Diese Frauen haben das Jahr bislang enorm verschönert
Nun ist es also Juli und die eine Hälfte des Jahres ist damit definitiv rum. Was für ein Fiebertraum! Und das nicht nur, weil es gefühlt zwei Wochen lang 41 Grad heiss war und alle noch verrückter waren als sonst schon. Auch: Trumps Pool! Gwyneth Paltrows Hochhaus-Werbung! KI-Roboter, die den Moonwalk versuchen und über Treppen stolpern und während ihrer Vorführungen aus Versehen Kinder umkicken. Es ist so viel los, dass wir den Hantavirus und die mögliche Affäre des französischen Präsidenten schon fast wieder vergessen haben.
Mit den guten Dingen ist es nicht anders: Man vergisst sie viel zu schnell.
Drum hier und heute ein kleiner Halbjahres-Rückblick aus Nachtschicht-Sicht. Wer begleitete mich zusammen mit dem grünlichen Schein meines Smartphones durch die Schlaflosigkeit und erhellte mein Gemüt?
Die Blade Angels und das heisse Eis
Der Anfang des Jahres stand im Zeichen von Eis (leider auch ICE, aber wir fokussieren hier ja nun auf das Gute und drum meine ich hier nur das gute, gefrorene Wasser). Da wäre zum Beispiel die bronzeverzierte Schweizer Frauenhockeymannschaft an den Olympischen Spielen, aber auch «Heated Rivalry». Die Liebesgeschichte zweier Männer, die Eishockey spielen, aber sehr oft auch andere Dinge tun, bei denen viele Menschen fast noch lieber mitfieberten, zog Millionen von Zuschauenden in ihren Bann. Und «Heated Rivalry» darf deshalb ungeniert in dieser frauenlastigen Liste der Gutheiten stehen, weil sich diese zwei Männerfiguren eine Frau namens Rachel Reid für uns ausgedacht hat.
Ebenfalls vom Eis aus verzauberten die Blade Angels – Isabeau Levito, Amber Glenn und Alysa Liu – die mit ihrem Talent und ihrer Sichtbarkeit dafür sorgten, dass Eiskunstlauf auf einen Schlag irgendwie plötzlich weniger steif und eingerostet daherkam, sondern nahbar, fröhlich und offen. Und bitte, diese Kür von Alysa Liu und dieses eine Foto von oben, als sie sich wie ein Schraubenstern in unsere Herzen bohrte? «If there was no one on Earth, I would still skate», hät sie gseit. Hach.
Und nur weil es jetzt Sommer ist, heisst das doch nicht, dass wir nicht nochmals nostalgisch, genüsslich und in Slow Motion über diese Erinnerung schliferen dürften?
Elize Fleury und ihr Imitationstalent
Und nun von Eis zu heiss und damit zu einem meiner Lieblingshypes bislang: Bad Bunny und seine Tour. Was für ein Freude versprühendes Spektakel! Und ja, natürlich, es ist Musik und diese wiederum Geschmackssache, man kann das alles lieben oder nicht, aber hier geht es eben nun viel mehr um eine Person, die mir dank Bad Bunny in den Feed purzelte und mir die fast noch bessere Laune bescherte als Bad Bunny selbst.
Die brasilianische Sängerin und Instrumentalistin Elize Fleury wurde bekannt durch Videos, in denen sie Gesangs- und Stimmtechniken bekannter Künstlerinnen wie Lady Gaga, Ariana Grande oder Dua Lipa messerscharf analysiert und sie dann einfach so gut imitiert, dass du garantiert nicht mehr schlafen kannst, weil du all diese Tricks und Geräusche auch ausprobieren möchtest. In ihren Videos spricht sie wahnsinnig schnell und portugiesisch; die Chance, dass du etwas verstehst, ist also gering, aber es macht nichts, denn irgendwie folgt man ihr trotzdem. Probier es bitte aus:
Nach dem Genuss des Videos wirst du nicht mehr damit aufhören können, unkontrolliert und auch an öffentlichen Plätzen laut und in unverkennbarer Bad-Bunny-Manier «OY, OY!» zu rufen (und es tut recht gut).
Olivia Rodrigo und ihr Daisy Chain Fields Festival
So ungefähr stelle ich mir vor, wäre die Welt organisiert, wenn vor allem Frauen das Sagen hätten: Die 23-jährige Popsängerin Olivia Rodrigo nutzte Wege und Mittel, um Ende August ihr eigenes Musikfestival im kalifornischen Irvine zu lancieren und damit ein wichtiges Zeichen zu setzen. Auf der Bühne stehen ausschliesslich Frauen, darunter Doechii, Chappell Roan und Mitski (los mal «The Only Heartbreaker», es ist toll), aber auch Stevie Nicks und die Punkband Bikini Kill, die dazu beitragen, dass Musikerinnen aus verschiedenen Generationen da sein werden. All dies zeigt nicht nur, welchen Einfluss Frauen auf die internationale Popmusik haben, sondern auch einfach, wie verdammt gut eine gute Idee sein kann (ja, ich schreibe das schreiend!). Alle Künstlerinnen treten nämlich ohne Gewinnbeteiligung auf, und die Erlöse des Festivals sollen an Organisationen gespendet werden, die Frauen und Mädchen unterstützen.
