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Eindeutige Ansage im Trump Store in Gatlinburg/Tennessee.
Eindeutige Ansage im Trump Store in Gatlinburg/Tennessee.bild: johann aeschlimann

«Hast du Biden gewählt?» Eine Reise durch den Süden der USA

Unser Mitarbeiter reiste durch den amerikanischen Süden: Die ukrainische Front ist ganz, ganz weit weg. Joe Biden ist kein Kriegsheld. Was die Leute umtreibt, ist der galoppierende Benzinpreis.
26.06.2022, 16:40
johann aeschlimann

Im Mai ist der Süden Amerikas noch erträglich: Die Landplage der springbreak-Studenten hat sich verzogen, Hitze und Feuchtigkeit liegen diesseits der Schmerzgrenze, die hurricane season steht erst bevor. Der Moment für einen road trip ist der richtige, also los. Wir starten in Hollywood/Florida nahe Miami, mein Berliner Kollege Thomas und ich. Wir fahren hinüber an den Golf von Mexiko und der Küste entlang bis New Orleans, mit einem Abstecher nach Montgomery/Alabama.

Um der räuberischen drop off charge zu entgehen, bringe ich den gemieteten Nissan Rogue anschliessend zurück nach Washington, D.C., via Great Smoky Mountains und Virginia. Zum Abschluss eine Woche Segeln auf der Chesapeake Bay mit Captain B auf seiner «Windspeel».

Mein Fazit: a) die Ära des billigen Hotelzimmers in Amerika ist vorbei. Unter siebzig Dollar ist auch das schäbigste fleabag-Etablissement nicht mehr zu finden. b) Benzin ist so teuer, dass der Betrieb der V-8-Panzer langsam weh tut (Captain B: «Ich habe gestern meinen Truck vollgetankt und 104 Dollar bezahlt»). c) Florida produziert fantastische Austern, die Besten gab es in der panhandle, dem schmalen westlichen Fortsatz, der als Spielwiese der rednecks bekannt ist: Redneck Riviera. d) die Autovermietungen scheinen neuerdings irgendeine Sperre ins Radiosystem einzubauen – der Nissan hatte nur christlichen bullcrap und Ödrock auf dem Durchlauf. e) dort, wo wir waren, ist der Krieg in der Ukraine kein einschneidendes Ereignis und beschäftigt die grosse Masse nicht allzu sehr. f) der Klimawandel ist weiterhin kein showstopper, selbst an den meistgefährdeten Ufergebieten Amerikas drücken Anwohner die Augen zu.

Florida Panhandle

Endlose weisse Strände sind ein Markenzeichen der Florida Panhandle.
Endlose weisse Strände sind ein Markenzeichen der Florida Panhandle.Bild: keystone

Die Strände der panhandle (und in Alabama und Mississippi bis New Orleans) sind weiss wie Schnee, dünn gekörnt, das Wasser sauber. Und im Mai sind sie nahezu menschenleer, das Wasser erfrischende 20 und nicht laue 30 Grad wie im Sommer. Die Touristen-Silos sind weniger dicht gestreut als an der Westküste, nicht alles Ältere ist ersetzt, an einigen Orten ist ein Hauch von main street erhalten. Grosse Flächen von Sumpf- und Marschland sind Schutzgebiete.

Im steten Bemühen, einem lebenden Alligator zu begegnen, fahren wir in die Tate’s Hell Wildlife Management Area. Ein nettes Paar bietet an, voraus zu fahren, auf immer holprigeren Feldwegen in den Wald hinein, entlang stiller Wasserläufe bis zu einem Wendeplatz, wo es nicht mehr weitergeht. Ein Steg führt in das mit Pflanzen bedeckte Wasser hinaus, Mangrovenlandschaft so weit das Auge reicht. Nur ein Alligator ist nirgendwo zu erspähen. Wir seien zu spät, sagt das nette Paar, der Alligator pflege sich im Morgengrauen zu zeigen, und nachts sehe man die Äuglein im Wasser leuchten.

Weil die Stechfliegen arg zusetzen, verschwindet das nette Paar sehr rasch vom Steg, und wir fahren auch weiter. In Cedar Key besuchen wir den kleinen State Park. Ein kurzer Rundgang führt durch die Marsch, ein kleines Museum erzählt aus der Geschichte des Fleckens: 1860 für die paar Monate bis zum Beginn des Bürgerkriegs ein wichtiger Brückenkopf der Eisenbahn und eine Holzschlag-Metropole, bis Ende des 19. Jahrhunderts alles abgeholzt war. Heute lebt man von der Muschelzucht und vom Tourismus.

