Unvergessen
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Das Können wird getestet: Der Moderator wirft den Ball, die jungen Frauen müssen ihn stoppen. Bild: Screenshot ZDF

Unvergessen

«Decken, decken, nicht Tischdecken» – als man(n) im TV noch über Frauenfussball lästerte

29. März 1970: Frauen haben in der Männer-Domäne Fussball auch heute noch einen schweren Stand. Doch das Schlimmste ist längst überstanden, wie ein Bericht über Frauenfussball im «Aktuellen Sportstudio» des ZDF vor 45 Jahren zeigt.



Ob ihr's glaubt oder nicht: Von 1955 bis 1970 ist Frauenfussball in Deutschland verboten. «Im Kampf um den Ball verschwindet die weibliche Anmut, Körper und Seele erleiden unweigerlich Schaden und das Zurschaustellen des Körpers verletzt Schicklichkeit und Anstand», lautete die offizielle Begründung des DFB.

Ans Verbot halten sich die deutschen Frauen allerdings nicht. Sie spielen weiterhin. In eigenen Ligen und Vereinen, die nicht dem DFB unterstehen. Ende der 60er-Jahre steigt die Toleranz wieder, von Gleichberechtigung ist das «schöne Geschlecht» aber noch meilenweit entfernt. Nichts demonstriert die damalige Einstellung und das Unverständnis der Männer zum Frauenfussball besser als ein Beitrag im «Aktuellen Sportstudio» des ZDF vom 29. März 1970.

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So kommentiert ZDF-Moderator Wim Thoelke 1970 ein inoffizielles Länderspiel der deutschen Fussball-Frauen. Video: YouTube/deftone19

Der damalige Moderator Wim Thoelke kommentiert einen Beitrag über ein Länderspiel mit unzähligen abschätzigen Kommentaren über die jungen Fussballerinnen. «Sehr zarte Rempeleien. Und da hat Mutter eine wunderbare Flanke nach halblinks gegeben. Junge, Junge, laufen Erna! Aber Erna ist nicht flink genug», lästert der spätere Moderator des TV-Hits «Der grosse Preis» mit süffisantem Unterton.

«Decken, decken, nicht Tischdecken»

Als eine Spielerin auf den matschigen Boden fällt, tönt es so: «Die Zuschauer brauchen sich gar nicht aufzuregen, die Frauen waschen doch ihre Trikots selber. Wenn die Männer in den Schlamm fallen würden, das wäre schlimm, denn dann müssten die Frauen zuhause waschen. Ja und decken, decken, nicht Tischdecken, Mann decken. Frei von allen kleinlichen Sorgen um Haushalt, Mann und Kinder spielt der Libero da hinten.»

Chauvinistische Macho-Sprüche ist damals nicht nur am Stammtisch, sondern auch im Fernsehen offenbar noch salonfähig. Beim anschliessenden Interview mit den Fussballerinnen im Studio legt Thoelke nach. «Ich nehme an, das erste Spiel ist dann auch bald ausverkauft», stichelt der Moderator und er ist sich sicher: «Nach einem Anfangsreiz, wenn die Männer genug gelacht haben, schläft das Interesse dann bald ein.»

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Chauvinistische Fragen und eine Ball-Stopp-Übung im Studio. Video: YouTube/deftone19

Thoelke will auch noch wissen, ob die «Mädchen» sich auch schon Übernamen gegeben haben. «Wie Uwe zum Beispiel.» Oder ob sie sich keine Sorgen um blaue Flecken an den Beinen machen. Als sie beides verneinen, lässt er die Damen zum Ballstoppen antreten: Der Moderator wirft den Ball, die Nationalspielerinnen müssen beweisen, dass sie ihn tatsächlich stoppen können. Mit den Worten «Das ist das Schöne an den Frauen, sie gehen auch mit dem Ball zärtlich um. Hoffentlich nicht nur mit dem Ball ...», beendet Thoelke die Übung.

Keine Stollenschuhe und kleinere Bälle

Ein halbes Jahr nach der Ausstrahlung der TV-Sendung hebt der DFB das Frauenfussballverbot schliesslich endgültig auf. Es gibt allerdings noch einige Auflagen: So müssen die Frauenteams wegen ihrer «schwächeren Natur» eine halbjährige Winterpause einhalten, Stollenschuhe sind verboten und die Bälle sind kleiner und leichter. Eine Partie dauert zunächst auch nur 70 Minuten.

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Wimpelübergabe vor dem ersten offiziellen Frauen-Länderspiel Deutschlands. Bild: Keystone

Am 10. November 1982 findet das erste offizielle Länderspiel der deutschen Frauen-Nationalmannschaft statt. Gegner beim 5:1-Sieg ist die Schweiz, die für einmal toleranter ist als das nördliche Nachbarland. Die höchste heimische Spielklasse, die heutige Nationalliga A, wird bereits 1970 gegründet. Seit 1972 besteht die Schweizer Fussballnationalmannschaft der Frauen.

