Wirtschaft
Interview

Experte über Seltene Erden: «Befinden uns in einem Krieg um Ressourcen»

Auf dem Bild: Eine Miene in China mit einem Fahrzeug und zwei Arbeiter*innen im Vordergrund. Dahinter ein Bild einer weiteren Miene für seltene Erden über einem Satellitenbild.
Bild: watson/keystone/getty
Interview

«Wir befinden uns in einem Krieg um Ressourcen»

Ob Waffen, Computer oder Elektroautos: Seltene Erden werden immer wichtiger. China hat ein Monopol auf die Produktion dieser Mineralien. Was dies für uns bedeutet, erklärt Charl Malan, Senior Metals und Mining Analyst beim niederländischen Vermögensverwalter VanEck.
31.10.2026, 10:0331.10.2026, 10:38

Ich möchte mit einem Vergleich beginnen: Kann man China und Seltene Erden gleichsetzen mit Iran und der Strasse von Hormus?
In Bezug auf die strategische Abhängigkeit ist der Vergleich durchaus treffend. Politisch und wirtschaftlich sprechen wir allerdings von zwei völlig unterschiedlichen Situationen.

Weshalb?
Wer an die Strasse von Hormus denkt, denkt an Energie. China kontrolliert die wichtigsten Seltenen Erden wie Neodym und Dysprosium und dominiert die Raffinierung von Kobalt und Lithium. Es gibt jedoch auch einen wichtigen Unterschied.

KEYPIX - People wade in the water as cargo ships are anchored in the Strait of Hormuz off Bandar Abbas, Iran, early Monday, Sept. 28, 2026. (KEYSTONE/Amirhosein Khorgooi/ISNA via AP)
Festsitzende Öltanker in der Strasse von Hormus.Bild: keystone

Und der wäre?
Durch die Strasse von Hormus werden rund 20 Prozent des Öls transportiert. Die Chinesen hingegen kontrollieren rund 90 Prozent der Verarbeitung von Seltenen Erden.

Das ist gewissermassen die Strasse von Hormus im Quadrat.
Exakt. Und dafür gibt es Gründe. Die Ölquellen befinden sich im Nahen Osten, die Verarbeitung hingegen nicht. Im Falle der Seltenen Erden und China ist es genau umgekehrt. Die Ressourcen sind mehrheitlich in Afrika , Myanmar, Brasilien, etc.

Ist es so schwierig, den Prozess der Verarbeitung zu beherrschen?
Um einen Magneten herzustellen, muss man verschiedene Produktionsschritte durchlaufen. Am Anfang steht die Mine, ein grosser Teil davon wird von den Chinesen kontrolliert. Dann werden die Steine einem chemischen Prozess unterzogen. Man kann das am besten mit einer riesigen Waschmaschine vergleichen. Zudem gibt es verschiedene Arten von Magneten. Die Fähigkeit, die kompliziertesten dieser Magneten herzustellen, besitzen fast nur die Chinesen. Sie haben die Technologie und das Know-how.

Wofür werden diese Magneten gebraucht?
Für die Eroberung des Weltalls und für die Waffenindustrie. Einen Magneten für eine Tür oder etwas Ähnliches zu machen, ist leicht, jeder kann das. Wenn dieser Magnet jedoch in einer Rakete oder im Weltraum funktionieren muss, dann ist das eine andere Sache. Das können, in grossem Massstab, fast nur die Chinesen – und das ist das Problem, vor dem wir stehen.

Präsident Trump will nicht, dass die Lifte auf seinen Flugzeugträgern mit Magneten ausgerüstet sind. Ist das, weil er die Technologie nicht versteht, oder weil er die Abhängigkeit von China vermindern will?
Nur ein ganz kleiner Teil der Magneten wird für militärische Zwecke gebraucht. Aber dieser Teil wird in Zukunft immer wichtiger werden. Es wird davon ausgegangen, dass das Wachstum dieser Seltenerdmagnete in den nächsten zehn Jahren um 150 Prozent zunehmen wird. Sie werden für Elektroautos, Satelliten, Robotics, Laser und Waffen gebraucht. Für die Elektroautos werden Seltenerdmagnete in Standardqualität verwendet.

Charl Malan
Kennt sich bei Rohstoffen und Energie aus: Charl Malan.