Das Museum beschreibt ziemlich ausführlich die Lebensart der Seminole-Indianer, verliert aber kein Wort über die schwarze Bevölkerung. Das ist nicht Zufall. Unweit von Cedar Key lag vor hundert Jahren der Weiler Rosewood, wo der Rassenkonflikt in derartigen Massakern endete, dass schwarz und weiss den Ort für immer verliessen. Wir sprechen mit dem Aufseher, der sich als moderner Nomade entpuppt. Seit zehn Jahren ziehe er mit Truck und Wohnwagen durch die Lande, erzählt er uns. Er verweile ein paar Monate hier, ein paar Monate dort. Jetzt eben in Cedar Key, als Parkwächter.

Was denken Sie über den Krieg in der Ukraine? Sollen die USA den Ukrainern helfen?
Ich hoffe, dass wir uns da heraushalten und nicht hineingezogen werden. Wir haben andere Sorgen. Zum Beispiel den Benzinpreis.
Also tut Präsident Biden nicht das Richtige. Hätte Trump es besser gemacht?
Oh yeah. Sicher.
Denken Sie, Trump wird in zwei Jahren nochmals antreten?
Ich hoffe es.

Montgomery/Alabama

800 Stahlplatten mit den Namen von Lynchopfern hängen von der Decke des National Museum for Peace and Justice.
800 Stahlplatten mit den Namen von Lynchopfern hängen von der Decke des National Museum for Peace and Justice.Bild: keystone

Das National Museum for Peace and Justice und das dazugehörige Legacy Museum in Montgomery, der Hauptstadt des Gliedstaats Alabama, sind die Trouvaille des Trips. Sie dokumentieren die Lynchjustiz gegenüber den Nachfahren der schwarzen Sklaven und ehren die Opfer. In einer monumentalen Freilicht-Halle auf einem Hügel am Stadtrand hängen 800 Stahlplatten von der Decke, eine für jedes county, in welchem Vorfälle dokumentiert sind. Auf der Platte sind Ort und Datum der Tat und der Name des Opfers eingraviert, 4400 an der Zahl. Jede Platte hat ein Doppel, welches das county abholen und als lokales Monument aufstellen kann. Die nicht abgeholten Stücke sind draussen aufgestapelt. Es sind viele.

In einem alten Lagerhaus unten in der Stadt präsentiert das Museum die Geschichte der Schwarzen von den Anfängen der Sklaverei bis zu den Black-Lives-Matter-Umzügen – nicht (oder nicht nur) als Fortschritt auf dem Weg zur Gleichberechtigung, sondern auch als nicht endende Einschüchterung und Unterdrückung. Neben den Kämpfen der Bürgerrechtler in den sechziger Jahren, Aufhebung der Rassentrennung in Bussen und Restaurants, Zugang zu höheren Schulen und – vor allem – zu den Wahllokalen liegt ein zweiter Akzent auf dem Terror nach der Abschaffung der Sklaverei in den geschlagenen Staaten des Südens: lynching – die Lynchjustiz. Im Sprachgebrauch heutiger Uno-Resolutionen wäre von extrajudicial killings die Rede.

Die Lynchmorde wurden teilweise in den Zeitungen angekündigt.
Die Lynchmorde wurden teilweise in den Zeitungen angekündigt.bild: Johann aeschlimann

Der Ursprung des Worts ist ungewiss (eine Version führt es auf einen aussergerichtlich operierenden Richter Lynch aus der amerikanischen Revolutionszeit zurück) und der Akt selbst nicht auf die Vereinigten Staaten beschränkt. Aber in den hundert Jahren nach der Niederlage des Südens im Bürgerkrieg wurde lynching dort zum Herrschaftswerkzeug. Geduldet und in Kauf genommen, oft unter Teilnahme feixender Mitläufer, die sich fotografieren liessen und die Überbleibsel des Opfers als Souvenir heim brachten, in aller Öffentlichkeit. Von den Aufnahmen wurden Postkarten verkauft, die Presse berichtete nicht bloss im Nachhinein, sondern in Vorschauen.

