International
England

Wahlen in Grossbritannien Desaster für Keir Starmer

Britain's Prime Minister Keir Starmer speaks, during a meeting with leaders from across society to discuss tackling antisemitism, at Downing Street in London, Tuesday, May 5, 2026. (Hannah McKay/ ...
Keir Starmer stehen wohl politisch schwierige Zeiten bevor. Bild: keystone

Wahlen in Grossbritannien: Desaster für Keir Starmer

08.05.2026, 20:2608.05.2026, 20:31

Premierminister Keir Starmer und seine Labour-Partei rutschen nach einer historischen Niederlage bei den Regional- und Kommunalwahlen in eine schwere Krise.

Bei der Kommunalwahl in England verloren die Sozialdemokraten Hunderte Mandate in kommunalen Gremien, während die Rechtspopulisten von Reform UK mit mehr als tausend Mandaten als klarer Sieger hervorgingen.

In Wales – einer seit Jahrzehnten von Labour dominierten Region – landeten die Sozialdemokraten sogar nur auf Platz drei hinter der als linksnational geltenden Unabhängigkeitspartei Plaid Cymru und Reform UK. Auch in Schottland, wo die Unabhängigkeitspartei SNP vorn liegt, gibt es für die Sozialdemokraten keinen Grund zur Freude.

Den ersten grossen Härtetest nach dem überwältigenden Sieg bei der Parlamentswahl im Sommer 2024 hat die Labour-Regierung damit nicht bestanden – und auch das britische Zweiparteiensystem gerät ins Wanken.

Starmer lehnt Rücktritt ab

An einen Abgang denkt Regierungschef Starmer trotz desaströser Ergebnisse und Rücktrittsforderungen nicht. «Ich werde nicht davonlaufen und das Land ins Chaos stürzen», sagte der Labour-Politiker dem Nachrichtensender Sky News nach Auszählung erster Ergebnisse der Wahlen von Donnerstag.

«Die Ergebnisse sind wirklich hart, ich will das nicht beschönigen», sagte der Premier. Er übernehme dafür die Verantwortung. «Ich wurde für eine fünfjährige Amtszeit gewählt und habe vor, das durchzuziehen.» Er wolle seine Partei auch in die nächste Parlamentswahl führen. In den kommenden Tagen werde er Schritte aufzeigen, um den versprochenen Wandel herbeizuführen.

Schon seit Monaten hatte es heftige Spekulationen über eine mögliche Ablösung Starmers durch seine Partei im Fall eines schlechten Wahlergebnisses gegeben. Zum Vorteil gereicht Starmer womöglich, dass sich bisher kein geeigneter Kandidat für eine Nachfolge herauskristallisierte.

Britisches Zweiparteiensystem «tot und begraben»?

Reform-Chef Farage sprach indes von einem «historischen Wandel in der britischen Politik». Angesichts starker Zugewinne seiner Partei in früheren Labour-Hochburgen sei die traditionelle Unterscheidung zwischen rechts und links obsolet, sagte Farage vor Anhängern in London. Gleichzeitig habe man die Konservativen in der Grafschaft Essex weggefegt. Tatsächlich konnte Reform im dortigen Bezirksrat eine Mehrheit erringen.

Drastische Worte findet auch Grünen-Chef Zack Polanski: Das Zweiparteiensystem sei «tot und begraben». Bei der englischen Kommunalwahl kommen die Grünen auf mehrere hundert Mandate und feiern kleine Erfolge. Das Amt der Bezirksbürgermeisterin für den Londoner Bezirk Hackney, eigentlich eine Labour-Hochburg, konnte etwa die grüne Kandidatin Zoë Garbett ergattern.

Schon vor den Wahlen witterten Experten ein Ende der Zweiparteienpolitik, britische Medien kokettierten mit der «Ära der Fünfparteien-Politik». «Es wird auch der Moment sein, bei dem wir uns im Nachhinein an die Nacht erinnern werden, in der das Zweiparteiensystem zusammenbrach», prophezeite die Politikredakteurin Beth Rigby von Sky News am Abend des Superwahltags.

Nigel Farage als nächster Premierminister?

Die nächste Parlamentswahl in Grossbritannien findet regulär erst 2029 statt. Die Gewinne auf kommunaler und regionaler Ebene von Farages Partei sind aus Sicht des politischen Direktors des Meinungsforschungsinstituts Ipsos allerdings schon jetzt «äusserst bedeutsam». Reform UK sei erst seit kurzem eine nationale Partei, «daher suchen wir ständig nach Anzeichen dafür, dass sie als potenzielle Regierungspartei in Grossbritannien ernst zu nehmen ist», sagte Keiran Pedley der Nachrichtenagentur PA.

