Wirtschaft
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Verkehrte Welt in der «Alice in Wunderland»-Wirtschaft. bild:shutterstock

Wir leben auf Pump: Nur ein radikaler Schritt wie Vollgeld führt aus der Schuldenfalle

Die weltweite Verschuldung bedroht die Stabilität der Wirtschaft und hemmt das Wachstum. Billiges Geld und immer mehr Kredite führen in eine «Alice im Wunderland»-Wirtschaft mit gefährlichen Folgen. 



UBS-Verwaltungsratspräsident Axel Weber, Swiss-Re-Chef Michel Liès, der CEO der Zürich-Versicherung, Martin Senn und andere Wirtschaftsgrössen aus der Schweiz und dem Ausland haben ein Manifest unterzeichnet, das dazu aufruft, das Finanzsystem stabiler zu machen. Sie befürworten dabei überraschenderweise eine strengere Regulierung durch Staat und Notenbanken. Woher die überraschende Kehrtwende?

Billiges Geld und Negativzinsen sorgen für falschen Anreiz

Hintergrund des Vorstosses der Topmanager ist, was gelegentlich auch eine «Alice im Wunderland»-Wirtschaft genannt wird. Billiges Geld und Negativzinsen sorgen für falsche Anreize und Verunsicherung. Statt ihr Geld in sichere Staatsanleihen zu investieren, müssen Pensionskassen und Versicherungen in riskantere Anlagen wie Aktien flüchten. Die Finanzmärkte werden nervös, das zeigt etwa der überraschende Zinsanstieg auf den Obligationenmärkten. 

Am meisten Kummer verursacht jedoch die nach wie vor steigende Schuldenlast. Das Beratungsunternehmen McKinsey hat kürzlich eine Studie veröffentlicht, die zum Schluss kommt, dass die weltweite Verschuldung von Ländern, Unternehmen und privaten Haushalten seit Ausbruch der Finanzkrise um 50 Billionen Franken zugenommen hat. Das entspricht beinahe hundert Mal dem Bruttoinlandsprodukt der Schweiz. 

Schuldenwirtschaft

Weltweit wächst der Schuldenberg. In der Schweiz sind die Hypotheken explodiert. Die Staatsschulden hingegen haben abgenommen.  grafik: Melanie gath 

Die Erhöhung der Staatsschulden ist eine direkte Folge der Finanzkrise. Um einen Kollaps der Wirtschaft zu verhindern, musste die öffentliche Hand einspringen, Banken retten und mit kostspieligen Programmen die Konjunktur ankurbeln. Dazu gesellten sich wie beispielsweise in Griechenland die Folgen einer verfehlten Politik und das verantwortungslose Handeln von Banken. 

Der Staat fördert private Verschuldung

Auch der Schuldenberg von Unternehmen und privaten Haushalten hat inzwischen schwindlige Höhen erreicht. Das gilt auch für die Schweiz. Die Summe aller Hypotheken übersteigt die 1000-Milliarden-Franken-Grenze und beträgt mittlerweile mehr als 160 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Nicht auszudenken, was ein rascher Anstieg der Leitzinsen hierzulande auslösen würde. 

Die hohe private Verschuldung ist eine Folge von falschen Anreizen. In der Schweiz werden Hypothekarschulden steuerlich begünstigt und das Vermeiden von Schulden mit dem Eigenmietwert bestraft. Die Subventionierung von Hypotheken zeigt fragwürdige Resultate: Die Schweiz hat im internationalen Vergleich sehr teure Immobilien, aber einen unterdurchschnittlichen Anteil an Wohneigentum. 

Aktiencrash ist weniger schädlich als Schulden

In einer gesunden Wirtschaft sind Schulden kein Problem. Im Gegenteil: Dank Krediten wird die Wirtschaft angeheizt und der allgemeine Wohlstand gefördert. Werden Kredite jedoch leichtsinnig gewährt und übersteigen sie ein gewisses Mass, dann werden Schulden zu einem Handicap. Sie liegen bleischwer auf der Volkswirtschaft und sorgen für Stagnation, die lange dauern kann. 

Der «Economist» stellt in seiner jüngsten Ausgabe folgenden Vergleich auf: Der Börsencrash nach der Dotcom-Euphorie hat zwischen 2000 und 2002 einen weltweiten Verlust von vier Billionen Dollar verursacht. Die Folge war eine milde Rezession. Der direkte Schaden der Finanzkrise zwischen 2007 und 2010 betrug bloss zwei Billionen Dollar, die Folge ist eine schwere Krise der Weltwirtschaft. 