Museum und Monument sind das Werk der privaten Equal Justice Initiative, die 1989 in Montgomery gegründet wurde, um vom Todesurteil bedrohten Angeklagten rechtlichen Beistand zu gewähren. Sie sind auf private Initiative entstanden und mit privat geäufneten Geldern finanziert. Nach unserem Besuch gehen wir ins Regierungsviertel, wo neben dem Staatsarchiv und dem Kapitol von Alabama das «erste Weisse Haus der Konföderation» steht, der erste Amtssitz von Südstaaten-Präsident Jefferson Davis. Es wird mit dem Geld der Steuerzahler schmuck unterhalten. Wir fragen den freundlichen Aufseher, ob auch Schwarze zu den Besuchern gehörten. «Wenige», gibt er zurück. Wir sagen ihm, dass wir zuvor das lynching-Monument besucht haben. «Da war ich auch», sagt der Mann. «Eindrücklich.»

New Orleans

In New Orleans befindet sich das National World War II Museum.
In New Orleans befindet sich das National World War II Museum.bild: shutterstock

Die Stadt brummt wieder. Das Coronavirus war gestern, kein Mensch trägt Maske, niemand hält Abstand. Die Bourbon Street ist belebt, in der Frenchmen Street wummt Musik aus jedem Lokal. The Big Easy – du trittst ein, ohne Gesichtskontrolle oder doorman, holst dir etwas Dünnes, hörst ein wenig zu, gehst zur nächsten Tür. Oft mässig, manchmal gut, meistens laut, gelegentlich toll, immer bescheiden. Populaire.

Zum zweiten Mal im episch angelegten World War II Museum. Mich interessiert, ob die auf der Hand liegende Parallele zur Situation in der Ukraine in irgendeiner Weise thematisiert wird: «Neutralität» vs. Engagement, Verteidigung der «westlichen Werte» vs. imperialistische Grossmacht-Aggression, europäische Selbstverteidigung vs. amerikanische Intervention. Das Museum beschreibt das innenpolitische Dilemma von Präsident Roosevelt, die Isolationisten und Hitlerversteher um den Flieger Charles Lindbergh, die Meinungsumfragen mit Mehrheiten für Amerikas Stillhalten (America First), dann der Angriff auf Pearl Harbor, der Meinungsumschwung und die gigantische Aufrüstung des arsenal of democracy.

Schlacht um Schlacht geht es von Saal zu Saal, bis wir beim Segment über die Ardennenschlacht auf ein altes Ehepaar stossen. «Da warst du also?», fragt die Frau vor einer Landkarte des amerikanischen Vormarsches nach Deutschland. «Jawohl», antwortet der Mann. Nach der battle of the bulge, wie die Amerikaner die Ardennenschlacht nennen (der verlustreichste Kampf der US-Militärgeschichte, 88’000 Tote), sei es nach Aachen gegangen, dann nach Köln und weiter nach Süden. In Salzburg seien sie auch gewesen.

Der Mann heisst Bob Bokey. Er ist 97 Jahre alt. Vor drei Jahren hat er seine Partnerin, auch sie gegen 90, geheiratet.

Sie haben die Ardennenschlacht mitgemacht?
Jawohl, ich war bei Patton, bis zum Ende.
Und dann?
Dann musste ich weiter in den Pazifik. Ich hätte nochmals kämpfen müssen, wenn die Bomben auf Nagasaki und Hiroshima nicht gefallen wären.
Nie in Gefahr?
Doch, in Köln. Ich stieg auf den Dom, wegen der Aussicht, und wurde von einem Scharfschützen aufs Korn genommen. Ich machte mich schnell davon.

Von einer Bezugnahme auf die Ukraine fehlt im Museum jede Spur. Nirgendwo eine ukrainische Flagge, niemand, der ein Flugblatt verteilte oder ein Banner hoch hielte, nichts: Das World War II Museum ist von der Gegenwart abgeschnitten, eine Zeitkapsel für die Konservierung einer heldischen Epoche. The good war, wie der Oralhistoriker Studs Terkel sie nannte. Warum die Isolierung? Ich vermute, es hat mit der Gespaltenheit der Gesellschaft zu tun, die auch die Haltung zum Krieg ergreift.

