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«You Can See Everything»: 7 Hintergründe zur viralen Holmes-Doku

This image released by A24 shows filmmaker Nathan Fielder, left, and Elizabeth Holmes, center, in a scene from "You Can See Everything." (A24 via AP)
Film Review - You Can See Everything
Elizabeth Holmes in einer Szene aus dem Dokumentarfilm mit Regisseur Nathan Fielder im Hintergrund.Bild: keystone

«You Can See Everything»: Das musst du zur viralen Doku wissen

Der Dokumentarfilm über die wegen Betrugs verurteilte Unternehmerin Elizabeth Holmes ging am Eröffnungswochenende in den USA durch die Decke. Was steckt hinter dem Hype?
20.10.2026, 19:5020.10.2026, 20:05

Einst wurde sie als weiblicher Steve Jobs gefeiert. Elisabeth Holmes gründete mit gerade einmal 19 Jahren 2003 die Firma Theranos, die Bluttests für zu Hause herstellen sollte – und wurde von Investoren mit Millionen überschüttet. Doch eine Recherche des US-Journalisten John Carreyrou entlarvte sie. Aus der Erfolgsgeschichte wurde einer der grössten Betrugsfälle, den das Silicon Valley je erlebt hat.

Nachdem der Stoff bereits als Serie umgesetzt wurde, haben Nathan Fielders und Lance Oppenheims nun einen knapp dreistündigen Dokumentarfilm gedreht, der Holmes vor, während und nach ihrem Haftantritt begleitet. «You Can See Everything» begeistert das Publikum; schon der Trailer Anfang September ging viral.

Drei Stunden Laufzeit klingen nach schwerer Kost. Doch dies scheint das Publikum nicht davon abzuhalten, in die Kinosäle zu strömen. So erzielte der Film den erfolgreichsten Kinostart für einen Dokumentarfilm in über 20 Jahren. Nach einer Überraschungspremiere beim Telluride Film Festival startete der Dokfilm dieses Wochenende auf weniger als 900 Leinwänden – dennoch spielte dieser an den Kinokassen mit 2000 ausverkauften Vorführungen bereits mehr als 15 Millionen Dollar ein. Über zwei Millionen Menschen liessen sich von der wahnsinnigen Psyche Elizabeth Holmes mitreissen.

Hier kommen sieben Fakten und Hintergrundinformationen, die du vor (oder nach) dem Schauen wissen solltest:

Darum gehts im Film

Der Film beginnt 34 Tage vor Holmes' Antritt ihrer rund elfjährigen Haftstrafe im Jahr 2023. Die Kameras begleiten Holmes im Alltag mit ihrem Partner und ihren Kindern. Fielder konfrontiert die verurteilte Theranos-Gründerin mit allen möglichen Fragen in ihrem Elternhaus und zeigt Eindrücke aus ihrem Familienleben. Obwohl sie beteuert, die Wahrheit zu sagen und dies immer getan zu haben, scheint sie nicht alles zu erzählen, das sie weiss. Das anfänglich als Porträt angedachte Projekt entwickelt sich zu einem dreistündigen Film.

Selbst wenn das Licht im Kinosaal wieder angeht, bleiben laut einigen Berichten gewisse Fragen unbeantwortet. Sogar der Regisseur hadert damit, die Erfahrung in Worte zu fassen: «Ich kämpfe bis heute damit, zu verstehen, was ich durchgemacht habe», sagte dieser letzten Monat vor dem Publikum des New York Film Festivals. Die Vorstellung, dass durch Beobachten und Befragen die objektive Wahrheit ans Licht kommt, kommt hier ins Wanken.

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Elizabeth Holmes bei der Ankunft zu ihrer Strafanhörung im November 2022.Bild: keystone

Wie es zum Film kam

Vierunddreissig Tage vor ihrer Inhaftierung laden die berüchtigte Elizabeth Holmes, Gründerin des inzwischen gescheiterten Biotech-Unternehmens Theranos, und ihr Partner Billy Evans zwei Filmteams in ihr Zuhause in Kalifornien ein. Zuvor hatten sie in Kontakt gestanden mit Führungskräften des amerikanischen Film- und Fernsehunternehmens A24, das für seine unabhängigen Autorenfilme bekannt ist. Filmemacher Nathan Fielder und sein Team sollten jeden von Holmes' Schritten begleiten.