Im Gegensatz zu Deutschland, das bisher zweimal Welt- und achtmal Europameister wurde, konnten die Schweizerinnen bislang noch keinen grossen Titel feiern. Anfang März 2017 gewannen sie mit dem Zypern-Cup allerdings erstmals ein «kleines» internationales Turnier, was die Bestätigung für den Aufwärtstrend zu werten ist.

Unvergessen

In der Serie Unvergessen blicken wir jeweils am Jahrestag auf ein grosses Ereignis der Sportgeschichte zurück: Ob eine hervorragende sportliche Leistung, ein bewegendes Drama oder eine witzige Anekdote – alles ist dabei.
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16Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Hans Jürg 29.03.2019 15:41
    Highlight Highlight Die 70er des letzten Jahrhunderts waren tatsächlich noch so. Ich kann mich noch gut erinnern, dass ich ausgelacht wurde als ich in die Schule kam, weil ich eine Lehrerin hatte (ja, damals gab es noch fast keine Lehrerinnen, es war ein reiner Männerberuf).
    Frauen, die Auto fuhren wurden verhöhnt. Männer, die auf dem Beifahrersitz neben einer Auto fahrenden Frau sassen, galten nicht als echte Männer.
    Abstimmen und wählen durften Frauen auch erst ab 1970.
    Herr Blocher hat diese Zeit damals als junger Erwachsener erlebt und möchte sie zurück haben.
    Die 70er und er. Vergangenheit.
  • Markus97 29.03.2019 14:59
    Highlight Highlight Ihr sugeriert hier Mann hätte sich für Frauenfussball interessiert. 😂😂
    • Hans Jürg 29.03.2019 15:42
      Highlight Highlight OK. Hiermit oute ich mich als Frauenfussball-Fan.
    • Vergugt 30.03.2019 10:04
      Highlight Highlight Hans Jürg, das Herz-Blitz-Verhältnis zu deinem Kommentar ist ein guter Spiegel dafür, wie sich die gesellschaftliche Akzeptanz von Frauenfußball seither verändert hat. Macht mich etwas nachdenklich.
  • Amateurschreiber 29.03.2019 10:09
    Highlight Highlight Verkehrte Welt: Heutzutage sind die männlichen Fussballer die Finöggelis, die die Haare schön haben, wegen jedem Wehwechen am Boden liegen und ständig am rumheulen oder rumzicken sind. Frauen spielen dagegen fairer und sind härter im nehmen.
    • redeye70 30.03.2019 08:42
      Highlight Highlight Gut beobachtet! Das ist mir so im direkten Vergleich noch gar nie aufgefallen.
    • waschbär 30.03.2019 10:54
      Highlight Highlight Dann hole dies mit ihnen in der freizeit nach! DU bist der Vater!
  • Der_Infant 29.03.2019 09:40
    Highlight Highlight "Die höchste heimische Spielklasse, die heutige Nationalliga A, wird bereits 1970 gegründet."

    Frauenstimmrecht 1971.

    Folglich Fussball ist wichtiger als Wählen :D
  • tomygun66 29.03.2019 08:50
    Highlight Highlight Hab Riesenrespekt vor diesen Pionierinnen. Entgegen aller Belustigungen machen sie, leben sie ihren Sport. Unfassbar wie respektlos mit ihnen umgegangen wurde...
  • who cares? 29.03.2019 07:16
    Highlight Highlight Ist das nicht die "gute alte Zeit", in die manche wieder zurück wollen? Als Mann noch Mann sein durfte und Frau noch Frau! Oder so. Mir läufts jeweils kalt den Rücken hinab, wenn jemand diese Zeit verherrlicht.
    • rodolofo 30.03.2019 07:40
      Highlight Highlight Daran sehen wir wieder sehr gut, wie Veränderungen ablaufen: Schleichend und darum unmerklich.
      Wenn ich die schnarrende Streber-Stimme in alten Tagesschau-Archivaufnahmen mit den süffisanten Bemerkungen des "Engländers" in der heutigen srf1-Tagesschau vergleiche, dann liegen da Welten dazwischen!
      Oder nehmen wir den Sport:
      Da wird auch nicht mehr schulmeisterlich und mit "Heiligem Ernst" über das Geschehen berichtet, sondern zunehmend locker und lustig!
      Und der Pausenclown-Präsident der USA setzt dem Ganzen endgültig die Narrenkappe auf, hahaa!
      Ich glaube, wir treten ein ins Humor-Zeitalter!
    • redeye70 30.03.2019 08:40
      Highlight Highlight Was die Rechte der Frauen alleine betrifft würde ich auch nicht in diese Zeit zurück wollen. Aber zurück in die tiefenentspannte und tolerante Gesellschaft der 80er Jahre, jederzeit 👍🏻
    • aglaf 30.03.2019 09:54
      Highlight Highlight @redeye70 Je nachdem in welchen Kreisen du gelebt hast und von welcher Herkunft du warst, war die 80er-Gesellschaft alles andere als tolerant und tiefenentspannt... Musik und so war ok, aber als Migrant mit alleinerziehender Mutter in Agglogemeinde...? Nein, auch da war schon die CH-Gesellschaft nur tolerant nach Aussen, um so zu wirken, aber hintenrum gab's Gerede.
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