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Ukraine schlägt mit Drohnen zurück: In Russland wächst die Nervosität

KEYPIX - epa13173560 People watch as smoke rises above a Wildberries facility following a reported Ukrainian drone strike at the Koledino Industrial Park near Podolsk, Moscow Region, Russia, 16 August ...
Brennendes Wildbeeries-Lager in der Region Moskau.Bild: keystone

In Russland zieht sich die ukrainische Schlinge zu – und die Nervosität wächst

Brennende Raffinerien, Schlangen vor den Tankstellen, Versorgungs-Engpässe und technische Ausfälle: Der Ukraine-Krieg beeinflusst immer mehr den Alltag der Russen. Die Nervosität im Kreml nimmt spürbar zu.
20.08.2026, 22:1020.08.2026, 22:10
Simon Cleven / t-online
Ein Artikel von
t-online

Die junge Russin ist ausser sich. «Ihr dachtet also, die Warteschlangen sind vorbei?», fragt die Frau aus Nischni Nowgorod in ihre Smartphone-Kamera. «Zu früh. Die 'Hungerspiele' gehen weiter.»

Ein anderer Russe flucht: «Was zur Hölle? Geht es schon wieder los? Das muss so etwas wie eine zweite Welle sein. Es ist wirklich schlimm. Nirgends gibt es Benzin. Die Schlangen erstrecken sich meilenweit. Es ist einfach nicht mehr lustig.»

Videos wie diese verbreiten sich aktuell auf Social-Media-Plattformen und bei Messenger-Diensten wie Telegram in Russland. Die Nervosität wächst.

Die Ukraine legt die Versorgung lahm

Im Juli noch sah es so aus, als habe der Kreml die Treibstoffkrise des Frühsommers überwunden. Auch damals gab es kilometerlange Schlangen vor Tankstellen, manch ein Streit an der Zapfsäule eskalierte zu Schlägereien zwischen Kunden.

Hintergrund der Krise waren ukrainische Attacken auf Ölraffinerien in Russland. Der Kreml versuchte, die Krise mit Treibstoffimporten zu lindern. Doch dann begann die Ukraine, mit Sprit beladene Tanker anzugreifen.

«Unsere Deep-Strike-Vögel werden ihren Mythos und ihren Glauben an die eigene Allmacht und Unbesiegbarkeit zerstören. Dieser Strom an Negativität im Land muss fliessen wie durch ihre Pipelines, mit denen sie Öl gegen Dollar für den Krieg exportieren.»
Robert Brovdi, Kommandant der ukrainischen Streitkräfte für unbemannte Systemequelle: youtube

Die ukrainische Armee bringt den Krieg nach Russland – und das auf mehreren Ebenen. Das von Wladimir Putin geführte Land kämpft mit multiplen Krisen: Die Treibstoffmangel trifft die Russen mitten in der Urlaubssaison, hinzu kommen nun Internet- und Stromausfälle in Moskau.

Und auch der Bankensektor ist betroffen: Seit Anfang Juni sollen die Russen Milliarden in bar abgehoben haben. Die Nervosität im Land wächst zusehends, während die Stimmung immer weiter sinkt – und das rund einen Monat vor den Duma-Wahlen.

Russische Scheinwahlen
Die alle fünf Jahre im Herbst abgehaltenen Wahlen für das russische Parlament, die Staatsduma, verlaufen nach internationalen Standards undemokratisch. Sie werden von Politikwissenschaftlern, unabhängigen Wahlbeobachtern und westlichen Regierungen als Scheinwahlen eingestuft.

Unabhängige Kandidaten und eine echte Opposition sind nicht zugelassen. Kritische Stimmen, Journalisten und Aktivisten, werden mundtot gemacht, inhaftiert oder ins Exil getrieben. Die Fernsehsender und Nachrichtenportale im Land stehen unter strikter staatlicher Kontrolle und verbreiten die vom Kreml vorgegebene Propaganda.

Zusammenfassend dienen die Pseudo-Parlamentswahlen dem russischen Machtapparat dazu, dem autokratischen System einen legalen und demokratischen Anstrich zu geben und Wladimir Putins Macht abzusichern.
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Wladimir Putin fiel zuletzt bei öffentlichen Auftritten mit wirren Aussagen zum Ukraine-Krieg auf.Bild: keystone

Internet- und Stromausfälle über Moskau hinaus

Vorfälle wie am Dienstag in Moskau helfen dabei wohl keineswegs, die Laune der Russen zu heben. Gleich mehrere Wohnviertel im Bezirk Gagarinsky der russischen Hauptstadt waren von einem Stromausfall betroffen, der auch den öffentlichen Nahverkehr beeinträchtigte. Das ging wohl auf ein Feuer in einem Wärmekraftwerk zurück. Bereits am Morgen hatte es infolge eines grösseren ukrainischen Drohnenangriffs einen Stromausfall gegeben, der etwa 10'000 Haushalte betroffen hatte.

