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Dies ist mein Himmel. Ich teile ihn mit 7,3 Milliarden anderen Menschen. Bild: Kafi Freitag

FRAGFRAUFREITAG

Liebe Kafi. Es sind Beschwerden auf hohem Niveau, von daher nicht dringend. Nichtsdestotrotz geht es mir deswegen ab und zu recht schlecht, da ich mir leider immer zu viel Gedanken mache, was andere von mir denken.  

Und irgendwie kann ich diese Sprüche nicht mit der nötigen Portion Selbstbewusstsein ignorieren. 

Hier also: Mein Mann und ich haben vor kurzem ein schönes Haus an schöner Lage gekauft mit eigens erwirtschaftetem Geld. Wir haben es schön eingerichtet und sind sehr glücklich mit unseren zwei kleinen Kindern. Einige Freunde und leider auch nahe Familienmitglieder haben sich in letzter Zeit teilweise sehr spitze und verletzende Bemerkungen erlaubt i. S. von so viel Geld ausgeben o. ä. – wobei wir uns aber nichts geleistet haben, was wir uns nicht leisten könnten. Ich bin dann jeweils in Verteidigungsposition und versuche zu erklären, aber ich habe gemerkt, den Leuten geht es gar nicht darum, die Hintergründe über etwas zu erfahren (warum wir z. B. ein Parkett verlegt haben). Es geht ihnen anscheinend einfach darum, etwas loszuwerden. Wie antworte ich am besten auf solche Angriffe? Im entscheidenden Augenblick bin ich oft sprachlos und ärgere mich dann nachträglich. Solche «Freunde» meide ich jetzt einfach ein bisschen, bei Familienmitgliedern geht das ja leider nicht. Was soll ich tun? Herzliche Grüsse. Manuela, 32 

Liebe Manuela 

Für jede Frage, die mir gestellt wird, habe ich mindestens drei Versionen von Antworten parat und es hängt jeweils von meiner persönlichen Stimmung ab, welche ich dann niederschreibe. Vielleicht hätte ich vor ein paar Wochen ein Pamphlet über Neid und Missgunst geschrieben und wie der ganzen Sache zu begegnen ist. Aber das mache ich heute nicht, weil es mir im Moment als zu einfach erscheint.

Dieser Tage scheint mir nämlich vieles zu einfach. «Je suis Charlie» und aus jedem noch so lächerlichen Hasenfuss, der sich sonst tunlichst davor hütet, jemals öffentlich etwas preiszugeben, das ihn angreifbar macht, wird ein mutiger Held, der für seine Überzeugung sein Leben riskiert. Ihre Frage erwischt mich in genau dieser Laune und darum werde ich Ihnen auch in dieser eine Antwort zu Ihrer Frage schreiben.

Sie stören sich daran, dass niemand so wirklich mit Ihnen mitgeht und sich für Ihren Hauskauf ohne Vorurteile und Wertungen interessiert. Und ich frage zurück:

Wann haben Sie sich zum letzten Mal ehrlich und aufrichtig für Ihre Freunde interessiert? Wissen Sie, was diese umtreibt und mit welchen Sorgen sie abends zu Bett gehen? Wie viel Platz bleibt bei einem Grossprojekt wie dem Kauf eines Hauses für die Themen der Anderen? Verliert man sich eventuell in der Auswahl des Parketts und hat dann den Anspruch, dass es jemanden anderen genauso interessiert? Wann haben Sie das letzte Mal für einen aussenstehenden Menschen Ihre Komfortzone verlassen? Und können Sie sich vorstellen, dass es in Ihrem Umfeld Menschen gibt, welche wirtschaftliche Sorgen haben und darum nicht adäquat mit Ihrem Glück umgehen können?

Das sind alles nur Fragen und vielleicht liege ich vollkommen falsch. Aber ich habe für mich entschieden, vermehrt bei mir selber hinzuschauen, wenn ich Probleme mit anderen habe. Ich habe mich dafür entschieden, meinen wichtigen Freunden mehr Zeit zu widmen und mich mit Ihren Problemen und Ängsten noch mehr auseinanderzusetzen.

Das ist meine persönliche Antwort auf all das Böse, das im Moment vor unserer Haustür geschieht. Es passiert im Grossen wie in Paris und es geschieht im Kleinen, wenn ich auf Facebook gemein angefickt werde, oder selber gemein anficke. Ich will noch mehr Menschlichkeit wagen, als ich es bis anhin schon getan habe. Ich will den Menschen mit noch mehr Verständnis und Liebe begegnen, als ich es heute bereits tue. Und dazu gehört auch, dass ich mich und mein Verhalten anderen gegenüber immer wieder hinterfrage.

