» – Xherdan Shaqiri darf weiterspielen, obwohl Schiri Clattenburg zuvor ein Foul ausgemacht hat.
«Vorteil!» – Xherdan Shaqiri darf weiterspielen, obwohl Schiri Clattenburg zuvor ein Foul ausgemacht hat.Bild: YURI KOCHETKOV/EPA/KEYSTONE

Collinas Arbeit

An der diesjährigen EM wurden 180 Gelbe Karten verteilt, der Schnitt von 3,75 Karten pro Spiel ist so tief wie seit 20 Jahren nicht mehr. Das kann als Indiz gewertet werden, dass die Arbeit von Schiedsrichter-Legende Pierluigi Collina, dem Chef der Schiedsrichter-Kommission der UEFA, Früchte trägt.

Verantwortlich für die besten Schiedsrichter der Welt: Pierluigi Collini amtet als Schiedsrichterchef für die UEFA.
Verantwortlich für die besten Schiedsrichter der Welt: Pierluigi Collini amtet als Schiedsrichterchef für die UEFA.
Bild: EPA/UEFA

So wurden vor dem Turnier zum Beispiel Briefings mit allen Nationalmannschaften durchgeführt, um sie mit den Regeländerungen vertraut zu machen. Man wolle, dass die Unparteiischen und die Spieler «dieselbe Sprache sprechen», so Collina.

Das ist offenbar gelungen, die Schiedsrichter bewegen sich auf Augenhöhe mit den Spielern, was nur gut ist für das Spiel: Es gibt wenig Diskussionen, viel Spielfluss und die Spieler versuchen sich nur ganz selten mit unlauteren Mitteln einen Vorteil zu verschaffen. Sprich: Der Fussball steht im Zentrum und das ist sehr gut so!

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