Sport
EM 2016

Das «Packing» packt die Fussballnerds – die Effizienz der Pässe in der Analyse

Nach dem Pass von Leonardo Bonucci stehen zehn Spieler von Belgien vor dem Ball.
Nach dem Pass von Leonardo Bonucci stehen zehn Spieler von Belgien vor dem Ball.

«Packing» packt die Fussballnerds: Das steckt hinter DEM Modebegriff der Euro 2016

Diese EM bringt nicht nur spannende Spiele. Sie bringt auch ein neues Analysemodell ans Licht. Alle sprechen momentan vom sogenannten «Packing». Das steckt dahinter.
14.06.2016, 14:1015.06.2016, 01:06
Janick Wetterwald
Janick Wetterwald

Fussball – das einfache Spiel elf gegen elf auf zwei eckige Tore mit einem runden Ball. Wer nach 90 Minuten mehr Tore als der Gegner erzielt hat, gewinnt. Einverstanden, die Regeln sind mit der Zeit etwas komplizierter geworden, aber die Grundsätze sind einfach geblieben.

Italiens Trainer Antonio Conte gibt seinen Spielern Anweisungen. Die Taktik der Italiener war gegen Belgien sehr ausgereift.
Italiens Trainer Antonio Conte gibt seinen Spielern Anweisungen. Die Taktik der Italiener war gegen Belgien sehr ausgereift.Bild: Fabio Ferrari/freshfocus

Die Analyse dagegen wird immer interessanter und die Möglichkeiten scheinen unbeschränkt. Die Fussballverbände leisten grossen Aufwand, um keinen Spielzug und keinen Pass des nächsten Gegners zu verpassen. Die neusten technischen Methoden liefern die Hilfsmittel dazu. Wer hat wie viel Ballbesitz? Wer spielt mehr Pässe? Wie viele Pässe kommen beim Mitspieler an? Wo bewegen sich die Spieler auf dem Feld? 

«Wir haben uns gefragt, warum die gängigen Werte wie Laufleistung und Passquote alle relativ wenig Aussagekraft in Bezug auf das Ergebnis haben.»
Stefan Reinartz

Wer packt es wirklich?

Viele genaue Pässe sind gut. So sagt der Wert der angekommenen Pässe eines Spielers viel über die Qualität seines Spiels und am Ende auch der Mannschaft aus. Doch wer kennt sie nicht, die langweiligen Querpässe – die neue Analyse, genannt «Packing», soll nun die Effektivität der Pässe messen.

Am Sonntagabend, nach dem Spiel Deutschland–Ukraine, stellte Stefan Reinartz (Ex-Fussballprofi) das «Packing» etwas genauer vor. Zusammen mit seinem Kollegen Jens Hegeler (ebenfalls Ex-Profi) gründete Reinartz die Firma Impect.

Folgende Überlegung steckt dahinter: «Wir haben uns gefragt, warum die gängigen Werte wie Laufleistung und Passquote alle relativ wenig Aussagekraft in Bezug auf das Ergebnis haben», so Reinartz im Studio bei der ARD.

Stefan Reinartz stellt im ARD-Studio das «Packing» vor.
Stefan Reinartz stellt im ARD-Studio das «Packing» vor.printscreen ard
Begriff Packing-Rate
Gegner können auf verschiedene Weisen überspielt werden – durch Vertikalpässe, Diagonalbälle oder Dribblings. Aus allen Situationen werden die überspielten Gegner aufsummiert. ie ergeben die Packing-Rate.
impect.com

Der neue Wert ist eigentlich ganz einfach erklärt. Es wird untersucht, wie viele Gegenspieler mit einem Pass überspielt werden. Noch etwas genauer ausgedrückt: wie viele Gegenspieler, die vor dem Pass noch hinter dem Ball standen, anschliessend vor dem Ball und Empfänger stehen. Weiter heisst es auf der Website von Impect: 

«Diese überspielten Gegner können ihr Tor nicht mehr verteidigen. Sie sind daher gepackt und aus dem Spiel genommen.»
Website von Impect
Begriff Impect
Das Überspielen der Verteidiger ist besonders effektiv und hat den größten Einfluss (engl. Impact) auf den Torerfolg. Deshalb werden die überspielten Verteidiger gesondert aufsummiert und als Impect bezeichnet.
impect.com

Wichtiges Zusatzkriterium: Der Pass muss von einem Mitspieler verarbeitet oder zu einem anderen Teamkollegen weitergeleitet werden können. Es werden aber nicht nur Pässe gewertet: «Alle Aktionen im Offensivspiel, mit denen man es schafft, dass weniger Gegner zwischen Ball und Tor stehen, fallen unter die Rubrik ‹Gegner überspielen› – zum Beispiel auch Dribblings», heisst es auf der Website.  Noch nicht ganz gecheckt? Dann hilft dir das nachfolgende Video.

«Packing» – ein Beispiel

Wunderschöner Anschauungsunterricht für einen wirklichen Superpass gab es gestern im Spiel Belgien gegen Italien. Beim Tor von Emanuele Giaccherini zum 1:0 für die «Azzurri» machte sich Leonardo Bonucci direkt zum «Packing-Monster». 

«Packing» erklärt am Pass von Bonucci.streamable

Mit einem Pass überspielte Bonucci zehn Gegenspieler und ebnete somit seinem Teamkollegen den Weg zum Tor.

Der direkte Statistikvergleich

Unsere Nachbarn aus Deutschland betrachteten bei der Präsentation am Sonntag im ARD-Studio den 7:1-Erfolg im WM-Halbfinal gegen Brasilien etwas genauer. Zuerst die gängigen statistischen Werte zum Spiel:

Brasilien mit den «besseren» Werten. 
Brasilien mit den «besseren» Werten.

Trotz einer 1:7-Schlappe weist die «Seleçâo» bei allen drei Punkten die (eigentlich) besseren Werte aus. «Packing» spricht dann allerdings eine andere Sprache:

Beim «Packing» überzeugen aber die Deutschen.
Beim «Packing» überzeugen aber die Deutschen.

Es zeigt, dass Deutschland viel mehr Gegner und auch Verteidiger überspielte, also ingesamt die effektiveren, gefährlicheren Pässe produzierte. Diese Werte widerspiegeln laut Reinartz dann auch das Endresultat besser. 

Die Analyse vom EM-Spiel am Sonntag

Bild

Wird jetzt alles anders?

Orientiert sich nun die neue Analyse vermehrt an diesem «Packing»-Wert? Mit Bestimmtheit ist er ein guter Indikator und gibt Ballbesitz und Passstatistik mehr Aussagekraft. Der deutsche Ex-Fussballprofi und TV-Experte Mehmet Scholl hält grosse Stücke auf das «Packing»:

«Ich glaube, dass dieser Wert das Scouting und die Trainingsmethoden verändern wird.»
ARD-Experte Mehmet Scholl über «Packing»

Da hat Scholl bestimmt Recht, denn wer diese neue Entwicklung verpennt, der ist bald von gestern. Jedoch gewinnt man damit alleine noch keine Spiele. Die Meinungen auf Twitter gehen auseinander – vor allem aber wird der Begriff etwas auf die Schippe genommen: 

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Q & A für Interessierte
Auf der Hompage impect.com gibt findest du Antworten auf die wichtigsten Fragen zum Thema und weitere Informationen zu «Packing».

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