Banken dürfen kein Fiat-Money mehr schöpfen

Warum dieser Unterschied? Der Dotcom-Crash bestrafte in erster Linie die Aktionäre. Sie mussten die Verluste tragen, anders ausgedrückt: Diese Verluste wurden sehr schnell abgeschrieben, das System erholte sich rasch. Ganz anders sieht es aus, wenn die Verluste in Obligationen und Krediten anfallen. Ein jahrelanges Gerangel ist dann die Folge, das Finanzsystem ist gelähmt und die Wirtschaft stagniert. Daher fordert der «Economist» folgerichtig: Die Wirtschaft sollte viel stärker über Aktien finanziert werden als über Obligationen und Darlehen. 

Ein anderer Weg aus der Schuldenfalle ist das Vollgeld. Kurz gesagt bedeutet dies: Die Banken dürfen keine Kredite mehr mit Fiat-Money schaffen, sondern nur noch Geld verleihen, das ihnen die Sparer oder die Zentralbank zur Verfügung stellen. Damit wird verhindert, dass Kredite auf Kredite getürmt werden und die Volkswirtschaft immer stärker im Schuldenmorast versinkt. 

600 Milliarden Franken dank Vollgeld

Die Vollgeld-Theorie ist während der Grossen Depression an der University of Chicago entwickelt worden. Heute ist sie wieder aktuell. Island erwägt derzeit eine Umstellung auf Vollgeld, in der Schweiz werden Unterschriften für eine Vollgeld-Initiative gesammelt. Zumindest die staatlichen Schulden würden damit auf einen Schlag getilgt. Dank der Seigniorage, dem Privileg, Geld schaffen zu können, würden der Schweizerischen Nationalbank bei einer Umstellung auf Vollgeld rund 600 Milliarden Franken zufliessen. 

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    Alle Leser-Kommentare
  • Schneider Alex 26.05.2015 06:39
    Highlight Highlight In der Geldmengentheorie war lange klar, dass inflationsfreies Wachstum langfristig nur mit einer Geldmengenerweiterung gemäss dem realen Wachstum einer Volkswirtschaft möglich ist.
  • Karl33 19.05.2015 23:53
    Highlight Highlight leicht geht vergessen, dass des einen schulden des anderen vermögen ist. wem wohl die 199 billionen geschuldetes vermögen weltweit gehören? und ob diese vermögenden besitzer nicht auch mitreden werden bei diesem thema? man könnte sogar vermuten, dass, wer so vermögend ist, die geschicke der staaten und des marktes sowieso bestimmt. nur so als anregung zu mitdenken.
    • Wilhelm Dingo 20.05.2015 08:54
      Highlight Highlight Eben nicht. Wenn die Bank einen Kredit vergibt muss sie dabei nur einen Bruchteil an Vermögen dafür haben. Den Rest des Geldes schöpft sie neu. Deine logische Sichtweise impliziert Vollgeld!
  • Hugo Wottaupott 19.05.2015 22:41
    Highlight Highlight Jeder und Alle leben auf pump bis der der bezahlt wurde neue Ware mit dem erhaltenen Geld gekauft hat.
  • Lightning makes you Impotent (LMYI) 19.05.2015 22:09
    Highlight Highlight Eine gute Sache! Würde dies die Schweiz jedoch separat einführen, führt dies zu einer weiteren Stärkung des Schweizer Franken zu den anderen Währungen...
  • FlorianH 19.05.2015 20:50
    Highlight Highlight Vollgeld muss endlich in die breite, öffentliche diskussion geraten! Ich halte vollgeld nicht für das allheilmittel unser kranken wirtschaft und noch viel kränkeren finanzmärkte, aber für einen richtigen schritt in die richtige richtigung einer gesünderen alternative!!
  • fiodra 19.05.2015 20:17
    Highlight Highlight Ich schätze Ihre lesenswerten Artikel sehr, Herr Löpfe, welche hintergründige Zusammenhänge erklären, die zur Zeit relevant sind, ohne dass sie dem Zeitgeschehen hinterher hecheln. Ich halte Wissen und Erfahrung für viel wichtiger, als diese zur Zeit modischen, aber extrem oberlächlichen Newsticker die Hektik und Aufregung erzeugen sollen; auch bei Watson.
    • Philipp Löpfe 19.05.2015 21:10
      Highlight Highlight Vielen Dank für die Blumen.
  • Zeit_Genosse 19.05.2015 18:53
    Highlight Highlight Mit billigem Geld oder Flucht wegen Negativzinsen werden Immobilien und Aktien teuer mit günstigem Schuldengeld gekauft. Wenn die Zinsen ansteigen, die Immopreise nach unten gehen und die Aktienwerte korrigieren, dann wird es für viele eng. Die PK-Gelder nicht zu vergessen, die riskant angelgt werden. Ich könnte noch weiter aufzählen.
    • The Destiny // Team Telegram 19.05.2015 21:10
      Highlight Highlight In der EU gibt es bereits Staaten die Rentengelder zum tilgen von schulden verwenden.

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