Ich bin verantwortlich für meine Gedanken, weil ich weiss, dass aus ihnen Worte und später Taten werden. Ich bin verantwortlich dafür, ob ich in meinem persönlichen Leben Frieden oder Krieg habe. Ich kann den Menschen mit Liebe und Interesse begegnen oder diese von anderen einfordern, weil ich das Gefühl habe, Anspruch darauf zu haben. Ich entscheide darüber, was ich säe und später ernten werde.

Fragen Sie sich einmal ehrlich, was Ihr Beitrag zur Menschlichkeit in den letzten Monaten war. Waren Sie Ihren Mitmenschen eine gute Freundin und Zuhörerin oder hat sich alles nur um Sie und Ihr persönliches Glück gedreht? Haben Sie offenen Herzens geteilt oder sich hauptsächlich für das eigene Wohlbehagen engagiert? Auch Zweiteres wäre vollkommen verständlich und menschlich. Aber vielleicht ein Ansporn, das neue Jahr unter einen anderen Stern zu stellen.

Einige LeserInnen werden mich heute etwas gar abgehoben empfinden. Und genau das will ich. Ich will abheben von meinen täglichen Alltagssorgen und mich mal aus sicherer Distanz beobachten. Ich will mich mit neutralen Augen sehen und schauen, wie ich diese meine Welt zu einer besseren machen kann. Ich will heute noch ein besserer Mensch werden. Weil es das Einzige ist, was ich heute und für mich selber tun kann. Ich habe keinen Zugriff auf globale Probleme. Aber ich habe Zugriff auf meine Gedanken und mein Handeln. Und ich will dafür die Verantwortung übernehmen. Weil es meine kleine Welt ein kleines bisschen lebenswerter macht.

Mit herzlichem Gruss. Ihre Kafi.  

Fragen an Frau Freitag? ​ 

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Kafi Freitag (39) beantwortet auf ihrem Blog www.FragFrauFreitag.ch Alltagsfragen ihrer Leserschaft. Daneben ist sie Mitbegründerin einer neuen Plattform für Frauen: Tribute.ch.

Im analogen Leben führt sie eine Praxis für prozessorientiertes Coaching (www.FreitagCoaching.ch) und fotografiert leidenschaftlich gern. Sie ist verheiratet und Mutter eines zehnjährigen Sohnes.

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Sälber tschuld! 

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Bild: Kafi Freitag



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11Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Skydiver 16.01.2015 19:53
    Highlight Highlight Hervorragendes Statement von Kafi! – Wenn's den Kern von Manuelas Befindlichkeit nicht trifft, dann trifft's eben den Kern menschlichen Zusammenseins und Umgehens miteinander.

    @Manuela: Geniess Dein schönes Haus. Freu' Dich gemeinsam mit Freunden, die sich zusammen mit Dir freuen können und wollen. Und sei nachsichtig mit den schmähenden Lästerbacken – die sind nicht wirklich böse, die können nicht anders. Mit Grosszügigkeit und einem Lächeln bringst Du die nicht zum Schweigen, machst aber ihr Leben mit sich selbst erträglicher.
    2 0 Melden
  • swissda 14.01.2015 09:10
    Highlight Highlight Im Gegensatz zu vielen anderen Ländern ist in der Schweiz der Neid gegenüber Freunden, Bekannten und Verwandten meist grösser als die Freude oder Hochachtung - dies wird teilweise wohl auch bei dir der Fall sein. Trotzdem finde ich die Antwort sehr gut und sorgt für einen Perspektivenwechsel.
    5 0 Melden
  • blueberry muffin 13.01.2015 10:01
    Highlight Highlight Gratulation, tolle Antwort.
    3 0 Melden
  • holykaz 13.01.2015 09:41
    Highlight Highlight Liebe Manuela

