Teils mit Gewalt: Darum gehen Frankreichs Schüler auf die Barrikaden
Warum gehen die Schüler in Frankreich auf die Strasse?
Die Proteste richten sich gegen Mängel an den Gymnasien: veraltete Infrastruktur oder Klassen mit über 30 Mitgliedern. Besonders stört die Schülerinnen und Schüler auch der Lehrermangel. Laut zwei Gewerkschaftsumfragen fehlt an jeder Mittel- und Oberstufe mindestens ein Lehrer, dies bereits in den ersten Wochen nach den Sommerferien.
Der erste Protest brach vor neun Tagen am Gymnasium Saint-Exupéry de Créteil aus, wo mehrere Lehrkräfte fehlten. Diesem schlossen sich die Schüler rund 60 Lycées in Paris an. Weil die dortigen Probleme in ganz Frankreich akut seien, rief die Union syndicale lycéenne, eine Schülergewerkschaft, zu landesweiten Protesten auf. Laut des Bildungsministeriums kam es bisher an 338 Schulen in ganz Frankreich zu Protestaktionen oder Blockaden.
Wie verlaufen die Schülerproteste?
Vielerorts blockieren die Demonstrierenden die Eingänge zu ihren jeweiligen Schulen, zum Beispiel mit Mülltonnen und Sperrgut. Gestern Mittag war der Zugang zu 40 Gymnasien komplett blockiert gewesen, an 44 weiteren Schulen versuchten Protestierende, Blockaden zu errichten. Teils kam es auch zu Sachbeschädigungen und Angriffen auf Polizisten. Das Bildungsministerium vermeldete 440 Festnahmen und 30 Verletzte. Zudem seien mindestens 10 Angestellte des Bildungsministeriums verletzt worden, schreibt Frankreichs Bildungsminister Édouard Geffray auf X.
Aujourd’hui, au moins 10 personnels de l’Éducation nationale et plusieurs élèves ont été blessés, notamment par des tirs de mortier.
— Édouard Geffray (@EdouardGeffray) September 29, 2026
Les premiers sont des fonctionnaires, qui servent l'intérêt général et le service public. Les seconds sont des élèves que nous avons tous les…
Mittlerweile beteiligen sich auch die Studenten mehrerer Universitäten an den Protesten. Die Schülergewerkschaft möchte den Druck auf die französische Regierung aufrechterhalten und hat dazu aufgerufen, auch am Donnerstag die Schulen im Land zu blockieren. Am 6. Oktober fordert sie zudem zu einer grossen Demonstration auf gegen Prekarität sowie soziale und rassistische Ausgrenzung.
Weshalb haben auch Lehrer und Feuerwehrleute protestiert?
Bei manchen Gymnasien solidarisieren sich die Lehrerinnen und Lehrer mit ihren Schützlingen. Gegenüber der deutschen Tagesschau nahm eine Lehrerin des Lycée Paul Éluard im Norden von Paris Stellung. Sie sagte: «Uns fehlen Tische. Stühle brechen jeden Tag zusammen, es gibt ein riesiges Gefühl der Ungleichheit gegenüber den Schulen im Pariser Stadtzentrum. Aber wir streiken auch, weil es so krasse Polizeigewalt gegen unsere Schüler gegeben hat.»
Auf den Dienstag fiel zudem der nationale Streiktag im öffentlichen Dienst. Lehrkräfte, Pflegekräfte und Feuerwehrleute gingen im ganzen Land auf die Strasse. Laut des Gewerkschaftsbunds CGT beteiligten sich 300'000 Personen, alleine 70'000 in Paris. Sie fordern höhere Löhne. Diese seien seit 2017 im Verhältnis zur Inflation zu wenig gestiegen. Zudem fürchten die öffentlichen Angestellten, dass sie das geplante Sparpaket der Regierung treffen könnte. Premierminister Sébastien Lecornu kündigte Einsparungen in Höhe von 54 Milliarden Euro an.
Wie reagiert die französische Regierung auf die Proteste?
Bildungsminister Édouard Geffray hat am Mittwochmorgen gegenüber RTL nochmals seine Sorge über die Ausschreitungen bekräftigt. Manche Forderungen der Schülerinnen und Schüler seien «legitim», sagte er auch.
Dies war nicht nur eine Reaktion auf die Proteste, sondern auch eine Antwort auf Bally Bagayoko, der mit seinen Aussagen zu den Geschehnissen Aufsehen erregte. Der Bürgermeister von Saint-Denis (Stadt nördlich von Paris) verurteilte Polizeigewalt und Gummischroteinsätze gegen Schüler und sagte, dass Gewalt in diesem Kontext ein legitimes Mittel sein könne.
Politische Entscheide in Reaktion auf die Proteste hat Édouard Geffray bisher nicht angekündigt. Genau diese fordern aber die Schülerinnen und Schüler nun. Der Präsident der Schülergewerkschaft zeigte sich bereit, den Bildungsminister für Gespräche zu treffen. Dort wolle man konkrete Massnahmen fordern, um die Probleme der überlasteten Klassen und Stundenpläne zu beheben.
Was haben die Proteste mit der Präsidentschaftswahl 2027 zu tun?
Verschiedene Akteure scheinen die Proteste nutzen zu wollen, um sich mit Blick auf die Präsidentschaftswahlen 2027 positionieren zu wollen.
Die linkspopulistische Partei «La France Insoumise» (LFI) unterstützt die Proteste der Schülerinnen und Schüler. Ihre Führungsfigur ist Jean-Luc Mélenchon, Nachfolger von Präsident Emmanuel Macron werden will. Er wirft der Regierung etwa vor, Repressionen angeordnet zu haben und beschuldigte die Polizei des Rassismus gegenüber den Schülern aus den Banlieus.
Die konservative Vorsitzende des Pariser Regionalrates, Valérie Pécresse, warf ihm darum vor, sich Stimmen für im Hinblick auf die Präsidentschaftswahlen sichern zu wollen.
Kritisch sieht die LFI-Unterstützung für die Proteste auch Gabriel Attal. «La France insoumise benutzt unsere Jugend als politisches Kanonenfutter», sagte der ehemalige französische Premierminister. Man müsse die Forderungen hören, doch Gewalt sei keine Lösung. Attal steht der liberalen Partei «Renaissance» vor und stellt sich kommendes Jahr ebenfalls bei den Präsidentschaftswahlen. 2024 war er unter Emmanuel Macron Premierminister, nun distanziert er sich aber vom Französischen Präsidenten.
