Wirtschaft
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epa01565551 Customers arrive after the first Prmark store opened in Rotterdam, Netherlands on 01 December 2008. 
Primark sells 'trendy, afordable clothing', and was established in 1969 in Great Britain. The store currently has stores in Ireland, Great Britain, Spain and, from 01 December, the Netherlands.  EPA/ED OUDENAARDEN

Kaufen bis der Arzt kommt: Die Billigmodekette Primark lässt Näherinnen bluten.  Bild: EPA

Analyse

«Das Bekleidungsgeschäft ist ein dreckiges Business, das fast nur Verlierer produziert»

Die Bekleidungsindustrie im Billigsegment wächst unaufhörlich – auch wegen uns. Wollen wir das wirklich?

27.06.14, 15:29 06.08.14, 23:08

In Zürich, Basel und Bern stürmen Konsumenten kreischend die Läden der Billigmodeketten, um Blusen, Hosen, T-Shirts und Röcke zu Schnäppchenpreisen zu ergattern. In Bangladesch, Pakistan und China kämpfen die Frauen, die diese Wegwerfmode in stickigen Betonbunkern zu Hungerlöhnen herstellen, ums nackte Überleben. Das globale Bekleidungsgeschäft ist – man kann es nicht anders ausdrücken – ein dreckiges Business. Trotzdem haben wir noch nicht das geringste Bewusstsein dafür entwickelt, dass im Westen und im Osten mit dieser Arbeitsteilung nur Verlierer produziert werden.

Unsere Jagd nach Schnäppchen ist nicht nur rücksichtslos und egoistisch, wir leisten darüber hinaus einem Wirtschaftsmodell Vorschub, das volkswirtschaftlich nicht den geringsten Nutzen bringt, das an der Umwelt massiven Schaden anrichtet und das die Näherinnen in den Entwicklungsländern versklavt. Der kürzlich aufgedeckte Fall Primark – in Kleidungsstücke wurden Hilferufe eingenäht – macht ein Mal mehr deutlich, dass Modegiganten Horden von Näherinnen ausbeuten und sich einen Dreck um gerechte Löhne scheren. 

Mehr Arbeitskräfte, mehr Sklaven

Ob die Hilferufe nun von findigen Menschenrechtsaktivisten eingenäht worden sind, um auf die miserablen Arbeitsbedingungen der Näherinnen aufmerksam zu machen, oder ob die Botschaften echt sind, spielt keine Rolle. Es geht darum, dass wir endlich die Finger von der Wegwerfmode lassen.

«Die gesetzlichen Mindestlöhne liegen in Produktionsländern weltweit unter dem Niveau eines Existenzlohns.»

Die moderne Sklavenarbeit wird selbstverständlich mit dem Arbeitsplatzargument verteidigt. Es lässt sich in der Tat nicht bestreiten, dass ein Land wie Bangladesch auf die Textilindustrie angewiesen ist. Doch was haben die Menschen davon, wenn sie zwar einen Job haben, jedoch damit ein Einkommen erzielen, das deutlich unter dem Existenzminimum liegt? Hungerlöhne sind in diesen Ländern nicht metaphorisch gemeint. Mangelernährung ist weit verbreitet, Zugang zu einer medizinischen Versorgung gibt es nicht. 



Es wirkt geradezu wie ein Hohn, dass viele dieser Länder sich damit brüsten, einen Mindestlohn zu kennen. Untersuchungen der Asia Floor Wage Allianz aus dem Jahr 2013 haben ergeben, dass die Kluft zwischen gesetzlichen Mindestlöhnen und Existenzlöhnen gross ist. Weil die Inflation teils zugenommen hat und diese Mindestlöhnen stagnieren, ist die Diskrepanz noch grösser geworden. Das bedeutet, dass die Näherinnen nicht in der Lage sind, ihre grundlegenden Bedürfnisse sowie jene ihrer Familien zu decken.

Unternehmen stehen in der Pflicht

Die Argumente und Rechtfertigungen der Bekleidungsindustrie sind paradox: Einerseits wird die Verlagerung der Produktion in Billiglohnländer mit der Schaffung der so entstehenden Arbeitsplätze gerechtfertigt. Andererseits ist offensichtlich, dass daraus kein wirtschaftlicher Nutzen für die betroffenen Frauen entsteht. Die Näherinnen, die oft ganze Familien ernähren müssen, haben vom Aufschwung der Textilindustrie nur geringfügig profitiert. Weder das für unser Verständnis lächerliche Arbeitsrecht wurde zu ihren Gunsten revidiert, noch erhielten sie mehr politische Rechte, um sich gegen die Ausbeutung wehren zu können. 

«Die Ernährerinnen der Familie konnten vom Aufschwung der Textilbranche, an dem sie massgeblich beteiligt sind, nur geringfügig profitieren.»

Gemäss UNO-Leitlinien für Wirtschaft und Menschenrechte sind die Staaten verpflichtet, den gesetzlichen Mindestlohn dem Existenzminimum entsprechend anzupassen. Das passiert weder in Bangladesch noch in anderen Textilhochburgen, wo der gesetzliche Mindestlohn unter dem Existenzminimum liegt. Deshalb würden die Unternehmen in der Pflicht stehen, die Löhne anzupassen. Das kümmert sie jedoch nicht. 

