Europäische Fussballverbände beschliessen WM-Boykott als Reaktion auf FIFA-Pläne
Die UEFA hat einen Boykott aller FIFA-Wettbewerbe beschlossen. So werden die Nationalteams der 55 Mitgliedsverbände nicht an den vom Weltverband organisierten Wettbewerben teilnehmen, solange die FIFA ihr Vorhaben nicht begrabe. Das betrifft auch die Weltmeisterschaften der Frauen und der Männer. Dies teilte der europäische Kontinentalverband am Donnerstagnachmittag nach einer Dringlichkeitssitzung mit.
Die FIFA hatte am Dienstag bekannt gegeben, Teile der kommerziellen Rechte an Fussball-Weltmeisterschaften sowie der Klub-Weltmeisterschaften sowohl bei den Männern als auch den Frauen an private Investoren verkaufen zu wollen. Dazu werde ein neues Unternehmen gegründet, das diese Rechte hält und an dem auch die nationalen Verbände beteiligt würden. Infantino versuchte die Zustimmung einer Mehrheit der 211 Mitgliedsverbände angeblich auch mit einer Zahlung von jeweils 40 Millionen Dollar (rund 33 Millionen Franken) zu erlangen. Wer sich gegen die Pläne stellt, erhalte diese Zahlung nicht, hiess es.
«Wir lehnen den Vorschlag der FIFA, Eigentumsanteile an der Weltmeisterschaft und anderen FIFA-Wettbewerben an private Investoren zu übertragen, einstimmig und unmissverständlich ab», liess die UEFA nun verlauten. Die WM dürfe nicht als Finanzprodukt betrachtet werden, stattdessen sei sie «eines der grössten sportlichen Vermächtnisse des Fussballs». Dieses wurde über Generationen hinweg von Spielern, Nationalteams und Fans auf allen Kontinenten aufgebaut. «Kein Teil davon sollte jemals an private Investoren abgegeben werden. Die Weltmeisterschaft steht nicht zum Verkauf», stellte die UEFA klar.
Der europäische Fussballverband prangerte erneut an, dass die FIFA diese Pläne im Verborgenen vorangetrieben habe. «Das ist nicht nur ein gravierendes Versagen der Führungsspitze, sondern auch eine Verletzung der Pflicht der FIFA als Hüterin des Weltfussballs», heisst es in der Mitteilung. Indem den Mitgliedsverbänden mit dem Ausbleiben der Zahlung gedroht werde, sollten diese Widerstand leisten, praktiziere die FIFA «Herrschaft durch Einschüchterung». Um einen demokratischen Entscheid handle es sich so nämlich nicht.
Doch nicht nur am Vorgehen stösst sich die UEFA unter Präsident Aleksander Ceferin, sondern auch an den Plänen selbst. «In dem Moment, in dem externe Investoren Beteiligungen an FIFA-Wettbewerben erwerben, verändert sich der Fussball für immer.» Danach würden Entscheidungen bezüglich des Spielkalenders, der Wettbewerbsformate und sämtlicher Themen zur Zukunft des Fussballs nicht mehr danach getroffen, was dem Spiel diene, sondern was für die Anteilseigner am besten sei.
«Dieses Modell hat keinen Platz im Weltfussball», stellt die UEFA klar. «Die Zukunft des Fussballs darf nicht von denjenigen diktiert werden, deren erste Pflicht die Gewinnmaximierung ist.» Einem solchen Modell werde Europa nie zustimmen, schreibt der Kontinentalverband als Begründung für den Boykott. «Niemand sollte daran zweifeln: Die UEFA und ihre nationalen Verbände werden mit vollster Entschlossenheit gegen diese Pläne kämpfen.» Solange Europa eine Stimme habe, werde die Fussball-WM nie zum Verkauf stehen, heisst es zum Abschluss.
Für den Schweizer Fussballverband (SFV) nahmen Präsident Peter Knäbel und Generalsekretär Robert Breiter teil. Knäbel zeigte sich danach beeindruckt von der Geschlossenheit der europäischen Verbände. «Für uns ist klar, dass die Weltmeisterschaft nicht wie ein Anlageprodukt behandelt werden darf», erklärte der SFV-Präsident. Die Weiterentwicklung des Fussballs erfordere zwar finanzielle Mittel, jedoch seien «Verantwortung, Transparenz, demokratische Prozesse und Kontrolle» ebenso wichtig, befindet der 59-Jährige.
Beim europäischen Kontinentalverband sorgte das Vorhaben von Beginn weg für grosse Empörung. Schon in einem ersten Statement hatte die UEFA erklärt, dass damit eine Grenze überschritten werde, «welche die für den Fussball verantwortlichen Institutionen niemals überschreiten dürften». Der Fussball stehe der FIFA nicht zum Verkauf. Am gestrigen Mittwoch legte der Verband nach einer Notfallsitzung nach: «Die FIFA kann den Sport nicht weiter dafür benutzen, um sich selbst und ihre Freunde zu bereichern.»
Infantino verteidigte den geplanten Einstieg privater Investoren hingegen als «einmalige Chance, die weltweite Entwicklung des Fussballs deutlich zu beschleunigen». Bei der UEFA sorgte das aber nicht für ein Umdenken. Stattdessen folgte nun der Entscheid zum Boykott.
Damit kommen Infantino und die FIFA ziemlich in die Bredouille. Schliesslich betrifft der Boykott nicht nur die nächste WM der Männer im Jahr 2030, sondern auch die WM der Frauen im nächsten Jahr in Brasilien. Elf der Teilnehmer kommen aus Europa, die Qualifikation ist längst im Gange und im Oktober stehen die nächsten Spiele an. Bei der letzten Austragung setzte sich im Final Spanien gegen England durch. Beide wären im Falle eines bis dahin anhaltenden Boykotts nicht dabei.
Bei den Männern ist die Dominanz Europas schon lange nicht mehr zu übersehen. Fünf der letzten sechs Weltmeister kommen von der UEFA, bei der WM 2026 in Nordamerika waren sechs Viertelfinalisten europäisch. Seit 1950 gab es keinen WM-Final mehr ohne europäische Beteiligung. Auch der FIFA dürfte bewusst sein, dass eine Weltmeisterschaft ohne die europäischen Topnationen wie Spanien, England oder Frankreich deutlich an Attraktivität verlieren würde.
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