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Vanessa Leutenegger vertritt das Zukunftsmodell von Hebammen, die auf Augenhöhe mit Ärzten diskutieren und ihren eigenen Beruf weiterentwickeln.
Vanessa Leutenegger vertritt das Zukunftsmodell von Hebammen, die auf Augenhöhe mit Ärzten diskutieren und ihren eigenen Beruf weiterentwickeln.illustration: fh schweiz/flavia korner
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Warum diese Hebamme einen Doktortitel macht – und nicht die einzige bleibt

Jede werdende Mutter ist um eine gut ausgebildete Hebamme froh. Doch muss diese gleich einen Doktortitel haben? Vanessa Leutenegger arbeitet genau daran und erklärt, warum wir von anderen Ländern lernen können.
05.10.2021, 13:54
Guy Studer
Guy Studer
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Vanessa Leutenegger ist freiberufliche Hebamme mit entsprechendem Bachelor-Abschluss an der ZHAW. Doch damit gibt sich die 32-Jährige nicht zufrieden. Sie hat auch den Master in Nursing an der ZHAW absolviert und geht den seltenen Weg, auch noch einen Doktortitel, den PhD in Care and Rehabilitation Sciences zu erlangen. Gleichzeitig ist sie als Dozentin im Masterstudiengang Hebamme an der ZHAW tätig. Es ist ein seltenes Berufsprofil und wirft die Frage auf: Benötigen Hebammen neuerdings Doktortitel?

Bald mit PhD: Vanessa Leutenegger.
Bald mit PhD: Vanessa Leutenegger.bild Julian rüthi

Frau Leutenegger, warum machen Sie als Hebamme einen Doktortitel?
Vanessa Leutenegger: Um mit Ärzten auf Augenhöhe diskutieren zu können, gemeinsam über die aktuell hohe Interventionsrate nachzudenken und damit die Physiologie des Elternwerdens zu bestärken. Und weil ich überzeugt bin, dass wir Hebammen in ganz vielen Situationen besser mit dem ärztlichen Personal zusammenarbeiten könnten, als es heute gegeben ist. Dazu benötigen wir aber mehr Hintergrundwissen sowie fachliche und evidenzbasierte Vertiefung, um den natürlichen Verlauf der Schwangerschaft, Geburt und des Wochenbetts gemeinsam fördern zu können.

Contentpartnerschaft mit FH Schweiz
Die Beiträge dieses Blogs stammen vom Dachverband der Absolventinnen und Absolventen von Fachhochschulen (FH Schweiz). Darin geht es um Arbeit, Karriere sowie Aus- und Weiterbildung. Es handelt sich nicht um bezahlten Content. (red)

Sie möchten also Hebamme bleiben?
Ich bin mit Leidenschaft freiberufliche Hebamme und möchte es auch bleiben. Die Coronakrise hat zusätzlich unterstrichen, wie wichtig unsere Begleitfunktion ist, wenn aufgrund einer Pandemie die Besuche eingeschränkt sind. Aber ich schätze sehr, dieses Zusatzwissen zu haben und damit in der Praxis zu arbeiten. Es eröffnet mir als Hebamme neue Blickwinkel und Möglichkeiten, neues Wissen in die Praxis mitzunehmen, welches man in der Grundausbildung nicht lernt.

Können Sie ein Beispiel aus dem Alltag nennen, wo dieses Wissen hilft?
Oft sind es übergeordnete Themen. Auf dem Weg zum PhD erlerne ich etwa Kommunikationstechniken, aber auch Informationen über unser Gesundheitssystem werden vermittelt. Und wenn ich evidenzbasierte Studien gelesen habe und so den wissenschaftlichen Kontext kenne, bestärkt mich das auch in meiner täglichen Arbeit. Als konkretes Beispiel könnte man die Herztöne der Ungeborenen nennen: Es gibt immer wieder Diskussionen darum, wie man sie richtig liest und abhört, welches die richtigen Zeitpunkte sind, und ob wir die richtigen Schlüsse daraus ziehen. In der Grundausbildung lernen wir die einfache Anwendung, zusammen mit dem Basiswissen. Jetzt habe ich auch die Begründungen und wissenschaftlichen Grundlagen dazu erhalten.

Braucht nun jede Hebamme eine solche fachliche Vertiefung oder bleiben Sie eher die Ausnahme?
Es braucht sicher beides und das ist für die Zukunft auch notwendig. Zum einen ganz einfach, damit wir eine hochwertige Ausbildung aufrechterhalten können. Zum anderen eröffnen Hebammen mit einer vertieften, wissenschaftlichen Ausbildung neue Optionen. Etwa, um den Beruf im Sinne der eingangs erwähnten Frage weiterzuentwickeln. Es können immer Dinge optimiert werden, gerade auch in der Zusammenarbeit. Hier sind uns einige Länder voraus, zum Beispiel England oder die skandinavischen Länder, wo bereits Expertinnen genau in dieser Schnittstelle arbeiten.

«Hier sind uns einige Länder bereits voraus, zum Beispiel England oder die skandinavischen Länder.»
Vanessa Leutenegger

Sie haben an einer Fachhochschule studiert, für ein Doktorat muss man aber an die Uni und einen entsprechenden Abschluss vorweisen. Wie geht das bei Ihnen?
Bei mir wird das durch ein Kooperationsprogramm zwischen der Uni Zürich und ZHAW (siehe Box) möglich. In der Schweiz ist das noch ziemlich neu und es gibt nur wenig Erfahrung damit. Teils ist es auch etwas kompliziert. In meinem Fall war es ein Bewerbungsprozess: Ich musste mein Projekt vorstellen und darlegen, was ich erreichen möchte. Die Fächer belege ich nun an der Uni, die direkte Begleitung durch meine Supervisorin wird von der ZHAW organisiert. Als Fachhochschulabsolventin muss ich zudem 30 zusätzliche ECTS-Credits sammeln, über die sogenannte Passerelle an der Uni. Glücklicherweise darf ich die nötigen Fächer während des PhD belegen und musste die Credits nicht bereits vorher vorweisen. Allerdings wage ich den Sinn dieser Zusatzcredits zu bezweifeln. Denn man muss aus einer vorgegebenen Bandbreite auswählen, wobei nicht alle Kurse so viel bringen für das eigene Fach.

Ohne Gymi zum Doktortitel
Seit 2017 sind in der Schweiz Kooperationen zwischen Fachhochschulen (FH) oder Pädagogischen Hochschulen (PH) und Universitäten für Doktoratsprogramme (PhD, von Doctor of Philosophy) möglich. Allerdings bleibt das Promotionsrecht, also die Verleihung des Doktortitels, alleine den Unis vorbehalten. Die bisher vereinzelten Programme ermöglichen so einem kleinen Kreis von Absolventen einer nichtuniversitären Hochschule den Zugang zur Dissertation. Gerade Absolvent:innen von Fachhochschulen haben ursprünglich zumeist den praktischen Ausbildungsweg über eine Berufsbildung und zum Beispiel Berufs- oder Fachmatura gewählt. Ein Doktorat wiederum ermöglicht es unter anderem, als Dozent:in an einer Hochschule tätig zu sein. Auch aus diesem Grund gibt es Stimmen, die fordern, dass auch Fachhochschulen das Promotionsrecht erhalten und eigenständige PhD-Programme anbieten dürfen, wie das etwa in Deutschland der Fall ist. So könne der anwendungsorientierte Ausbildungsweg auch auf den Lehrkörper und auf die Forschung ausgedehnt werden.

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