Libanon
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epa08598942 A picture taken with a drone shows a close up of the damaged Beirut's port four days after explosions that rocked Beirut port, in Beirut, Lebanon, 08 August 2020 (issued 12 August 2020). Lebanese Health Ministry said at least 171 people were killed, and more than 6000 injured in the Beirut blast that devastated the port area on 04 August and believed to have been caused by an estimated 2,750 tons of ammonium nitrate stored in a warehouse.  EPA/STR

Zerstörte Lagerhallen am Hafen von Beirut. Bild: keystone

«Wir sind vor einem Krieg in den anderen geflüchtet – und das ist das Schlimmste»

Weedah Hamzah / dpa



Auf der Intensivstation eines Beiruter Krankenhauses bangt Ahmed Hadsch Istaifi um das Leben seiner Tochter. «Ich bete, dass sie es schafft», sagt der Syrer, der eigentlich im Libanon Schutz vor dem Bürgerkrieg in seiner Heimat suchte.

Nun verlor er bei der schweren Explosion im Hafen von Beirut vergangene Woche seine Frau und zwei seiner Töchter. Istaifis drittes Mädchen kämpft in der Klinik ums Überleben.

«Die Nachbarn haben meine dritte Tochter ins Krankenhaus gebracht», schildert er der Deutschen Presse Agentur dpa am Telefon die Schreckensmomente der Katastrophe.

Im Stadtteil Karantina, in der Nähe des Hafens und auch seines Hauses, arbeitete Istaifi auf dem Bau. «Plötzlich hörten wir die gewaltige Explosion», sagt er. Später fand er sein Haus in Trümmern vor. Die Familie in Stücke gerissen, wie Istaifi erzählt. «Ich habe die Gliedmassen meiner beiden Mädchen und meiner Frau mit meinen eigenen Händen eingesammelt.»

Videos zeigen die Katastrophe in Beirut:

Video: watson/nfr

Der trauernde Familienvater fühlt sich im Libanon nicht mehr sicher. «Wir sind vor einem Krieg in den anderen geflüchtet – und das ist das Schlimmste», sagt Istaifi, der aus der Provinz Idlib im Nordwesten Syriens stammt, einem von Al-Kaida-nahen Milizen beherrschten Rebellengebiet.

Seit 2011 flohen rund eine Million Menschen vor dem Bürgerkrieg in Syrien in den angrenzenden Libanon. Die meisten leben im Osten des Landes verteilt in nicht offiziellen Flüchtlingscamps.

Rund 30 Opfer aus Syrien

Einige arbeiten in der Hauptstadt Beirut als Türsteher oder Bauarbeiter. Oft kommen Flüchtlinge in kleinen Einzimmerwohnungen in Nähe des nun von der Explosion gezeichneten Hafengebiets unter. «Ausländische Arbeiter wie Syrer und Ägypter sind im Hafen und seiner Umgebung tätig», sagt ein Rettungshelfer der dpa. Etwa 30 der rund 160 Opfer der Explosion seien Syrer gewesen, schätzt der Mann, der anonym bleiben will. «Genaue Zahlen können wir noch nicht geben.»

People walk next debris from destroyed buildings near the site of last week's explosion that hit the seaport of Beirut, Lebanon, Wednesday, Aug. 12, 2020. (AP Photo/Hassan Ammar)

Zerstörte Gebäude im Hafen von Beirut. Bild: keystone

Auch das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen (UNHCR) hat zunächst unbestätigte Berichte von Opfern unter den Flüchtlingen erhalten. Einige der schwer von der Explosion getroffenen Gegenden wurden von Flüchtlingen bewohnt, wie UNHCR-Sprecher Charlie Yaxley in Genf sagt. «Wir arbeiten mit den Rettungsteams und anderen humanitären Organisationen zusammen, um bei der Identifizierung zu helfen und die trauernden Familien, zu unterstützen.»

Auch die 40-jährige Syrerin Instar al-Salih fühlt sich angesichts der Katastrophe von düsteren Erinnerungen an den Krieg eingeholt. Erneut fürchtete die vierfache Mutter um das Leben ihrer Kinder. «Als wir hergekommen sind, dachten wir, dass unsere Kinder hier sicher sind. Aber wir haben uns geirrt», sagt al-Salih. Ihre Familie war erst vor fünf Jahren aus Aleppo vor den unnachlässigen Bombardierungen der syrischen Regierungskräfte auf die damals von Rebellen beherrschte Heimatstadt geflohen.

Zum Glück hätten ihre Kinder die Explosion im Beiruter Hafen überlebt, sagt al-Salih erleichtert. Den Zeitpunkt der Detonation hat sie noch immer vor Augen: Die Kleinen waren vor dem Haus, um der Hitze der engen Wohnung zu entgehen.

«Plötzlich spürten wir, dass der gesamte Boden unter unseren Füssen bebte und zersplittertes Glas auf uns herabregnete», sagt al-Salih über die Explosion, die möglicherweise durch grosse Mengen unsicher gelagerten Ammoniumnitrats verursacht wurde. Mindestens 6000 Menschen wurden dabei verletzt.

Darunter auch al-Salihs vier Jahre alte Tochter. «Bayan hat eine Schnittwunde am Kopf», sagt die Mutter. Die Explosion, die Hunderttausende Menschen im Libanon obdachlos machte, reisst auch bei al-Salihs neun Jahre altem Sohn Mohammed alte Wunden auf. Bei dem Jungen kamen traumatische Erinnerungen vom Krieg in seiner Heimat wieder hoch. «Es erinnerte mich daran, als Flugzeuge in Syrien unsere Häuser im ländlichen Aleppo bombardierten und wir in Schutzräume fliehen mussten.» (sda/dpa)

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    Alle Leser-Kommentare
  • RandomNicknameGenerator 13.08.2020 14:16
    Highlight Highlight Die HEKS (mit der Glückskette zusammen) ist als eines der wenigen schweizer Hilfswerken selber vor Ort. Ich durfte kürzlich erst einem Vortrag über Shatila beiwohnen und ich war überrascht, wie überlegt die Hilfe angeboten wird (z.B. Wohnungsrenovationen mit Garantie der Vermieter dass die Mieten für 5 Jahre nicht erhöht werden dürfen oder "Job" zum Müll im Quartier einsammeln - ohne missionarische Bedinungen).
    Wer selber etwas übrig hat, kann hier sehr direkt helfen:
    https://www.heks.ch/nothilfe-naher-osten#block-beaker-content
  • bbelser 13.08.2020 13:41
    Highlight Highlight Diese bestürzenden Schicksale weisen darauf hin:
    Libanon, eines der grössten Flüchtingslager weltweit, braucht dringend politische und infrastrukturelle Aufbauhilfe und Unterstützung der westlichen Länder in Milliardenhöhe, um den sozialen Sprengstoff in diesem Land mit seinem unbändigen Lebenswillen entschärfen zu helfen.
    Nach der Explosion ist dort vor der Explosion.
    Wenn wir die politische und soziale Fragilität dieses Landes ignorieren, erreichen uns schon bald die Schockwellen der sozialen Explosion.

6 Satellitenbilder, die Beiruts Hafen vor und nach der Explosion zeigen

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