Präsident Joe Biden unterzeichnet das Gesetz, das schnelle Waffenlieferungen an die Ukraine ermöglicht.
Präsident Joe Biden unterzeichnet das Gesetz, das schnelle Waffenlieferungen an die Ukraine ermöglicht.Bild: keystone

Gewiss finden sich Umfragen, welche die Politik der Regierung Biden – massive Unterstützung der Ukraine mit Kriegsmaterial, diplomatische Führung bei den wirtschaftlichen Zwangsmassnahmen gegen Russland – unterstützen, und im Kongress haben Bidens Finanzierungsvorlagen Mehrheiten auch mit den Stimmen seiner republikanischen Gegner gefunden. Aber im Senat stimmten 11 Republikaner und im Repräsentantenhaus 57 gegen Bidens zweites Ukraine-Paket, und in den Umfragen werden die Mehrheiten für seinen Kurs dünner.

Präsidenten, die Krieg führen, stehen oft innenpolitisch gestärkt da, weil sie sich als «Führer der freien Welt» und dergleichen inszenieren – Clinton auf dem Balkan, die Bushs am Golf und in Afghanistan. Aber die Ukraine löst den Reflex nicht aus. Joe Biden ist nicht ein Kriegsheld. Wir haben auf unserer Fahrt nur zwei Ukraine-Fahnen entdeckt, beide in New Orleans.

Gatlinburg/Tennessee

In Gatlinburg amüsieren sich diejenigen, die sich noblere Orte nicht leisten können.
In Gatlinburg amüsieren sich diejenigen, die sich noblere Orte nicht leisten können.Bild: shutterstock

Auf der Interstate hinauf nach Tennessee, bis Gatlinburg am Fuss der Appalachen. Ich komme nachts an, als nur noch die Neonwerbung zu sehen ist, Meile um Meile Fast-Food und Rummelplatz von Pigeon Fork unten im Tal bis Gatlinburg oben am Eingang zum Smoky Mountain National Park, dazu ein endloser Stau.

Gatlinburg ist eine erste Destination für amusement und fun für solche, die sich die Küste nicht unbedingt leisten können, rednecks, hicks, Hinterwäldler, die Leute, welche Hillary Clinton einst als deplorables verhöhnte. Las Vegas kann schrecklicher nicht sein. Ein zweiter Augenschein bei Tageslicht bestätigt den Befund. Hier gibt es offensichtlich weder eine «Ortsplanung» noch eine Rücksicht auf die Schönheiten des Nationalparks nebenan. Wer Bedarf nach einem weiteren Pizzaschuppen oder einer Achterbahn hat, kann sie hinklotzen.

Dollywood ist auch hier angesiedelt, der Park von Country-Sängerin Dolly Parton (das Geburtshaus ist unweit). Wider besseres Wissen fahre ich zum Eingang, ein bisschen lockt der Besuch, Dolly gehört ja zum Allerbesten der amerikanischen Musik. Aber der Parkplatz ist so gross wie ein Flugfeld und schon halbvoll, ich fliehe.

Den Trump Store muss ich allerdings mitnehmen: Ein Geschäft in einer Ladenzeile, zwischen einem Papa John’s und dem Chocolate Monkey. Zur Begrüssung aussen eine Flagge: Buck Fiden. Ich trete ein. Innen das Übliche. T-Shirts, Hüte, Teddybären, viele mit Let’s go Brandon angeschrieben. Und ein neuer Schriftzug ist im Angebot: Joe and the Hoe gotta go. Das heisst so viel wie «Joe und die Hure müssen weg». Ist das noch freie Rede, oder sollte der Träger dieses Leibchens wegen Verleumdung angezeigt werden?

Ein Spruch mit einer speziellen Bedeutung.
Ein Spruch mit einer speziellen Bedeutung.Bild: keystone

Let’s go Brandon stammt aus einem TV-Interview mit dem Nascar-Autorennfahrer Brandon Brown, das von Fuck Joe Biden-Geschrei aus dem Publikum übertönt wurde. Die Interviewerin wollte ihrem Publikum glauben machen, die Menge meine den Rennfahrer und rufe Let’s go Brandon. Seither steht der Spruch für die gemeinte andere Bedeutung. Ich frage den jungen Mann an der Kasse, was es damit auf sich hat. Er hat keine Ahnung, weil er offensichtlich kein Englisch kann. Ich frage auf Spanisch.

Weisst du, was das heisst, Let’s go Brandon?
Nicht wirklich. Die Leute mögen es.
Magst du Trump?
Ja, sehr.
Hast du ihn gewählt?
Ja.
Wie lange bist du schon hier?
Ich bin vor sechs Monaten aus Mexiko gekommen.
Wie kannst du dann wählen?
Ich habe nicht gewählt. Ich meine nur, ich würde ihn wählen, wenn ich könnte.