FILE - Nathan Fielder arrives at the 77th Primetime Emmy Awards on Sunday, Sept. 14, 2025, at the Peacock Theater in Los Angeles. (AP Photo/Jae C. Hong,File)
Nathan Fielder
Regisseur Nathan Fielder bei den Emmy Awards 2025.Bild: keystone

Fielder war anfangs skeptisch, ob aus dem Projekt tatsächlich etwas werden würde. «Ich sah in ihr [Holmes] kein Dokumentarfilmprojekt, weil ich die Geschichte für sehr gut erzählt hielt», sagte er dem Publikum des New York Film Festivals. Ursprünglich hatte ihn A24 mit der Idee kontaktiert. Sie boten ihm sogar die Möglichkeit, jederzeit ohne Rückfragen auszusteigen, sollte das Material seiner Meinung nach nicht ausreichen.

Ursprünglich war ein persönliches Porträt angelegt gewesen. Stattdessen entwickelte sich ein umfangreiches dreijähriges Projekt über Holmes Geschichte und den Fall Theranos, das im 174 Minuten langen Dokumentarfilm endete. Denn Holmes und ihr Mann öffneten ihre Türen weit. Das Paar entpuppte sich als faszinierende und undurchschaubare Persönlichkeiten. Involviert war nicht nur FIelders Filmteam, sondern auch dasjenige von Lance Oppenheim.

Darüber, warum Holmes überhaupt an einer Filmproduktion interessiert gewesen war, lässt sich nur spekulieren. Vielleicht ist sie eine Narzisstin, vielleicht hat sie kapitalistische Interessen und möchte ihr Unternehmen wiederbeleben, vielleicht geht es ihr aber auch lediglich darum, ihren Namen reinzuwaschen.

Dokumentarfilm im cinematischen Stil

Es handelt sich bei «You Can See Everything» zwar um einen Dokumentarfilm, doch der Stil gleicht eher einem cinematographischen Kunstwerk. Damit bricht er bewusst mit den gängigen Sehgewohnheiten klassischer True-Crime-Dokus. Statt mit wackligen Handkameras und sterilen Interview-Settings wird Holmes Leben wie ein hochauflösender, psychologischer Spielfilm inszeniert.

Warum sich Fielders als genau der richtige Regisseur für das Projekt entpuppte

Filmliebhaber mögen sich fragen, warum ausgerechnet Nathan Fielder als Regisseur für den Dokfilm über Elizabeth Holmes ausgesucht worden ist.

Man kennt den kanadischen Filmemacher und Komiker beispielsweise von «The Rehearsal», eine Doku-Comedy-Serie, die von Fielder entwickelt, geschrieben und inszeniert wurde und in der er als fiktionalisierte Version seiner selbst die Hauptrolle spielt. Fielder bereitet seine Gäste auf die wichtigsten Momente in ihrem Leben vor; aber hauptsächlich treibt er psychologische Spielchen mit ihnen. Ob sich die Gäste der gestellten Szenen bewusst sind, ist unklar.

Beim Spielfilm «Primetime» (2026) hatte Fielder den Regisseur Oppenheim unterstützt und sich dabei erhebliche künstlerische Freiheiten im Umgang mit realen Begebenheiten genommen.