Die Folgen des Kraftwerkbrands am Abend reichten weit über Moskau hinaus. Gleich mehrere Internetdienste wie Discord, Steam und Telegram, aber auch Onlineshops waren plötzlich für Millionen Menschen nicht mehr erreichbar.

Selbst Nutzer in Sankt Petersburg meldeten ähnliche Probleme am Dienstag. Der Stromausfall in Moskau hatte einen ganzen Kommunikationsknotenpunkt lahmgelegt, der diese Dienste für das sogenannte Runet, dem russischen Teil des Internets, beherbergt. Das Portal «SecurityLab.ru» bezeichnete den Ausfall als «epischen Netzwerk-K.o.».

Die Treibstoffkrise greift wieder um sich

Am Mittwoch dann die nächste Hiobsbotschaft für russische Hauptstädter: Gleich mehrere Tankstellenbetreiber in Moskau und der umliegenden Region erliessen Beschränkungen beim Treibstoffkauf. Russische Medien sprechen von der «zweiten Welle» der Treibstoffkrise.

Betreiber Gazprom Neft etwa limitierte den Verkauf von Normalbenzin auf 60 Liter pro Kunde. Erst Anfang August hatte das Unternehmen ähnliche Beschränkungen in 13 Regionen des Landes aufgehoben. Beim Rohstoffunternehmen Tatneft dürfen Kunden derweil vorerst nur noch bis zu 50 Liter tanken.

Die Kremlführung versucht bereits, auf die Krise an den Zapfsäulen zu reagieren. Nach Angaben von Vizeministerpräsident Alexander Nowak importiert Russland, einer der grössten Erdölproduzenten der Welt, nun vermehrt Treibstoff aus dem Ausland, etwa aus Indien und Marokko. Zu den Mengen oder Herkunftsländern machte Nowak keine Angaben. Der Kreml geht demnach davon aus, dass mehrere Ölraffinerien nach planmässigen Wartungsarbeiten zeitnah den Betrieb wieder aufnehmen können. Dann solle sich das Angebot an Russlands Tankstellen wieder verbessern.

Beobachter rechnen damit, dass die Krise mindestens noch bis zum Ende des Sommers und der Reisezeit anhält. Hintergrund sind ukrainische Drohnenangriffe auf die Ölinfrastruktur in Russland. Allein seit Anfang August attackierten ukrainische Drohnen elf der 34 grössten Raffinerien des Landes. Die Mehrheit davon war bereits zuvor attackiert worden. Mittlerweile verfolgt die Ukraine bei ihren Angriffen jedoch eine neue Taktik, die die Anlagen für eine längere Zeit ausser Dienst stellen soll, etwa indem die Ziele besser gewählt werden.

Wie gross die Gefahr in Russland durch ukrainische Drohnenangriffe mittlerweile ist, zeigen Zahlen des russischen Verteidigungsministeriums. Am Dienstag meldeten kremlnahe Nachrichtenagenturen unter Berufung auf das Ministerium, dass binnen 24 Stunden mehr als 1'600 ukrainische Drohnen abgeschossen worden seien. Ria Nowosti schrieb gar vom bislang grössten Drohnenangriff auf Russland. Die Angaben lassen sich nicht unabhängig überprüfen.

Russen heben massenhaft Bargeld ab

Die allgemeine Unsicherheit durch die ukrainischen Drohnenangriffe wächst also merklich, wie auch Entwicklungen im russischen Bankensektor nahelegen. Mit Blick auf die Zentralbank in Moskau berichtete die «Washington Post» kürzlich, dass die Russen allein seit Anfang Juni umgerechnet rund 13 Milliarden Euro in bar abgehoben hätten.

Die Zeitung zitierte einen leitenden Manager der Sberbank, Russlands grösster Privatbank. Demnach seien die Abhebungen in diesem Jahr doppelt so hoch gewesen wie 2022, als Russland seine Vollinvasion in die Ukraine startete. Damals hatten sie Russen über das ganze Jahr hinweg umgerechnet gut 21,1 Milliarden Euro von ihren Konten genommen.