Auf der Weiterfahrt in den Nationalpark halten die Autos plötzlich still. Wieder Stau: Gegenüber trottet ein Bär am Strassenrand, man fotografiert. Die Strasse führt auf die Kimme des Gebirgszugs, den Morton Overlook. Atemberaubende Ausblicke, Kette um Kette von Bergzügen, jeder in seinem eigenen Blau. Dann hinunter nach Cherokee, dem einzigen Überbleibsel des Indianervolks, das – ethnic cleansing – in den 1830er Jahren aus seinen Heimaten eskortiert und in den Wilden Westen hinausgetrieben wurde. In den Geschichtsbüchern wird der Vorgang als trail of tears verbucht. Die Tränenstrecke.

Schliesslich hinunter nach Asheville/North Carolina. Eine radikal andere Welt als auf der anderen Seite des Gebirges. Die älteren Leute auf der Strasse sehen schicker aus, die jüngeren hipper. Die Restaurants oft vegan. Nicht selten eine Regenbogenfahne an einer Fassade. In Asheville ist man woke.

Chesapeake Bay

Ein Fischer in der Chesapeake Bay, die durch den Klimawandel gefährdet ist.
Ein Fischer in der Chesapeake Bay, die durch den Klimawandel gefährdet ist.Bild: shutterstock

Die Chesapeake Bay östlich von Washington, D.C. ist das grösste Mündungsgebiet der Vereinigten Staaten. Viermal so gross wie die Schweiz. Ein nicht sehr tiefes, in unzähligen Buchten, kleineren Zuflüssen und Bächen verästeltes Gewässer. An den flachen Ufern liegen einige der ältesten europäischen Siedlungen Amerikas, ergänzt durch eine zunehmende Anzahl Zweitvillen und -appartements. Die Hochsee-Wassertrasse in den Hafen von Baltimore führt durch die Bay, Austern- und Krabbenfischerei gehören zu ihren traditionellen Wirtschaftszweigen, der Blue Crab ist die Delikatesse der Gegend.

Die Chesapeake Bay gehört zu den am stärksten gefährdeten amerikanischen Küsten, und die Effekte sind längst zu messen. Die steigenden Wassertemperaturen haben einige Fischarten in kühlere Gebiete nordwärts vertrieben, das prekäre Gleichgewicht zwischen Süss- und Salzwasser ist gestört. Klimaszenarien für das bevorstehende Jahrhundert projizieren Anstiege der Wasserspiegel zwischen 1 und 6 Fuss (30 bis 180 cm). Auf Zukunftslandkarten sind beträchtliche, nahe am Wasser liegende Wohnflächen schraffiert eingezeichnet: Sie werden in den kommenden Jahrzehnten überschwemmt.

Wir hatten im Sinn, bis Smith Island zu segeln, Captain B und ich auf dem 28-Füssler «Windspeel». Smith Island ist eine Insel auf der Grenze zu Virginia, 200 Einwohner, Crab-Fischerei, das Überleben durch Erosion und den Anstieg der Wasserspiegel akut bedroht. In wenigen Jahrzehnten wird von der Insel nichts Bewohnbares mehr übrig sein. Nach den Verwüstungen des Orkans Sandy 2013 bot die Regierung von Maryland den Einheimischen an, ihre Liegenschaften aufzukaufen und ihnen einen Neubeginn auf dem Festland zu ermöglichen, aber sie lehnten ab. Sie fordern adaptation, den Bau von Wällen und Dämmen mit Geld vom Staat.

Wir wollten schauen, wie der Widerstand gegen die Natur sich anlässt. Bis Smith Island haben wir es nicht geschafft. Aber einen Eindruck vom Effekt des Klimawandels auf die Menschen an der Bay erhalten wir weiter nördlich. Zum Beispiel im Characters Bridge Restaurant in Knapps Narrows auf Tilghman Island. Wir versuchen, die Bedienung in ein Gespräch zu verwickeln.

Sie sind direkt am Wasser. Ist man besorgt über den Anstieg des Wasserspiegels?
Nein überhaupt nicht.
Aber die Häuser hier könnten doch überschwemmt werden?
Das kümmert niemanden hier. Es spielt keine Rolle.