An den jetzigen Ergebnissen zeichne sich eine breite Unterstützung nicht nur in Gegenden mit vielen Brexit-Befürwortern ab, es gebe auch eine «landesweite Unterstützung». Diese «Aktivistenbasis» bilde «die Grundlage für den Wahlkampf» für die nächste Parlamentswahl, meint Pedley.

Politikwissenschaftlerin Sara Hobolt von der London School of Economics warnte zuletzt vor Journalisten, Reform UK könnte dank des britischen Mehrheitswahlrechts nach derzeitigen Umfragewerten bei der kommenden Parlamentswahl eine absolute Mehrheit der Mandate erringen. In einem Land, das keine geschriebene Verfassung kennt und in dem der Exekutive kaum Schranken auferlegt werden, könnte das einem Systemwechsel gleichkommen, so eine weit verbreitete Sorge.

Politikprofessor Anand Menon vom King's College in London ist da gelassener. «Von einem Premierminister Farage sind wir noch ein gutes Stück entfernt», sagte er zuletzt im dpa-Gespräch.

Experte: Auseinanderbrechen des Königreichs «in weiter Ferne»

Erstmals in der Geschichte haben nun in allen selbstverwalteten britischen Landesteilen (Schottland, Wales und Nordirland) Unabhängigkeitsparteien die Nase vorn – in Nordirland wurde allerdings diesmal nicht gewählt. Ein Auseinanderbrechen des Vereinigten Königreichs bedeutet das zwar noch lange nicht – die Kräfte, die darauf hinarbeiten, gehen jedoch gestärkt aus den Wahlen hervor.

Politikprofessor Jonathan Tonge von der Universität Liverpool ortet zwar einen deutlichen Wandel, sieht die Lage diesbezüglich aber eher gelassen, wie er der BBC sagte. «Die langfristige Zukunft des Vereinigten Königreichs mag in gewisser Weise gefährdet sein, aber das liegt noch in weiter Ferne.» (sda/dpa)

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet, um die Zahlung abzuschliessen.)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.
Das könnte dich auch noch interessieren:
Du hast uns was zu sagen?
Hast du einen relevanten Input oder hast du einen Fehler entdeckt? Du kannst uns dein Anliegen gerne via Formular übermitteln.
122 Kommentare
Dein Kommentar
YouTube Link
0 / 600
Hier gehts zu den Kommentarregeln.
Die beliebtesten Kommentare
avatar
mMn
08.05.2026 21:22registriert September 2020
Warum wählt man Leute, die dafür verantwortlich sind, dass der Pfund durch den Brexit 50% verloren hatte... oder anders gesagt... Leute die britische Familien um 50% ihres Urlaubsbudgets gebracht haben.

Wenn es für uns alle nicht soo schädlich wäre, wäre mir es egal was die Briten tun. Aber wir sehen doch was Rechtspopulisten in den USA anrichten... warum werden sie trotzdem gewählt?
10132
Melden
Zum Kommentar
avatar
Gurgelhals
08.05.2026 20:54registriert Mai 2015
Ist ja nicht nur für Labour, sondern auch für die Tories ein Desaster. Was wir im UK derzeit beobachten ist, was passiert, wenn in einem Zweiparteiensystem gleichzeitig *beide* grossen Parteien implodieren: Die Tories, weil sie nach 15 Jahren Chaos und Misswirtschaft komplett am Ende sind. Und Labour, weil sie anschliessend nichts besseres als aufgewärmten Blairismus zu offerieren hatten. Und wenn man dann neu plötzlich 5 Parteien mit mittelgrossem Stimmenanteil hat, dann produziert dieses (ziemlich blödsinnige) First Past the Post-Wahlsystem halt im Wesentlichen chaotische Zufallsresultate.
634
Melden
Zum Kommentar
avatar
Chris_A
08.05.2026 21:35registriert Mai 2021
Wie kann man, in der heutigen Zeit, wieder einem Rechtspopulisten auch nur eine Stimme geben. Die fahren alle ihre Länder an die Wand.
7748
Melden
Zum Kommentar
122
So will Youtube die Hollywood-Stars stärker vor Deepfakes schützen
Das mittlerweile weit verbreitete Phänomen der Deepfakes stellt Hollywood-Stars vor Probleme. Youtube will nun ein Erkennungs- und Meldesystem gegen den Betrug mit künstlicher Intelligenz einführen.
Youtube will den Kampf gegen Identitätsdiebstahl durch künstliche Intelligenz weiter vorantreiben. Im vergangenen Monat hat Googles Videoplattform ein Tool zum Persönlichkeitsschutz eingeführt, das Inhalte identifiziert, in denen Gesichter verändert oder mithilfe von KI-Technologien generiert wurden. Das Projekt richtete sich zunächst an Regierungsbeamte, Journalisten und andere politische Akteure.
Zur Story