Primark-Geschäftsführer Paul Merchant. Bild: zvg

Geisel der globalen Wirtschaft

Stattdessen gibt der Primark-Geschäftsführer Paul Merchant unumwunden zu: «Wir sind besessen vom Preis-Leistungs-Verhältnis.» Diese Besessenheit führt zwangsläufig zu den Hungerlöhnen. Und die Mode-Multis haben die Macht, ihre Besessenheit auch durchzusetzen. Allein die Androhung einer Produktionsverlagerung genügt, damit die Regierungen in den entsprechenden Produktionsländern ihre Arbeits- und Handelspolitik den Erwartungen und den Billigmodeketten anpassen.

Die Entwicklungsländer machen sich so zur Geisel der globalen Wirtschaft. Die Unternehmen wiederum verweisen auf die Gesetzgebung: Man halte sich an das geltende Recht, heisst es. Damit schieben die Modegiganten die Verantwortung ab – meist an einen Staat, dessen Rechtsprechung mittelalterliche Züge aufweist. 

«Die Entwicklungsländer machen sich damit selbst zur Geisel der globalen Wirtschaft.»

Um diese Verelendungsspirale zu durchbrechen, müssen die Konsumenten Verantwortung übernehmen. Anstatt das x-te T-Shirt für den Preis einer Stange Bier zu ergattern, sollten wir einmal darüber nachdenken, ob es wirklich Sinn macht, dass eine Jeanshose um den Globus geschifft werden muss, damit wir sie – künstlich abgewetzt und zerrissen – an der Grillparty tragen können. Nur wenn wir mit diesem Unsinn aufhören, können wir verantwortungslose Modemultis wie Primark in die Knie zwingen.

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Markus Wüthrich, 5.5.2017
Tolle Artikel jenseits des Mainstreams. Meine Hauptinformations- und Unterhaltungsquelle.

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    Alle Leser-Kommentare
  • wernei 15.08.2014 17:01
    Highlight Immer werden die Kunden an den Pranger gestellt.
    Das ist doch der lauf der Zeit, die Menschen müssen doch auf billig Kleider ausweichen, da sie immer weniger Einkommen haben !
    Ich war selber im Kleider Import tätig und kenne die machen, wenn also die hersteller nur 5% den Arbeiter abgeben würden, gäbe es all diese diskusionen nicht mehr !
    Oder unser KMU's bezahlen uns wieder ordentlich und verzichten auf ihren Audi 8 ;-)
    0 4 Melden
  • Licorne 27.06.2014 23:00
    Highlight Warum bringt ihr eigentlich nie positive Beispiele für Läden, in welchen man guten Gewissens einkaufen kann (Switcher, ..)? Ich meine mich zu erinnern, dass dies nicht der erste Negativbeitrag dieser Art ist..

    Sollte ich einen Positiven übersehen haben, entschuldige ich mich für den sinnlosen Kommentar und freue mich auf den Link :)
    3 1 Melden
  • mxvds 27.06.2014 19:25
    Highlight tja jeder wollte die Globalisierung. Nun habt ihr die globalisierte Welt - mit den Vor - und halt auch den Nachteilen
    7 1 Melden
  • Daniel Kaiser 27.06.2014 16:20
    Highlight Das Problem liegt wie in einigen Fällen darin das am Ende des Tages jeder sich der nächste ist!
    Wieso werden für Millionen Güter in Deutschland gekauft mit dem Geld was in der Schweiz verdient wird -> darum!
    Und am Ende jammert man dann wenn die Firmen hier Leute entlassen müssen. So liegt das Problem grundsätzlich daran das man die Arbeit, den Service, die Leistung der Mitmenschen wieder mehr schätzt und dafür auch mal einen etwas höheren Preis akzeptiert denn es gibt durchaus Marken die in Fernost produzieren aber in eigenen Betrieben ALLEN MITARBEITERN faire Löhne zahlen die diese Menschen besser Leben lassen und dann kostet die neue Jeans vielleicht 99.- anstelle 39.90 aber wie gesagt: Wenn es an DEIN Portemainne geht dann sind viele Menschen nur jemandem verpflichtet nämlich SICH SELBER!
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    • Daniel Caduff 27.06.2014 16:51
      Highlight Deswegen greift der Gesetzgeber bei vielen Gütern regulatorisch ein. Bestes Beispiel ist sicher die Tierschutzgesetzgebung. Die Käfighaltung von Hühnern ist z.B. in der Schweiz verboten, der Import von Fleisch aus tierquälerischer Haltung ebenso (ob das dann auch nachgeprüft werden kann ist eine andere Frage.) Wir könnten gesetzgeberisch längst den Verkauf von Gütern verbieten, die unter menschenverachtenden Bedingungen produziert worden sind.
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    • Licorne 27.06.2014 21:34
      Highlight Daniel Caduff, grundsätzlich richtig und das ist auch gut so. Aber leider gibt es diverse Wehrmutstropfen, welche auf die Lücken unserer Gesetze hinweisen.

      Du sprichst die Käfighaltung an. Es ist richtig, dass diese bei uns verboten ist. Erlaubt ist aber der Import von Produkten, welche Eier aus Käfighaltung enthalten. Beispielsweise Barilla-Teigwaren. Und das ist leider nur die Spitze des Eisbergs..
      2 1 Melden
  • Daniel Caduff 27.06.2014 15:59
    Highlight Auf dem Bild oben sind nur Frauen abgebildet. Vermutlich Zufall, aber eventuell auch eine nicht ganz beabsichtigte Offenlegung der Wahrheit.... Wenn ich mit Grausen in einen H&M blicke, sehe ich da auf jeden Fall auch jedes Mal gefühlte 90% Frauen....
    9 1 Melden

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