Der Knoten in meiner Brust :-( !!!!
Ich bin ein Hypochonder. Und zwar in dem Ausmass, dass ich beim kleinsten Kopfweh an das Allerschlimmste denke.
Wobei nein, so schlimm ist es nicht mehr. Ich muss das schreiben, weil mein Therapeut mitliest.
Sie haben einen sehr guten Job gemacht, Herr N. aus L.
Aber wir wissen beide, dass wir das Hypochondertum nicht aus meinem System bringen. Wir wissen beide, dass es nur die Option gibt, einen Weg zu finden, um damit zu leben.
Ich habe meinen gefunden. Die Hypochondrie und ich leben in oft zumutbarer Koexistenz.
Manchmal aber übernimmt das Nervensystem und der Horrorfilm vor meinem inneren Auge läuft ab.
So wie neulich, als ich beim Brüsteabtasten an meiner rechten Brust einen Knoten finde, der da ganz sicher nicht hingehört.
Ich taste. Und taste. Er ist beweglich. Etwa erbsengross. Tut nicht weh. Von aussen sieht man nichts.
Ich taste nochmal.
Und während ich taste, schaltet das Nervensystem in den Alarmmodus.
Herzrasen.
Eiskalte Hände.
Brustkorb zu.
Flache Atmung.
Panik.
Zückt euer Handy, Freundinnen, Leserinnen, Kritikerinnen, halt einfach alle Frauen!
Mein erster Impuls: «Harmloser Knoten in der Brust» googeln. Oder claude.ai fragen.
Sicher nicht meine Frauenärztin anrufen.
Sie könnte mir beim ersten Fühlen meinen baldigen Tod prophezeien.
Scheisse. Ich bin zu jung zum Sterben. Hab doch noch so viel vor.
Ich will Bungee jumpen.
Fallschirmspringen.
Verreisen.
Baby-Koalas mit Flasche aufziehen.
Und dann ist da auch ganz vieles, das ich nicht mehr will.
Keine Flaschen daten.
Keine Red Flags übersehen/vögeln.
Oder nur vögeln. Und dann gehen. Weil das Leben, voilà, zackbumm vorbei sein kann.
Und dann ist's ja auch schade, wenn man etwas verpasst hat.
Ich rufe Cleo und Sophie an.
Obwohl ich am liebsten Mami anrufen will.
Aber die hätte noch grössere Panik. Der Apfel fällt nicht weit, ihr wisst schon.
Okay. Atemübungen machen. Und Progressive Muskelentspannung (PMR) nach Edmund Jacobson.
Sie haben wirklich einen guten Job gemacht, Herr Therapeut.
Mal schauen, ob der Knoten in den letzten drei Minuten verschwunden ist. Oder ich mich quasi verfühlt habe, es nur eine Drüse war. Oder easy Gewebe. Was weiss ich.
Knoten ist leider noch da.
OK. Gyni anrufen. Termin vereinbaren.
Es klingelt. Frau Irgendwas geht ran.
Grüezi, da isch..., sage ich. Dann brechen die Dämme.
Ich heule und heule und heule und kann nicht aufhören.
Frau Irgendwas, deren Namen ich in meinem Elend nicht verstanden habe, fragt gar nicht lange weiter. Sie sagt, ich dürfe jetzt grad vorbeikommen.
Jetzt heule ich noch mehr. Was für eine Weltmeisterin.
47 Minuten später stehe ich in der Praxis. Cleo ist mitgekommen. Während die Panik mit mir durchgeht, übernimmt sie.
Mein Frauenarzt holt mich ins Behandlungszimmer.
«Ganz oft sind Knoten völlig harmlos. Wir schauen uns das mal an, Frau Amour. Ich taste ab und dann machen wir einen Ultraschall und schauen weiter.»
Ich höre nur «harmlos».
Hallo, Leben. Ich bin eins vor zurück.
Und dann machen wir Schluss mit Lukas und mit Sandro und mit allem anderen, das mehr Ballast als gesund ist.
Ich werde auch kein Fast Food mehr essen. Oder sicher einfach weniger.
Ich werde von mir aus Chia-Pudding essen und frisch gepresste Frucht- und Selleriesäfte.
Und mehr Sport machen.
Oder einfach mal Sport machen.
Meine Mutter öfters anrufen.
Mehr Geld spenden.
Weniger trinken.
Also, Leben, bist du dabei? Du machst keinen Krebs, ich räume auf?
Herr H. tastet ab. «Ah, ja, genau hier. Sehr beweglich. Ein gutes Zeichen.»
Dann machen wir einen Ultraschall.
Mich überkommt noch einmal die blanke Panik.
«Alles gut, Frau Amour», sagt der Arzt. Dann erklärt er, was es ist und was wir machen. Das höre ich aber alles nicht mehr.
Cleo übernimmt auch da.
Ich weine und weine und weine. Die ganze Anspannung fällt von mir ab.
Und so endet diese Story mit einem Happy End.
Zumindest körperlich.
Darüber bin ich wahnsinnig dankbar. Und denke an alle anderen Frauen, bei denen der Knoten nicht nichts Schlimmes ist.
In Sachen Umgang mit Hypochondrie müssen wir eventuell noch einmal über die Bücher, lieber Herr Therapeut.
Und wir, liebe Frauen, sollten uns kollektiv einen Reminder zum Brüste-Abtasten setzen. Machen wir doch das jetzt gerade.
So. Das war's, Leute. Ich bin fix und fertig.
Mit wem und wie ich mein gefühlt zweites Leben feiern will? Ich erzähl's euch das nächste Mal.
*Joke, Leute!