Alwa Alibi und ihr Ohrwurm-Feature
Alwa Alibi ist eine Musikerin und Texterin aus Bern, und ohne sie zu kennen, glaube ich, sie wäre froh, es würden nicht alle nur den Song «Züri» hören, den ich hier und jetzt aber trotzdem nur eiiinmal kurz explizit erwähnen und in diese Liste integrieren möchte, weil der Refrain ebendieses Lieds mir ungelogen 27 Tage am Stück im Kopf war (in sehr gut).
Samantha Eiding
Viele Nächte lang kicherte ich mich durch die Reels von @sammagehtsnochjunge, dem Account von Samantha Eiding, auf dem die charismatische Soziologin sich regelmässig in eine Person verwandelt, die gleichermassen unerträglich wie vereinnahmend ist. Die Videos beginnen immer mit dem Satz «An alle Frauen …» und spielen mit der Umkehr von Geschlechterrollen, was sich so erzählt nun sehr viel weniger lustig liest, als es das tatsächlich ist (ausserdem ohrwurmt ihre Stimme ähnlich wie «Züri», einfach nicht, dass nachher jemand behauptet, ich hätte nicht vorgewarnt).
Nachdem ich alle Reels auswendig mitsprechen konnte, hörte ich eine Folge ihres Podcasts «Samma geht's noch Junge!?» und möchte an dieser Stelle ungefragt Folge 66 empfehlen: «Dicke Kinder und heisse Tage». Hier hört man Samantha Eiding in all ihren Facetten, von klug und witzig bis zu so authentisch, dass man ab und an versteinert vor dem Glättbrett stehenbleibt und ins Leere starrt vor Rührung.
Dua Lipa-Gerster und ihre Liebe (für Bücher)
Man muss an einem Ort ohne WLAN gelebt haben, wenn man verpasst hat, dass Dua Lipa geheiratet hat: einmal klassisch und aufgeräumt und einmal italienisch und superstarig.
Dinge, die der Legende nach zu dieser Eheschliessung führten, sind folgende:
- Als die beiden sich kennenlernten, lasen sie das gleiche Buch
- Er sagte zu ihr: «Seems like we're on the same page.»
- Diese Pick-Up-Line funktionierte so gut, dass das Paar so ziemlich im Anschluss daran an gefühlt 19 Stränden zusammen urlaubte und dort entweder in beneidenswerten Posen in Büchern blätterte, küsste oder auf Stand-up-Paddle-Boats Kunststücke turnte, die ihre Abs so lange im gleissenden Licht der Sonne schimmern liessen, bis sie sich entschieden, zu heiraten
- Dann zwei Hochzeiten, jetzt: Flitterwochen
Nur wer der Mann an ihrer Seite ist, weiss man noch nicht so genau. Vielleicht hat ihn auch Rachel Reid erfunden? Egal. Er hat vom Internet jedenfalls den tollsten Übernamen bekommen:
Dua Lipa gebührt aus verschiedenen Gründen Dank, denn mit dieser Liebesgeschichte promotet sie ganz unauffällig das Lesen, das ihr tatsächlich sehr am Herzen liegt: Sie ist die Gründerin des Service95-Buchclubs, der gerade eben in Zusammenarbeit mit einem portugiesischen Buchladen die Manifesto Library im portugiesischen Porto eröffnete.
Und wenn wir schon dabei sind, drapieren wir noch kirschenartig einen Mini-Merci on top, und zwar dafür, dass seit Trudi Gerster schon lange niemand mehr ein Märchen so gut erzählte wie jetzt Dua Lipa und wir es noch und nochmals hören möchten.
PS: Falls nach dieser Lektüre jemand das Bedürfnis verspürt, rumzuheulen, weil ihn weder die Frisur von Alysa Liu noch das zweite Hochzeitskleid von Dua Lipa zu erquicken vermochte: bissogut geh und find dein eigenes Glück. Die Idee des Lebens ist nicht, in anderer Leute Gärtchen zu spucken, sondern sich entweder an den Blumen zu erfreuen, die da sind, weiterzugehen oder sich einfach in den eigenen Garten zu setzen.
PPS: Es gibt immer Hoffnung und den Rest dieses Jahres schaffen wir auch noch.
♥️
