freundlich-1°
DE | FR
47
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
Sport
Unvergessen

«Sportstudio»-Moderator Wim Thoelke lästert über Frauenfussball

Das Können wird getestet: Der Moderator wirft den Ball, die jungen Frauen müssen ihn stoppen.
Das Können wird getestet: Der Moderator wirft den Ball, die jungen Frauen müssen ihn stoppen.Bild: Screenshot ZDF
Unvergessen

«Decken, decken, nicht Tischdecken» – als man(n) im TV noch über Frauenfussball lästerte

29. März 1970: Frauen haben in der Männer-Domäne Fussball auch heute noch einen schweren Stand. Doch das Schlimmste ist längst überstanden, wie ein Bericht über Frauenfussball im «Aktuellen Sportstudio» des ZDF vor 45 Jahren zeigt.
29.03.2022, 00:0528.03.2022, 14:40
Philipp Reich
Folge mir

Ob ihr's glaubt oder nicht: Von 1955 bis 1970 ist Frauenfussball in Deutschland verboten. «Im Kampf um den Ball verschwindet die weibliche Anmut, Körper und Seele erleiden unweigerlich Schaden und das Zurschaustellen des Körpers verletzt Schicklichkeit und Anstand», lautete die offizielle Begründung des DFB.

Frauenfussball
AbonnierenAbonnieren

Ans Verbot halten sich die deutschen Frauen allerdings nicht. Sie spielen weiterhin. In eigenen Ligen und Vereinen, die nicht dem DFB unterstehen. Ende der 60er-Jahre steigt die Toleranz wieder, von Gleichberechtigung ist das «schöne Geschlecht» aber noch meilenweit entfernt. Nichts demonstriert die damalige Einstellung und das Unverständnis der Männer zum Frauenfussball besser als ein Beitrag im «Aktuellen Sportstudio» des ZDF vom 29. März 1970.

So kommentiert ZDF-Moderator Wim Thoelke 1970 ein inoffizielles Länderspiel der deutschen Fussball-Frauen.Video: YouTube/deftone19

Der damalige Moderator Wim Thoelke kommentiert einen Beitrag über ein Länderspiel mit unzähligen abschätzigen Kommentaren über die jungen Fussballerinnen. «Sehr zarte Rempeleien. Und da hat Mutter eine wunderbare Flanke nach halblinks gegeben. Junge, Junge, laufen Erna! Aber Erna ist nicht flink genug», lästert der spätere Moderator des TV-Hits «Der grosse Preis» mit süffisantem Unterton.

«Decken, decken, nicht Tischdecken»

Als eine Spielerin auf den matschigen Boden fällt, tönt es so: «Die Zuschauer brauchen sich gar nicht aufzuregen, die Frauen waschen doch ihre Trikots selber. Wenn die Männer in den Schlamm fallen würden, das wäre schlimm, denn dann müssten die Frauen zuhause waschen. Ja und decken, decken, nicht Tischdecken, Mann decken. Frei von allen kleinlichen Sorgen um Haushalt, Mann und Kinder spielt der Libero da hinten.»

Chauvinistische Macho-Sprüche sind damals nicht nur am Stammtisch, sondern auch im Fernsehen offenbar noch salonfähig. Beim anschliessenden Interview mit den Fussballerinnen im Studio legt Thoelke nach. «Ich nehme an, das erste Spiel ist dann auch bald ausverkauft», stichelt der Moderator und er ist sich sicher: «Nach einem Anfangsreiz, wenn die Männer genug gelacht haben, schläft das Interesse dann bald ein.»

Chauvinistische Fragen und eine Ball-Stopp-Übung im Studio.Video: YouTube/deftone19

Thoelke will auch noch wissen, ob die «Mädchen» sich auch schon Übernamen gegeben haben. «Wie Uwe zum Beispiel.» Oder ob sie sich keine Sorgen um blaue Flecken an den Beinen machen. Als sie beides verneinen, lässt er die Damen zum Ballstoppen antreten: Der Moderator wirft den Ball, die Nationalspielerinnen müssen beweisen, dass sie ihn tatsächlich stoppen können. Mit den Worten «Das ist das Schöne an den Frauen, sie gehen auch mit dem Ball zärtlich um. Hoffentlich nicht nur mit dem Ball ...», beendet Thoelke die Übung.