Manche Beobachter sehen in den hohen Abhebungen ein Signal der Angst in der Bevölkerung. Alexandra Prokopenko, ehemalige Beraterin der Zentralbank, erklärte der US-Zeitung: «Das bedeutet, dass die Menschen kein Vertrauen in das russische Bankensystem oder das russische Finanzsystem haben.» All dies sei «Folge der Befürchtung, dass die Regierung Massnahmen im Bankensystem ergreifen und Einlagen verstaatlichen könnte». Bevor ihnen der Kreml das Geld nimmt, sichern die Russen es sich also offenbar in bar.

Wenn Bürger massenhaft Geld von ihren Konten abheben, kann das die Probleme im Bankensektor verschärfen. Auch eigentlich gesunde Geldinstitute kommen dann in Schwierigkeiten mit ihrer Liquidität. Greift das Phänomen um sich, kann der ganze Staat in die Krise gerissen werden.

Fachleute ordnen ein

Noch im Juni erklärte der Ökonom und Russland-Experte Janis Kluge in einem T-Online-Interview jedoch, dass die russischen Banken noch immer profitabel seien. Zudem berichtete der «Spiegel», dass sich die Geldeinlagen noch immer auf mehr als 800 Milliarden Dollar beliefen.

Die finnische Wirtschaftswissenschaftlerin Heli Simola sagte dem Magazin, dass Berichte über einen Ansturm auf russische Banken «eine ziemliche Übertreibung» seien. Insgesamt sei zwar die Nachfrage nach Bargeld in Russland in den vergangenen Kriegsjahren gestiegen, doch das hat ihren Aussagen zufolge eher praktische Gründe – und hängt wieder mit den ukrainischen Drohnenangriffen zusammen.

Denn eigentlich bezahlen die Russen gern und häufig bargeldlos mit ihren Geldkarten oder per Mobiltelefon. Doch einerseits beeinträchtigen ukrainische Drohnenangriffe häufig das Internet und andererseits hat die russische Führung das mobile Internet phasenweise und in bestimmten Regionen bereits mehrfach eingeschränkt. Besonders im Frühjahr, rund um den «Tag des Sieges», beschäftigte dieses Thema die Russen: Der Kreml schaltete das mobile Internet damals wohl aus Furcht vor ukrainischen Angriffen auf die Militärparade in Moskau vorsorglich über Wochen hinweg ab.

Putins Zustimmungswerte sinken deutlich

Die allgemein düstere Stimmung in Russland schlägt sich derweil auch in Umfragen nieder. Kürzlich veröffentlichte das unabhängige russische Meinungsforschungsinstitut Lewada die Ergebnisse einer landesweiten Umfrage: Demnach sehen 57 Prozent der Russen die Lage in ihrer Heimat als «angespannt» – zehn Prozentpunkte mehr als noch im Mai 2025.

Auch für den Kremlchef selbst sieht es immer düsterer aus. Selbst das kremlnahe Institut FOM gab nach einer Umfrage an, dass die Zustimmung für Wladimir Putin im Juli auf 66 Prozent gefallen sei – der niedrigste Wert seit dem Überfall auf die Ukraine. Die wahre Zahl dürfte noch deutlich niedriger liegen: Denn Umfragen haben in Russland oft nur eine begrenzte Aussagekraft. Viele Russen geben aus Angst vor Repressionen nicht ihre wahre Meinung an.

Für Putin kommt das zur Unzeit: Vom 18. bis zum 20. September wird in Russland ein neues Parlament gewählt. Zwar sind Wahlen in Russland weder frei noch fair, sie gelten aber dennoch als öffentliches Stimmungsbarometer für den Kreml. Dass Putin dabei nichts dem Zufall überlassen möchte, zeigt der Ausschluss der Jabloko-Partei, die sich offen gegen den Krieg in der Ukraine ausspricht. Denn obwohl noch immer mehr als 60 Prozent der Russen den Krieg stützen, wünschen sich fast ebenso viele Friedensgespräche mit der Ukraine.

Im Vorfeld der Wahl versucht sich Putin deshalb an einer Charmeoffensive und gibt sich volksnah. In den vergangenen Wochen besuchte er sechs russische Städte. Zuvor war der Kremlchef seit Jahresbeginn kaum in der Öffentlichkeit, geschweige denn ausserhalb Moskaus gesehen worden.

Wo Putin hinfuhr, da sanken wie von Geisterhand die Preise an den Zapfsäulen. Ein Geschenk an die Bevölkerung war das jedoch kaum, sondern sollte wohl eher Putin eine angebliche Normalität suggerieren: Denn sobald der Präsident weiterreiste, schossen die Preise wieder in die Höhe.

Quellen

(dsc/t-online)

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