Menschen bewegen sich weltweit lieber in eine Richtung – und niemand weiss, warum
Per Zufall konnten Forschende ein überraschendes, bislang unerklärtes Bewegungsmuster beim Menschen entdecken: Wenn sich Menschen frei in einem Raum bewegen, drehen sie sich mit hoher Wahrscheinlichkeit gegen den Uhrzeigersinn – unabhängig von Kultur, Geschlecht oder ob sie Links- oder Rechtshänder sind.
Forschende um Claudio Feliciani (Waseda University, Tokio) fanden dieses Muster zufällig, während sie eigentlich das Abstandsverhalten von Menschen während der Covid-19-Pandemie untersuchten. In Videoanalysen von Bewegungen in Gruppen stellte sich heraus, dass sich die Teilnehmenden in 32 von 33 Versuchsdurchläufen bevorzugt gegen den Uhrzeigersinn bewegten.
Phänomen tritt konstant auf
Um zu prüfen, ob dieses Muster tatsächlich stabil ist oder nur durch äussere Bedingungen entstanden sein könnte, führten die Forschenden Experimente in Spanien und Japan durch – in unterschiedlichen räumlichen Konstellationen und mit variierenden Gruppengrössen. Dabei wurden mehrere Einflussfaktoren wie Geschlecht, Kultur und Händigkeit gezielt isoliert untersucht.
Das Ergebnis: Das Muster trat in allen Settings bemerkenswert stabil auf. Ein einziger kleiner Unterschied zeigte sich bei der Altersverteilung: Jüngere Teilnehmende zeigten die Tendenz etwas stärker als ältere.
In der Studie, die in «Nature Communications» veröffentlicht wurde, betonen die Forschenden zudem, dass das beobachtete Phänomen auf individuellem Verhalten beruht und nicht aus kollektiven Effekten zwischen Fussgängerinnen und Fussgängern oder durch Interaktionen mit Raumbegrenzungen entsteht.
Zudem wurden die naheliegendsten Erklärungsfaktoren auf individueller Ebene ausgeschlossen – darunter Händigkeit, Fussdominanz und Augendominanz. Damit bleibt der genaue Ursprung dieses auffälligen Verhaltens weiterhin ungeklärt und Gegenstand weiterer Forschung.
Auch im Alltag beobachtbar
Hinweise auf ähnliche Muster finden sich auch im Alltag. So wird beispielsweise häufig beobachtet, dass Supermärkte Kundinnen und Kunden bewusst gegen den Uhrzeigersinn durch den Laden führen. Diese Anordnung soll das Einkaufserlebnis beeinflussen und könnte dazu beitragen, dass Menschen sich länger im Geschäft aufhalten.
Auch im Sport zeigt sich eine auffällige Tendenz: Viele Lauf- und Rennsportarten – darunter Leichtathletik, Pferderennen und NASCAR – werden traditionell gegen den Uhrzeigersinn ausgetragen. Historisch wird dies oft damit erklärt, dass viele Menschen eine stärkere rechte Körperseite besitzen, was diese Laufrichtung begünstigen könnte.
Über die Ursache wird nur gemutmasst
Expertinnen und Experten sehen in den Ergebnissen einen interessanten Ansatz für die Forschung zu menschlicher Bewegung und Raumwahrnehmung. Unklar bleibt jedoch, warum sich diese Richtungspräferenz überhaupt entwickelt hat. Diskutiert werden unter anderem biomechanische Unterschiede im Körper oder bislang unbekannte Aspekte der sensorischen Verarbeitung.
Auch mögliche physikalische Einflüsse wie das Erdmagnetfeld und die Corioliskraft wurden in der Diskussion erwähnt, gelten nach aktuellem Stand der Analyse jedoch als wenig wahrscheinlich.
Die Forschenden planen nun weitere Studien, um das Phänomen unter realistischeren Bedingungen – etwa bei Evakuierungen oder in barrierefreien Settings – zu untersuchen. (ear)
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