Sie sind Anfang 20, verliebt und suchen eine Wohnung – dann schlägt ihnen Hass entgegen
Eine schmale Strasse zieht sich zwischen kleinen Gärten und niedrigen Häusern durch ein grünes Winterthurer Wohnquartier, eine Kirchturmspitze ragt in den bewölkten Augusthimmel.
Mitten in diesem Idyll steht ein unscheinbarer grauer Wohnblock. In einer seiner Wohnungen könnte für Maksym Rusanov jenes Leben beginnen, von dem er seit seiner Flucht träumt: morgens neben seiner Freundin aufwachen, zur Arbeit gehen und abends nach Hause kommen, statt mit neun fremden Männern in einem Zimmer zu schlafen. Seit der 21-Jährige und seine Freundin Nikol (22) vor wenigen Monaten aus Charkiw in die Schweiz geflüchtet sind, leben sie in getrennten Zimmern einer Asylunterkunft.
An diesem Donnerstagabend kommt Maksym allein zur Besichtigung. Nikol ist in Konstanz – dort sieht sie zum ersten Mal seit der Flucht ihre Mutter wieder, die extra aus Charkiw angereist ist.
Vor dem Haus sucht Maksym auf dem Klingelschild nach dem richtigen Namen. Er ist gross und schmal, trägt ein schwarzes Nike-Shirt und eine Umhängetasche quer über der Brust. Mit seinen kurzen braunen Haaren und dem zurückhaltenden Lächeln wirkt er wie ein junger Mann, der gerade erst beginnt, sein eigenes Leben aufzubauen. «Mein Traum ist ein ruhiges Leben», sagt er.
Als Russland die Ukraine überfiel, war Maksym noch ein Teenager. Der Krieg machte ihn zum Erwachsenen: Freunde seines Alters starben, und als eine Bombe neben seinem Arbeitsplatz einschlug, begriff er, dass er die Ukraine verlassen musste, wenn er eine Zukunft haben wollte.
Was für viele selbstverständlich klingt, ist für ihn noch weit entfernt. Zahlreiche Bewerbungen, mehrere Besichtigungen hat er hinter sich. Doch meistens bleibt jede Antwort aus. Verbittert klingt er trotzdem nicht. «Eines Tages wird es klappen. Ich bin ein sehr optimistischer Mensch.»
Um seine Chancen zu erhöhen, veröffentlichte er seine Wohnungssuche auch auf Facebook. Was dort geschah, hatte er nicht erwartet.
«Sozialhilfe??? Fuck off»
Der Beitrag, den Maksym veröffentlicht, ist höflich formuliert. Er und Nikol seien ruhig, ordentlich und machten keine Partys, schreibt er. Sie suchten in Winterthur eine Wohnung für höchstens 1600 Franken plus Nebenkosten. Die Miete sei durch die Sozialhilfe abgesichert.
Vor allem dieser letzte Satz bringt die Kommentarspalte zum Explodieren.
«Arbeiten ist keine Option?», fragt jemand. Eine andere Person schreibt: «Die sollen zurück. Keiner hat die gerufen.» Eine Frau behauptet, in drei Vierteln der Ukraine herrsche gar kein Krieg, und fordert: «Geht nach Hause!» Andere kommentieren schlicht: «Sozialhilfe??? Fuck off.»
Von Einzelfällen kann keine Rede sein: In der Facebook-Gruppe Wohnungen Schweiz erreichen Beiträge trotz über 20'000 Mitgliedern selten viele Reaktionen. Unter Maksyms Post hingegen finden sich über 200 Kommentare – ein Grossteil davon voller Hass.
Die Administration der Facebook-Gruppe stellt sich hinter Maksym und Nikol. Nur weil das Paar Sozialhilfe beziehe, habe niemand das Recht, es zu beleidigen oder ihm zu sagen, es solle «nach Hause gehen». Hasserfüllte und rassistische Kommentare würden gelöscht, Wiederholungstäter aus der Gruppe entfernt. Der Aufruf erhält über 700 Likes.
Über 150 Personen liken dennoch die Forderung, sie sollten zurück in jenes Land, aus dem sie wenige Monate zuvor vor den Bomben geflohen sind.
Im Krieg zum Erwachsenen geworden
Das junge Paar stammt aus Charkiw, einer Stadt im Nordosten der Ukraine, unweit der russischen Grenze. Ihre beiden Eltern und Grosseltern leben noch dort, sie wollten ihre Heimat nicht verlassen, erzählt er – sein Vater könne zudem wegen gesundheitlicher Probleme kaum fliehen.
Maksym selbst harrte lange aus. Als Russland die Ukraine überfiel, war er noch ein Teenager, erwachsen wurde er in einem Krieg, dessen Ende er zunächst jeden Tag erwartete. Doch die Zerstörung rückte immer näher an sein eigenes Leben heran. Er sah Bomben einschlagen und Menschen sterben. Einige seiner Freunde meldeten sich freiwillig für den Krieg. Sie waren 21 Jahre alt, so alt wie Maksym heute. Sie kamen nie mehr zurück.
