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FILE - In this July 12, 1995 file photo Bosnian Serb army General Ratko Mladic, left, drinks with Dutch military Col. Thom Karremans, second right, in the Bosnian village of Potocari. A Dutch high court has ruled on Wednesday, April 29, 2015 that retired General Thom Karremans could not be held criminally liable on grounds of command responsibility. The military chamber of the Arnhem court ruled that Karremans who commanded Dutch peacekeepers in the Bosnian enclave of Srebrenica when Bosnian Serb fighters overran the town and massacred some 8,000 Muslim men should not be prosecuted for involvement in the slayings. (AP Photo, File)

Das Bild der Schande: Oberst Thom Karremans (Mitte), Kommandant des Dutchbat, trinkt mit Ratko Mladic (links). Bild: Anonymous/AP/KEYSTONE

Das Vietnam der Niederlande: «Srebrenica hat mein Leben kaputt gemacht»

Die niederländische UNO-Einheit Dutchbat konnte den Völkermord in Srebrenica vor 20 Jahren nicht verhindern. Die Soldaten wurden als Feiglinge beschimpft und fühlen sich im Stich gelassen.



Als Luc Smit* in den Krieg zog, war er 19 Jahre alt. «Eigentlich noch ein Kind», sagt er heute und lacht bitter. Im Januar 1995 kam der junge Niederländer als UNO-Blauhelmsoldat nach Jugoslawien – nach Srebrenica. Er blieb sechs Monate, sie sollten sein Leben verändern.

Jetzt – 20 Jahre später – ist Smit Frührentner: Posttraumatische Belastungsstörung. «Srebrenica hat mein Leben kaputt gemacht», sagt er im Gespräch mit der Nachrichtenagentur dpa.

Smit war einer von rund 400 niederländischen Soldaten, die 1995 im Auftrag der UNO in das damalige Bürgerkriegsland geschickt worden waren. Die Blauhelm-Einheit Dutchbat sollte die tausenden muslimischen Flüchtlinge in Srebrenica schützen.

Der Einsatz sollte dramatisch scheitern. Srebrenica wurde zum Vietnam der Niederlande. Am 11. Juli überrannten serbische Einheiten unter dem Kommando von General Ratko Mladic die Enklave und ermordeten später etwa 8000 muslimische Männer und Jungen.

Gesicht des Versagens

Srebrenica war der erste Völkermord auf europäischem Boden nach Ende des Zweiten Weltkrieges. Es wurde auch zum Synonym für das Versagen der internationalen Gemeinschaft. Für viele bekam das Versagen ein Gesicht: Dutchbat.

Massaker von Srebrenica

Die Niederländer hatten sich kampflos den Serben ergeben und wurden dafür als «Feiglinge» beschimpft. Sie hätten dem Massenmord tatenlos zugesehen, lautet der Vorwurf. Das Bild wurde inzwischen zwar korrigiert. Doch der Makel blieb.

Sie hätten gar nichts tun können, sagt Smit, der auch Vorsitzender des Vereins «Dutchbat 3» ist. «Jeder von uns hatte nur zehn Kugeln Munition.» Die versprochene Luft-Unterstützung französischer UNO-Truppen blieb aus. «Wir wurden im Stich gelassen», sagt er. «Von der UNO und unserer eigenen Regierung.»

Schlimme Ohnmacht

Smit sitzt am Tisch in seinem hellen modernen Haus bei Utrecht, ein kräftiger freundlicher Mann in Jeans und T-Shirt. Jahre von Therapien hat er hinter sich, erzählt er freimütig. Noch immer schluckt er Medikamente gegen die Depressionen.

30 Prozent der ehemaligen Dutchbatter geht es wie ihm. Sie wurden krank, arbeitsunfähig, alkohol- oder drogenabhängig. Ehen gingen in die Brüche, mehrere Ex-Soldaten nahmen sich das Leben.

FILE - In this July 13, 1995 file photo Dutch UN peacekeepers sit on top of an APC while Muslim refugees from Srebrenica, eastern Bosnia, gather in the village of Potocari, some 5 kms north of Srebrenica. A Dutch high court has ruled on Wednesday, April 29, 2015 that retired General Thom Karremans could not be held criminally liable on grounds of command responsibility. The military chamber of the Arnhem court ruled that Karremans who commanded Dutch peacekeepers in the Bosnian enclave of Srebrenica when Bosnian Serb fighters overran the town and massacred some 8,000 Muslim men should not be prosecuted for involvement in the slayings. (AP Photo, File)

Niederländische Blauhelme beobachten Menschen, die aus Srebrenica flüchten konnten. Bild: Anonymous/AP/KEYSTONE

Die Erinnerungen lassen keinen los, sagt Smit. Das Elend der Flüchtlinge, die Todesangst und die ständige Bedrohung. «Das Schlimmste war damals die Ohnmacht, das man als Soldat nichts tun konnte.»