Characters hat keine Crabs, wir seien zu früh in der Saison, heisst es, und die Austern gibt es nur frittiert. Hinter uns liegen die Boote der watermen am Dock, die morgens um drei Uhr unter grossem Lautsprecherlärm ausfahren und nach fünf Stunden zurück sind, gelbe Netze gefüllt mit clams. Ich schwatze ein wenig mit einer Besatzung, ein Alter und ein Junger, wahrscheinlich Vater und Sohn. Der Fang sei ordentlich, sagt der Alte, 8 Dollar das bushel für Köderkrabben. Auch die Austern, die in den achtziger Jahren beinahe eingegangen waren, seien zurück. Der Kreislauf der Natur: «Die Austern verschwinden und kommen wieder, ich habe das in meinem Leben schon dreimal erlebt.» Das Problem von heute sei der Sprit, die gewaltig steigenden Treibstoffpreise. Das Schild bei der Marina zeigt 6 Dollar für die Gallone Diesel an – weit mehr als an der Strassentankstelle. Und dann fragt der Alte:

Hast du Biden gewählt?
Was?
Ob du Biden gewählt hast.
Ich bin Ausländer, ich wähle nicht.

Womit ich mich verdächtig gemacht habe, bleibt im Dunkeln. Aber im Amerika von 2022 scheint sich ein Gespür für die Parteizugehörigkeiten des Gegenübers zu entwickeln. Captain B, ein eingefleischter Demokrat, hat klare Vorstellungen, wer als Republikaner daherkommt, wir spielen, tongue in cheek, «rot» oder «blau». Segler sind tendenziell blau, also demokratisch, es sei denn, die Yacht wäre deutlich über 48 Fuss lang. Motorbootfahrer tendenziell rot, also republikanisch, vor allem die mit über 500 PS Antrieb am Hintern.

Schwieriger wurde es in Oxford, einer betulichen und noblen Ortschaft am Choptank River, Gebäude aus vorrevolutionärer Zeit, die älteste Fähre Amerikas (in Betrieb seit 1683), Liegenschaftspreise 1-Million-plus. Im Dorfpark spricht uns eine Dame an, die ihren Hund spazieren führt. «Ist es nicht schrecklich?», sagt sie und meint den Krieg in der Ukraine. «Wie in den dreissiger Jahren, und erneut in Europa.» Amerika müsse wieder helfen, sagt sie. Die freie Welt retten.

«Die Frau hat Geld», sagt Captain B, als sie verschwunden ist. Rot oder Blau? Ich tendiere zu blau. Captain B ist unschlüssig. Am Dock in Knapps Narrows ist der Fall klar. Der Kahn meiner beiden watermen zeigt Flagge: Joe and the Hoe gotta go.

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Watson-Mitarbeiter Johann Aeschlimann am Trump-Rally in Florida

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23 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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verbosus.ch
26.06.2022 18:26registriert März 2019
Slogans wie "Joe and the Hoe gotta go" sind m.E. emergente Phänomene einer womöglich kaum mehr aufhaltbaren Entwicklung hin zum Bürgerkrieg.

Hauptverantwortlich ist das System Trump, das den rationalen Diskurs mit faschistoider Rhetorik zu Grabe trug. Sachpolitik wurde, leider erfolgreich, fast gänzlich durch Personenkult ersetzt: Es spielt keine Rolle mehr, was gesagt wird, sondern bloss noch, wer es sagt. Hier die guten Republikaner, dort die bösen Demokraten - and that's about all you need to know.

Ich bange um die USA. Und um die Welt.
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sweeneytodd
26.06.2022 17:15registriert September 2018
Guter und spannender Bericht, aber was hat das Thema Ukraine Krieg mit einem WWII-Museum zu tun? Nichts, darum ist es ja nicht verwunderlich dass dazu nichts vorhanden ist.
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Sixtus
27.06.2022 01:48registriert Oktober 2020
So gut geschrieben der Artikel auch ist, so irritierend ist er auch. Es liest sich fast, als hätte der Europäer im Süden der USA Europäer erwartet. Wonit ich also viel über die Erwartungshaltung des Journis erfahre, aber so gut wie nichts über den Südstaatler. Weshalb ist ihm der Benzinpreis so wichtig? Was für eine Kultur treffe ich ihm Süden an? Darüber gibt der Artikel so gut wie nichts her. Zudem war ich in den vergangenen Wochen und Monaten regelmässig in Chesapeake unterwegs. Sowie in zahlreichen Südstaaten. Die Ukraineflagge ist auch hier überall präsent!
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