    Kennen Sie Neid?
    in vielen Fällen spielt Neid eine grosse Rolle. Wenn eine Freundin oder jemand Verwandtes ein schönes neues Haus kauft, sollte man sich doch für sie freuen, nicht? Freuen kann man sich aber nur für jemand anderes, wenn man keinen Neid verspürt. Ich habe mir letztens ein neues Auto gekauft, einen schicken Neuwagen. Da gab es auch welche, die dann irgendwelche Sprüche geklopft haben. Aber was solls? Ich habe ein reines Gewissen, konnte es mir leisten. Da lasse ich mir meine Freude nicht von anderen verderben.
    4 1 Melden
  • tihozh 12.01.2015 17:02
    Highlight Highlight oder wie MJ schon den man in the mirror besungen hatt
    1 0 Melden
  • tihozh 12.01.2015 16:46
    Highlight Highlight be a voice, not an echo. love
    2 0 Melden
  • Bruno Wüthrich 12.01.2015 14:44
    Highlight Highlight Geht es hier um die aufwühlenden Ereignisse in Frankreich? Oder um die daraus resultierende persönliche Befindlichkeit von Frau Freitag? Oder gar um vermutete und herbeigeschriebene Versäumnisse der Fragestellerin? Deren Frage zielt auf etwas ganz anderes: Nämlich darauf, wie sie mit dem Neid derer umgehen soll, denen sie nicht ausweichen kann. Eine konkrete Antwort geben zu wollen ist heikel. Was tun mit der Respektlosigkeit einer spitzen Bemerkung (z.B. Parkett) ohne Interesse am «Warum»? (Was soll sowas überhaupt?) Eine der möglichen Antworten: Sprachlosigkeit ist oft gar nicht so schlecht.
    13 3 Melden
    • Manuela123 12.01.2015 20:11
      Highlight Highlight Herr Wüthrich, merci. Es ging mir wirklich nicht darum, wie Kafi schreibt, dass es mich stört, dass sich niemand für mich aufrichtig interessiert. Sondern im Gegenteil, es stört mich eher, dass sich gewisse Personen zu sehr interessieren für Dinge und ungefragt verletzende Kommentare abgeben.

      Danke trotzdem liebe Kafi für deine Antwort. Ich denke, sie trifft einfach bei mir im vorliegenden Fall nicht ganz zu. Ich bin eher der Mensch, der sich zu viel Gedanken macht um das Gegenüber, als zu wenig. Aber ich verstehe, was du meinst und sagen möchtest. On est Charlie.
      6 2 Melden
    • kafi 12.01.2015 20:39
      Highlight Highlight Liebe Manuela.
      Immer gerne. Danke für Ihr nettes Feedback.

      Mit besten Grüssen. Ihre Kafi.
      2 0 Melden
  • zappeli 12.01.2015 14:41
    Highlight Highlight Ich bin ganz und gar nicht immer der gleichen Meinung wie Kafi. Aber dieser Beitrag ist der beste seit sehr langer Zeit. Jeder sollte bei sich anfangen und sich seiner Gedanken bewusst werden. Das ist schwierig, weil wir auf einer ganz anderen Schiene festgefahren sind. Aber es lohnt sich, es sich selbst beizubringen. Denn unsere Gedanken bestimmen, zusammen mit den Gefühlen, unser Leben.
    Danke für diesen Beitrag!
    9 0 Melden
    • kafi 12.01.2015 15:11
      Highlight Highlight Lieber Zappeli. Danke, das freut mich! Lieben Gruss, Kafi.
      1 0 Melden

Kafi, wie gehe ich mit Sexismus um?

Liebe Frau Freitag. Im Februar war ich an einem Fest und wurde dort von einem fremden Mann auf mein Äusseres bezogen beleidigt. Die ganze Situation lässt mich bis heute nicht los. Mir geht es dabei nicht darum, dass mich jemand nicht schön findet, sondern um die Tatsache wieso verletzende Worte so oft und so schnell ausgesprochen werden (meist genau von Unbekannten). Wie reagiere ich in solchen Situationen richtig? Und wie gehe ich mit Freunden um, die ebenfalls Beleidigungen an Andere richten? Mia, 24

Liebe MiaWas Sie erfahren haben, erleben sehr viele Frauen. Ich selber kann mich an x solche Situationen in meinem Leben erinnern. Wenn einem das passiert, fühlt man sich wahnsinnig reduziert und erniedrigt. Ich kann Ihnen sehr gut nachfühlen, dass diese Beleidigung nicht zum einen Ohr rein und zum anderen wieder raus ist. Wie Sie ganz richtig sagen, geht es nicht darum, dass Sie jemandem nicht gefallen. Es geht um die Reduktion. Und darum, dass man bewertet wird, als müsste man gefallen.

Leider …

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