Bier statt Hilfe

Psychische Hilfe gab es für die niederländischen Blauhelme nicht. Das ist nach Ansicht von Experten auch der Hauptgrund für die verhältnismässig vielen Fälle von posttraumatischen Störungen bei dieser Einheit.

Statt Hilfe gab es damals Bier. Als die traumatisierten Soldaten aus Srebrenica in Zagreb ankamen, lud das Verteidigungsministerium zur Grill-Party: Hauptgast war Kronprinz Willem-Alexander, der heutige König. Zur selben Zeit herrschte weltweit Entsetzen über den Massenmord.

Kurz nach seiner Heimkehr zeigten sich bei Smit die ersten Symptome. «Ich war hyperaktiv, schreckhaft, aggressiv, depressiv, trank zu viel Alkohol.» Er wurde für arbeitsunfähig erklärt.

Ministerium beteuert Unschuld

Er und rund 200 seiner ehemaligen Kameraden verklagten ihren früheren Arbeitgeber. 2013 hatte das höchste niederländische Gericht das Ministerium in einem Fall zur Zahlung von Schadenersatz verurteilt. Es war seiner Fürsorgepflicht nicht nachgekommen.

Dennoch weise das Ministerium alle Verantwortung zurück und ziehe alle weiteren Verfahren gnadenlos durch, klagt Smits Anwalt. «Diese Haltung aber macht die Probleme der Veteranen noch schlimmer.»

epa04487726 Former Dutchbat commander Thom Karremans arrives at the court in Arnhem, The Netherlands, 13 November 2014. Karremans must defend himself against accusations that he was an accessory to murder, war crimes and genocide after the fall of Srebrenica in 1995.  EPA/VINCENT JANNINK

Thom Karremans heute: Ein Militärgericht wies im April eine Klage gegen den damaligen Kommandanten ab. Bild: EPA/ANP

Schadenersatz allein werde nicht helfen, meint Smit. «Wir wollen endlich die Wahrheit wissen.» Auch 20 Jahre nach dem Drama ist vieles noch ungeklärt. «Warum musste die Enklave fallen? Warum wurden wir im Stich gelassen?»

Elfmal kehrte Smit inzwischen zurück nach Srebrenica, auch auf der Suche nach Antworten. Er war überwältigt von dem herzlichen Empfang der bosnischen Bevölkerung. «Das Land», sagt er überzeugt, «ist auch ein wenig mein Land geworden.»

*Name von der Redaktion geändert.

(pbl/sda/dpa)

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    Alle Leser-Kommentare
  • AdiB 13.07.2015 16:02
    Highlight Highlight dieser karreman, liess sich von möadic beschimpfen und hat in zagreb noch einen raport ausgefühlt, wie gut mladic kooperierte.
    dieser mensch war korrupt und sollte mit allen anderen kriegsverbrecher in haft gesteckt werden.
    die klage gegen ihn wiesen sie zurück, aber gegen einfache soldaten wie der zwaan werden verfahren eingeleitet.

In Deutschland waren die Flüchtlinge nicht mal willkommen, als es Deutsche waren

Wer glaubt, für Fremdenfeindlichkeit brauche es Menschen aus fremden Ländern, irrt. Nach dem verlorenen Krieg drängten sich Millionen Flüchtlinge und Vertriebene aus den deutschen Ostgebieten in Rest-Deutschland. Heute gilt ihre Aufnahme als vorbildlich – doch in Wahrheit schlugen ihnen damals Hass und Verachtung entgegen und der offen ausgesprochene Gedanke, nicht nach Westdeutschland, sondern nach Auschwitz zu gehören.

Der Volkszorn kocht, und der Redner weiss genau, was die Leute hören wollen: «Die Flücht­lin­ge müs­sen hin­aus­ge­wor­fen wer­den, und die Bau­ern müs­sen da­bei tat­kräf­tig mit­hel­fen», ruft Josef Fischbacher. Der Kreisdirektor des bayerischen Bauernverbandes giesst kräftig Öl ins Feuer und nimmt sogar das Nazi-Wort «Blutschande» in den Mund.

Was hier nach Sachsen im Jahr 2016 klingt, ist Bayern im Jahr 1947. Und die Flüchtlinge, die Fischbacher hinauswerfen will, kommen nicht aus …

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