Während er erzählt, verändert sich seine Stimme kaum, sein Gesicht bleibt ruhig. Erst später sagt er, er habe noch gar nicht richtig realisiert, was alles passiert ist. Als hätte sein Kopf das Geschehene irgendwo eingeschlossen, damit er weiterleben kann.
Maksym blieb in Charkiw, studierte online Maschineningenieurwesen und arbeitete nebenbei in einem Shop. In dieser Zeit lernte er auch seine Freundin kennen. Trotz des Krieges versuchte er, einen normalen Alltag aufrechtzuerhalten – bis während einer Arbeitspause direkt neben seinem Geschäft eine Bombe einschlug. «Ich hätte dort sterben können», sagt er. Danach stand sein Entschluss zur Flucht fest.
Weg von der Sozialhilfe
Im Januar kamen Maksym und Nikol mit dem Bus in die Schweiz, meldeten sich in einem Bundesasylzentrum in Bern und wurden bald in eine unterirdische Zivilschutzanlage gebracht. Nach ein paar Wochen wies man sie dem Kanton Zürich zu. Heute leben sie in einer Asylunterkunft in Winterthur und verfügen über den Schutzstatus S.
In Winterthur haben Maksym und Nikol gefunden, was sie in der Ukraine nicht mehr hatten: Sicherheit. Jeden Morgen besuchen die beiden gemeinsam einen Deutschkurs. Nikol möchte später im Verkauf arbeiten, Maksym hofft, bald mit seinem Fahrrad für einen Lieferdienst Essen ausfahren zu können – ein erster Schritt weg von der Sozialhilfe. Doch für das Leben, das sie sich aufbauen wollen, fehlt ihnen vor allem ein gemeinsamer Ort.
Dass die Wohnungssuche so schwierig werde, hätte das junge Paar nicht erwartet, und schon gar nicht die vielen negativen Reaktionen. «Zuerst haben mich die Kommentare sehr aufgewühlt. Dann habe ich gemerkt, dass sie nichts mit mir zu tun haben. Das sind einfach wütende Menschen. Und ich sollte mich nicht darüber aufregen – ich muss Deutsch lernen.»
Auch seine Eltern in Charkiw, mit denen er täglich in Kontakt steht, waren von den Kommentaren überrascht. Ihr Sohn war in die Schweiz geflüchtet, weil er das Land für sicher hielt. Nun sorgten sie sich aus der Ferne darüber, dass Menschen ihn aufforderten, in den Krieg zurückzukehren.
Solidarität mit der Ukraine bröckelt
Mit der schwierigen Wohnungssuche ist Maksym nicht allein: Von den derzeit 1292 Menschen mit Schutzstatus S in Winterthur leben noch 187 in einer Kollektivunterkunft, schreibt Bernhard Roth, Leiter Asyl der Stadt Winterthur.
Die Stadt widerspricht zugleich einem zentralen Vorwurf aus der Kommentarspalte: Menschen mit Schutzstatus S werden bei den Wohnkosten nicht bessergestellt. Für sie gelten dieselben Mietlimiten wie für Menschen in der ordentlichen Sozialhilfe. Bei einem Zweipersonenhaushalt übernimmt die Stadt einen Richtwert von 1540 Franken Nettomiete pro Monat – der von Maksym genannte Betrag von 1600 Franken liegt leicht darüber.
Auf dem Papier gelten für sie dieselben Regeln wie für andere Sozialhilfebeziehende. Fehlende Deutschkenntnisse, kaum Kontakte in der Schweiz und die Befristung des Schutzstatus S erschweren den Zugang zu einer Wohnung trotzdem, schreibt die Stadt.
Das beobachtet auch der Verein VIWO, der Geflüchtete bei der Wohnungssuche unterstützt. Zu Beginn des Krieges hätten Menschen aus der Ukraine noch auf eine besondere Hilfsbereitschaft von Freiwilligen und privaten Hauseigentümern zählen können, schreibt Geschäftsführer Thomas Treschl auf Anfrage. Diese Solidarität sei inzwischen weitgehend verschwunden, bevorzugt würden ukrainische Wohnungssuchende heute nicht – selbst der Verein erhalte regelmässig Absagen. «Auch für uns ist die Wohnungssuche mit vielen Enttäuschungen verbunden», so Treschl.
Als Enttäuschung endet auch die Besichtigung für Maksym an diesem Donnerstag: Die Wohnung ist, wie sich vor Ort zeigt, maximal für eine Person. Doch er gibt nicht auf: «Es ist immer noch besser, hier eine Wohnung zu suchen, als in der Ukraine unter Bomben zu leben.»