Keine Stollenschuhe und kleinere Bälle

Ein halbes Jahr nach der Ausstrahlung der TV-Sendung hebt der DFB das Frauenfussballverbot schliesslich endgültig auf. Es gibt allerdings noch einige Auflagen: So müssen die Frauenteams wegen ihrer «schwächeren Natur» eine halbjährige Winterpause einhalten, Stollenschuhe sind verboten und die Bälle sind kleiner und leichter. Eine Partie dauert zunächst auch nur 70 Minuten.

Wimpelübergabe vor dem ersten offiziellen Frauen-Länderspiel Deutschlands.
Wimpelübergabe vor dem ersten offiziellen Frauen-Länderspiel Deutschlands.Bild: Keystone

Am 10. November 1982 findet das erste offizielle Länderspiel der deutschen Frauen-Nationalmannschaft statt. Gegner beim 5:1-Sieg ist die Schweiz, die für einmal toleranter ist als das nördliche Nachbarland. Die höchste heimische Spielklasse, die heutige Nationalliga A, wird bereits 1970 gegründet. Seit 1972 besteht die Schweizer Fussballnationalmannschaft der Frauen.

Im Gegensatz zu Deutschland, das bisher zweimal Welt- und achtmal Europameister wurde, konnten die Schweizerinnen bislang noch keinen grossen Titel feiern. Anfang März 2017 gewannen sie mit dem Zypern-Cup allerdings erstmals ein «kleines» internationales Turnier, was als Bestätigung für den Aufwärtstrend zu werten ist.

Unvergessen
In der Serie Unvergessen blicken wir jeweils am Jahrestag auf ein grosses Ereignis der Sportgeschichte zurück: Ob eine hervorragende sportliche Leistung, ein bewegendes Drama oder eine witzige Anekdote – alles ist dabei.
​Um nichts zu verpassen, like uns auch auf Facebook!​
DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
twint icon
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

Alle Fussball-Weltmeisterinnen

1 / 10
Alle Fussball-Weltmeisterinnen
quelle: epa / ian langsdon
Auf Facebook teilenAuf Twitter teilenWhatsapp sharer

Schweizer Nationalspielerinnen über Rassismus

Video: watson

Das könnte dich auch noch interessieren:

47 Kommentare
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 24 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
Die beliebtesten Kommentare
avatar
tomygun66
29.03.2019 08:50registriert April 2018
Hab Riesenrespekt vor diesen Pionierinnen. Entgegen aller Belustigungen machen sie, leben sie ihren Sport. Unfassbar wie respektlos mit ihnen umgegangen wurde...
32633
Melden
Zum Kommentar
avatar
Amateurschreiber
29.03.2019 10:09registriert August 2018
Verkehrte Welt: Heutzutage sind die männlichen Fussballer die Finöggelis, die die Haare schön haben, wegen jedem Wehwechen am Boden liegen und ständig am rumheulen oder rumzicken sind. Frauen spielen dagegen fairer und sind härter im nehmen.
27844
Melden
Zum Kommentar
avatar
who cares?
29.03.2019 07:16registriert November 2014
Ist das nicht die "gute alte Zeit", in die manche wieder zurück wollen? Als Mann noch Mann sein durfte und Frau noch Frau! Oder so. Mir läufts jeweils kalt den Rücken hinab, wenn jemand diese Zeit verherrlicht.
309100
Melden
Zum Kommentar
47
Goalie Peter Schmeichel erzielt ein Fallrückzieher-Tor – aber es endet im Drama
4. Februar 1997: Peter Schmeichel ist einer der grössten seiner Zunft. Der dänische Keeper hext seit Jahren bei Manchester United, doch es fliesst auch Stürmerblut in seinen Adern. Gegen Wimbledon trifft Schmeichel traumhaft, unvorstellbar schön und spektakulär für einen Goalie. Zu seinem Leidwesen zählt der Treffer nicht.

Manchester United ist 1997 in England seit Jahren das Mass aller Dinge. Der Meister von 1993, 1994 und 1996 ist bereits wieder auf dem besten Weg zum nächsten Meistertitel. Seit zwei Monaten und 14 Spielen sind die «Red Devils» ungeschlagen. Im FA-Cup stand der Titelverteidiger in den letzten drei Jahren im Endspiel (Sieger 1994 und 1996). Und jetzt wartet in der vierten Runde des Cups das bescheidene Wimbledon.

Zur Story