Zürcher Justiz rollt Umweltskandal am Bodensee neu auf: Neue Ermittlungen im Fall Amcor
300 Kubikmeter kontaminiertes Löschwasser traten bei zwei Havarien im Dezember 2020 und Januar 2021 beim Goldacher Verpackungsmulti Amcor aus. Das ist exakt die Menge Wasser, die das Becken des St.Galler Volksbads fasst – das älteste heute noch existierende Hallenbad der Schweiz.
Das Problem beim Löschwasser in Goldach: Darin war die seit 2011 verbotene Ewigkeitschemikalie PFOS. Sie gehört zur grossen Gruppe der PFAS – krebserregende und für die Umwelt schädliche per- und polyfluorierte Alkylverbindungen. Eigentlich hätte der australische Konzern den Stoff in seinem Löschschaum bis Ende 2018 ersetzen müssen. Tat er jedoch nicht – bis es in der Altjahreswoche 2020 bei Wartungsarbeiten zum folgenreichen ersten von zwei Unfällen kommt.
Auch Thur und Rhein wurden verschmutzt
Rund ein Drittel des Löschwassers floss wegen Pannen und einem undichten Rückhalteschieber direkt in die Goldach und den Bodensee. Der Rest wurde aufgefangen und hätte korrekt entsorgt werden können. Weil die Chemikalie extrem beständig ist, hätte sie nur in einem Kehrichtheizkraftwerk – bei Temperaturen um 1000 Grad – unschädlich gemacht werden können.
Der Verpackungskonzern informierte aber weder Polizei, Feuerwehr noch den Umweltschadendienst des Kantons St.Gallen. Dazu wäre das Unternehmen gemäss Störfallverordnung verpflichtet gewesen. Schlimmer noch: Auch gegenüber den Abwasserreinigungsanlagen Morgental und Altenrhein, wohin das Abwasser gebracht wurde, behielt Amcor die Information zurück, dass dieses kontaminiert ist.
Deswegen floss ein weiteres Drittel des Löschwassers in den Bodensee, der Trinkwasserreserve von fünf Millionen Menschen. Als Polizei und Behörden zwei Wochen nach der ersten Havarie erfuhren, dass im Löschwasser PFAS ist, hätte immerhin das verbliebene Drittel – rund 120 Kubikmeter – fachgerecht entsorgt werden können.
Zwölf Tanklastwagen holten das Gefahrgut ab – brachten es aber nicht in eine Verbrennungsanlage, sondern zur Abwasserreinigungsanlage im zürcherischen Andelfingen. Irgendwo im Prozess zwischen Auftragserteilung und Abholung ging verloren, dass das Abwasser PFAS-belastet ist. Stattdessen wurde es als ölhaltig deklariert. Den «Lieferschein» hat das Amt für Umwelt des Kantons St.Gallen von Amcor nie erhalten – trotz mehrfacher Nachfrage. Das kontaminierte Wasser floss von der ARA via Thur in den Rhein. Die Flüsse wurden somit ebenfalls verschmutzt.
Wegen Einsichtsgesuch: Zeitung wurde zweimal vors Bundesgericht gezerrt
Für die Umweltverschmutzung am Bodensee wurde Amcor von der St.Galler Staatsanwaltschaft im Februar 2022 mit 5000 Franken gebüsst. Zudem musste das Unternehmen die durch die illegale Entsorgung eingesparten Kosten von 28’260 Franken bezahlen. Der Fall schien juristisch erledigt. Bis jetzt.
Erst durch die Einsicht in die Untersuchungsakten – gegen die sich Amcor zur Wehr setzte und das «St.Galler Tagblatt» zweimal bis vor Bundesgericht zerrte – kam auch die Umweltverschmutzung in Zürich ans Tageslicht. Diese war kein Bestandteil des Strafbefehls vor vier Jahren und wurde darin auch nicht erwähnt.
Als die Zeitung den zuvor unbeleuchteten Aspekt vor einem Jahr publik machte, sagte Balthasar Thalmann, zuständiger Abteilungsleiter des Zürcher Amts für Abfall, Wasser, Energie und Luft (Awel): «Wir haben damals die Frage einer Untersuchung aufgeworfen. Mit dem Wissen, dass im Kanton St.Gallen eine Untersuchung läuft, sahen wir keinen Handlungsbedarf.»
Nun hat der Wind gedreht: Im Kanton Zürich laufen neue Ermittlungen. Katharina Weber, Mediensprecherin der Zürcher Baudirektion, bestätigt das. Aufgrund der Anfrage dieser Zeitung zum Fall Amcor habe man den Vorfall nochmals eingehend untersucht und eine juristische Einschätzung vorgenommen. «Da wir nicht ausschliessen können, dass es im Kanton Zürich zu strafbaren Handlungen kam, hat das Awel im Sommer 2025 Strafanzeige eingereicht.»
Ermittlungen gestalten sich aufwändig
Erich Wenzinger, Sprecher der Oberstaatsanwaltschaft im Kanton Zürich, bestätigt die eingegangene Anzeige. «Die Zürcher Staatsanwaltschaft hat aufgrund dieser Ermittlungen aufgenommen.» Im Raum stehen Widerhandlungen gegen das Umweltschutzgesetz und das Gewässerschutzgesetz.
Ob sich das Verfahren gegen einzelne Mitarbeitende von Amcor oder die Chemiefirma an sich richtet, beantwortet Wenzinger mit Hinweis auf die laufenden Ermittlungen nicht. Auch wann das Verfahren abgeschlossen wird, ist offen. «Da der zu untersuchende Sachverhalt bereits fünf Jahre zurückliegt, gestalten sich die Ermittlungen aufwändiger und schwieriger.»
Der Verpackungsmulti Amcor äussert sich nicht zu den neusten Enthüllungen. Wie ein Sprecher sagt, habe die Zürcher Staatsanwaltschaft im Rahmen der laufenden strafrechtlichen Ermittlungen eine aktuell geltende Verfügung mit einem Mitteilungsverbot erlassen. «Wir dürfen deshalb Ihre Fragen derzeit nicht beantworten.»