This image released by A24 shows Robert Pattinson, from left, director Lance Oppenheim, and cinematographer David Bolen during the filming of "Primetime." (A24 via AP)
Film - Primetime
Schauspieler Robert Pattinson (von links), Regisseur Lance Oppenheim und Kameramann David Bolen während der Dreharbeiten von «Primetime».Bild: keystone

Vielleicht liegt darin der Perfect-Match: Fielder hat seine Karriere darauf aufgebaut, so viele Realitätsebenen wie möglich übereinanderzulegen und alles, was wir zu wissen glauben, in Frage zu stellen. In «You Can See Everything» begegnet er einer Frau, die selbst ein Jahrzehnt lang die mächtigsten Menschen der Welt an der Nase herumgeführt hat – und jetzt vielleicht auch ihn? «Ich machte die seltsame Erfahrung, dass sie [Holmes] zeitweise so authentisch wirkte, aber gleichzeitig merkte ich, sobald ich meine Gedanken ordnete, dass sie eine Lügnerin ist», sagte Fielder. Zwei Meister der Täuschung treffen in diesem Dokumentarfilm aufeinander.

Wer ist eigentlich Billy Evans?

Billy Evans lernen wir im Film als Partner von Holmes kennen. Und er ist vor allem eines: stinkreich. Woher sein Vermögen stammt, wird nicht ersichtlich. Das findet man über Evans heraus:

Evans wuchs in San Diego in einer angesehenen Familie auf. Evans Grosseltern hatten 1953 ein später populäres Resort Hotel eröffnet und waren damit Pioniere der südkalifornischen Tourismusbranche. Heute gehören der Familie insgesamt drei Hotels, und über Generationen hinweg konnten sie sich ein Vermögen ansammeln.

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Billy Evans mit seiner Partnerin Elizabeth Holmes.Bild: EPA/John Mabanglo

Evans soll ein «typisches verwöhntes reiches Kind» gewesen sein, wie eine Quelle gegenüber wired sagte. Er machte seinen Bachelorabschluss in Wirtschaftswisssenschaften am Massachusetts Institute of Technology und versuchte dann, ein Startup für medizinische Concierge-Dienste zu gründen, scheiterte dabei jedoch. Anschliessend arbeitete er für diverse Technologieunternehmen, darunter LinkedIn und Luminar Technologies.

Bei einer Wohltätigkeitsveranstaltung lernte der damals 25-Jährige 2017 Holmes kennen. Er sei von ihrer «kindlichen Verwunderung und Authentizität fasziniert» gewesen, schrieb er bei ihrer Urteilsverkündung dem Richter. Gerüchten zufolge soll die Familie Evans von der Beziehung anfangs nicht begeistert gewesen sein. Die beiden sind seit 2018 verlobt und haben mittlerweile zwei Kinder.

Theranos 2.0

2022 gründete Evans das Unternehmen Haemanthus, zu dem es kaum öffentliche Informationen gibt. Bisher hat es keine Produkte auf den Markt gebracht und besitzt nicht einmal eine Website. «Haemanthus» ist der botanische Name für Blutblumen – da muss man unweigerlich an Theranos denken. Tatsächlich ist das erklärte Ziel des Unternehmens, Blut-, Urin- und Speicheltests in Form eines handlichen Geräts in amerikanische Haushalte zu bringen (also das, was im Wesentlichen auch das Ziel von Theranos war).

Screenshot linkedin Haemanthus Billy evans
screenshot: linkedin

Das Unternehmen agiere im Verborgenen, sagte Evans gegenüber der New York Times. Die Heimlichtuerei steht im Gegensatz zur Öffentlichkeit des Dokfilms. Dazu kommt, dass Evans im Film stets sehr beschäftigt wirkt. Obwohl Holmes und Evans den Filmemachern bemerkenswert tiefe Einblicke gewährten, bleibt rätselhaft, worin seine Arbeit eigentlich besteht.

Wann und wo kannst du den Dokfilm schauen?

Der Film ist derzeit nur in den US-Kinos zu sehen. Voraussichtlich wird die Dokumentation exklusiv auf HBO Max erscheinen. Gerüchten zufolge soll der Release im Januar 2027 folgen. Falls du es kaum erwarten kannst: Hier kannst du im Blick behalten, ob du «You Can See Everything» bereits streamen kannst. Zum Überbrücken gäbe es auch noch die Serie «The Dropout» (2022) auf Disney Plus, die den Fall der Selfmade-Milliardärin mit Amanda Seyfried als Elizabeth Holmes nachzeichnet.

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