Die Abhängigkeit von China in Sachen Seltene Erden ist seit Jahrzehnten bekannt. Weshalb hat man nichts unternommen, um sie abzubauen?
Aus zwei Gründen: Vor zehn Jahren haben wir noch weniger davon benötigt. Heute sind sie in Smartphones, Computer, Autos, etc, eingebaut. Gleichzeitig hat sich der Krieg verändert. Drohnen und Cyberspace sind viel wichtiger geworden. Ohne Seltene Erden ist es sehr schwierig, intelligente Raketen herzustellen. Um auf Ihre Frage zurückzukommen: Bis vor kurzem haben wir nicht so viele Seltenen Erden gebraucht – und was wir gebraucht haben, das hat uns China geliefert. Warum hätten wir uns also den Kopf zerbrechen sollen?

Es hat aber bereits einen Vorfall gegeben, der uns hätte warnen müssen. 2010 stellte China wegen eines Streits mit Japan vorübergehend die Lieferung von Seltenen Erden ein. Warum wurde dieses Warnsignal ignoriert?
Natürlich war dies ein Warnsignal. Die Amerikaner haben zwar eine Liste gemacht, in der die wichtigsten Seltenen Erden aufgeführt sind. Europa unternahm kaum etwas auf Grundlage seiner eigenen Liste. Europa war derart fixiert auf Umweltfragen, dass es dieses Problem ganz einfach nicht zur Kenntnis nahm.

«Es geht auch nicht darum, die gesamte Produktion von Seltenen Erden selbst zu kontrollieren. Wir brauchen nur das oberste Segment.»

Als Trump am 2. April 2025 seine Strafzölle bekannt gab, haben die Chinesen sehr cool, aber auch sehr logisch reagiert: Sie haben keine Seltenen Erden mehr geliefert, und Trump musste den Schwanz einziehen. Wie lässt sich diese Ignoranz erklären?
Lassen Sie mich ein wenig ausholen: 2011 war ich zusammen mit einem Kollegen unterwegs in meinem Heimatland Südafrika. Wir haben ziemlich abgelegene Orte besucht, die nicht von Touristen frequentiert werden. Was mir aufgefallen ist: In fast jedem der Flugzeuge, in das wir eingestiegen sind, lag der Anteil an chinesischen Passagieren bei mindestens 20 Prozent. Da habe ich realisiert: Wir befinden uns in einem Krieg um Ressourcen, den niemand zur Kenntnis nehmen will.

Und die Chinesen sind am Gewinnen?
Aber sicher. Sie senden seit Jahren Fachleute und Geld nach Afrika, um an die natürlichen Ressourcen zu kommen. Ich weiss gar nicht, wie viele Fussballstadien ich gesehen habe, die mit chinesischem Geld und chinesischen Arbeitern in Afrika gebaut worden sind, unter anderem um den Zugang zu diesen Ressourcen zu sichern.

Wie ist heute der Stand dieses Krieges um Ressourcen?
Die Amerikaner sind inzwischen aufgewacht. Sie beteiligen sich an der Finanzierung des Lobito Railway, eines Eisenbahnsystems, das Sambia und die Demokratische Republik Kongo mit Angola verbindet. Damit wollen sie den Abtransport von Rohstoffen aus Zentralafrika ermöglichen.

Um die Abhängigkeit von China zu vermindern, spricht man neuerdings von Decoupling und De-Risking. Was ist davon zu halten?
Ich kann nur sagen: viel Glück.

FILE - Workers use machinery to dig at a rare earth mine in Ganxian county in central China's Jiangxi province on Dec. 30, 2010. (Chinatopix via AP, File)
Congress Critical Minerals
Eine Seltene-Erden-Mine in Zentrralchina.Bild: keystone

Das tönt nicht sehr ermutigend.
Die Lieferketten der Seltenen Erden sind fast vollständig in chinesischer Hand. Um daran etwas zu ändern, braucht es Jahre, unabhängig davon, wie viel Geld Sie dafür aufwenden. Es geht auch nicht darum, die gesamte Produktion von Seltenen Erden selbst zu kontrollieren. Wir brauchen nur das oberste Segment, also die hitzebeständigen Varianten, die mengenmässig nur einen sehr kleinen Anteil ausmachen.

Wie erreichen wir dieses Ziel?
Die Amerikaner wollen unbedingt erreichen, dass sie wenigstens bezüglich Waffen unabhängig werden. Nur so kann die nationale Sicherheit garantiert werden. Wussten Sie, dass einige Rüstungsunternehmen noch immer die technischen Spezifikationen ihrer Produkte nach China schicken müssen, wenn sie die benötigten Seltenen Erden erhalten wollen?

Was genau muss sich ändern?
Seit Covid wissen wir, dass die Just-in-time-Produktion zu riskant geworden ist, dass die Lieferketten zu anfällig sind. Die Amerikaner haben deshalb das «Project vault» lanciert, will heissen, sie bauen Vorratsbunker für Seltene Erden auf. Wenn beispielsweise Ford zu wenig Seltene Erden hat, um den Pickup F150 herzustellen, dann könnten sie diese aus dem Vorratsbunker beziehen.

Was ist mit Recycling?
Das muss eine Lösung werden. Bis zu 30 Prozent des Angebots der Seltenen Erden aus China stammt aus dem Recycling. Der grösste Teil davon kommt jedoch nicht aus Produkten, deren Lebenszyklus abgelaufen ist. Es geht vielmehr darum, den Abfall, der bei der Produktion anfällt, wieder zu verwerten.

«Bis zu 30 Prozent des Angebots der Seltenen Erden aus China stammt aus dem Recycling.»

Was ist dabei das Problem?
Es ist ein sehr schmutziger Prozess. So einleuchtend das Recycling in der Theorie daher ist, wenn es in der Praxis darum geht, es auch umzusetzen, schrecken viele Menschen davor zurück.

Gibt es noch keine Technologie, die dieses Problem lösen kann?
Bisher ist noch nichts in Sicht, das in grossem Massstab funktioniert. Wir werden jedoch erleben, dass sehr viel mehr Geld zur Verfügung stehen wird, um dieses Problem zu lösen. Die Amerikaner sind zudem im Begriff, möglichst alle Firmen, die Magnete herstellen, aufzukaufen.

Könnte KI helfen, das Recycling-Problem zu lösen?
KI kann die Effizienz bei der Produktion verbessern und die Kosten senken. Dafür wird sie bereits auch eingesetzt.

Die EU und China haben soeben ein Handelsabkommen abgeschlossen. Hilft das auch, das Seltene-Erden-Problem zu beheben?
Europa ist einer der grössten Exportmärkte für die Chinesen. Das ist der grösste Trumpf der Europäer. Ich bin jedoch der Meinung, dass es gefährlich ist, wenn sie ihren Markt zu sehr für die Chinesen öffnen.

«Was kann die Schweiz China anbieten, was der Rest von Europa nicht hat?»

Hat Europa eine andere Wahl?
Vielleicht nicht. Aber wenn ich mir vor Augen führe, was derzeit mit den Elektroautos abgeht, dann mache ich mir wirklich Sorgen um die europäische Wirtschaft. Europa hat auch sehr wenig Mineralien – und die Amerikaner kaufen vieles auf.

Wie sehen Sie die Lage für die Schweiz?
Schwierig. Ich glaube, sehr ähnlich wie diejenige von Europa. Oder was kann die Schweiz China anbieten, was der Rest von Europa nicht hat?

Wir besitzen immerhin bereits einen Freihandelsvertrag mit China.
Schön. Das ändert jedoch nicht viel daran, dass die Schweiz genau wie der Rest von Europa in vieler Hinsicht von China abhängig ist. Leider hat Europa in den letzten Jahren sehr viel Energie aufgewendet, um grün zu werden. Daran ist grundsätzlich nichts auszusetzen. Dummerweise ist dabei jedoch viel anderes vernachlässigt worden.

Die Klimaerwärmung jedoch ist wirklich ein Problem, das haben wir ja gerade in diesem Sommer wieder erlebt.
Sicher. Nur dürfen wir nicht übersehen, dass die Energiefrage wirklich zentral ist. Der Verbrauch von Energie ist in der Geschichte der Menschheit so gut wie nie rückläufig gewesen. Das wird sich auch nicht ändern. Deshalb sind wir auf alle Energiequellen, die wir besitzen, angewiesen. Europa hat die Kohlenenergie verlassen und teilweise auch die Atomenergie.

Kernkraftwerk von Cattenom / Frankreich *** Cattenom nuclear power plant France 1098301047
Muss bald ersetzt werden: das französische Kernkraftwerk von Cattenom.Bild: www.imago-images.de

Dafür wurden Solar- und Windenergie ausgebaut.
Nochmals: Das ist eine gute Idee, aber es reicht nicht. Die Atomkraftwerke in Frankreich beispielsweise kommen in die Jahre und müssen irgendwann ersetzt werden.

Wir brauchen somit neue Atomkraftwerke?
Wir brauchen jede verfügbare Energiequelle. Deshalb ist in den USA trotz des politischen Gegenwinds aus Washington Solarenergie die am schnellsten wachsende Energieform. Auch China baut seine Energieproduktion massiv aus. Vor allem in Europa geschieht viel zu wenig. Ich bin auch für den Aufbau von nachhaltiger Energie, aber es wird nicht funktionieren, wenn wir die anderen Energiequellen schlagartig versiegen lassen.

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