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Per Autostopp um die Welt

Die USA, das Land der vereinigten Verschwörungstheoretiker

Thomas Schlittler
Thomas Schlittler



Ed ist ein Glücksfall: Er nimmt meine Freundin Lea, unsere Kollegin Patrizia und mich nicht einfach nur mit, er spielt auf dem Highway One, der sich der kalifornischen Pazifikküste entlangschlängelt, auch noch Fremdenführer für uns.

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Ed:« Die globale Erwärmung wird nicht von den Menschen verursacht, sondern von der Polwanderung. Die US-Regierung verschweigt das bewusst.» bild: thomas schlittler

Der 60-Jährige erzählt von seiner Familie, die schon seit vielen Jahrzehnten in Kalifornien lebe und hier grosse Landflächen besitze. Einer seiner Vorfahren, Edwin Stanton, sei im Amerikanischen Bürgerkrieg gar Abraham Lincolns Kriegsminister gewesen. Wir sind erstaunt, sehen aber keinen Grund, an Eds Aussagen zu zweifeln. Auch als er uns von seiner Arbeit als Geologe erzählt, hören wir lange Zeit aufmerksam und interessiert zu.

Von Los Gatos nach Los Angeles

Erst beim gemeinsamen Abendessen beginnen wir, Eds Glaubwürdigkeit in Frage zu stellen. Der Grund ist ein Brief, den er der US-Regierung geschrieben hat. In dem Schreiben, das uns Ed zeigt, weist er darauf hin, dass er mit seinen Messungen eine Verschiebung der Erdplatten sowie eine Wanderung der Pole festgestellt habe.

Seine Schlussfolgerung: Der Klimawandel beziehungsweise die globale Erwärmung wird nicht von den Menschen verursacht, sondern von dieser Polwanderung. „Die US-Regierung verschweigt das bewusst, weil sie nicht will, dass das Volk in Panik gerät. Denn die Verschiebung der Pole lässt sich nicht aufhalten. Deshalb sagt man den Menschen, dass die globale Erwärmung von uns verursacht wird – und dass wir etwas dagegen tun können. Doch das ist Quatsch.“

Route: Von Los Gatos nach Los Angeles

Ich habe noch nie von der Polwanderung gehört. Eine kurze Google-Recherche zeigt aber, dass auch seriöse Institutionen und Untersuchungen bestätigen, dass sich die Pole verschieben und die Kontinente eines Tages in anderen Klimazonen liegen könnten. Dass die globale Erwärmung in erster Linie vom Mensch verursacht ist, wird dadurch aber nicht in Frage gestellt. Die Tatsache, dass bereits zahlreiche Zeitungen und Wissenschaftsmagazine über die Polwanderung berichtet haben, beweist zudem, dass diese Informationen alles andere als geheim sind – und dass Ed ein typischer Verschwörungstheoretiker ist.

A_Joe schwärmt für Donald Trump. Mehr über ihn erfährt ihr hier (Link zur Kolumne der Woche 66)

John sagt, dass alle früheren Mitarbeiter von Hillary Clinton, die sich negativ über sie geäussert haben, kurze Zeit später auf mysteriöse Weise umgekommen seien. Bild: Thomas Schlittler

Damit ist der Geologe in bester Gesellschaft. Ich bin in den zwei Monaten in den USA so vielen Verschwörungstheoretikern begegnet wie nirgends sonst: In einer Bar treffe ich auf zwei Typen, die davon überzeugt sind, die westlichen Industrieländer würden gezielt islamisiert. Für meinen Fahrer Joe steht fest, dass Obama Muslim ist und nicht in den USA geboren wurde. John erzählt mir, dass alle früheren Mitarbeiter von Hillary Clinton, die sich negativ über sie geäussert haben, kurze Zeit später auf mysteriöse Weise umgekommen seien. Und Lehrer Kim, der uns nach Santa Barbara fährt, hat keinen Zweifel daran, dass hinter der Ermordung von John F. Kennedy CIA, FBI und Secret Service steckten.

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Kim hat keinen Zweifel daran, dass hinter der Ermordung von John F. Kennedy CIA, FBI und Secret Service steckten. bild: thomas schlittler

Ich halte nicht alle diese Verschwörungstheorien für völlig absurd. Die offizielle Version zum Kennedy-Attentat lässt durchaus Fragen offen. Bei allen Verschwörungstheorien gibt es aber noch viel mehr offene Fragen. Und genau das ist der spannende Punkt: Verschwörungstheoretiker verstehen es perfekt, die offizielle Geschichtsschreibung in Frage zu stellen. Die alternative Version übernehmen sie aber völlig unkritisch.

Doch wieso gibt es ausgerechnet in den USA so viele Verschwöerungstheoretiker? Ist es, weil so viele Amerikaner ihre Regierung als Feind betrachten? Liegt es daran, dass hier mehr Menschen etwas Besonderes sein wollen und ihnen Verschwörungstheorien genau dieses Gefühl geben? Schliesslich sind sie so die einzigen, welche die „Wahrheit“ kennen, während alle anderen blind und unwissend durchs Leben gehen.

C_John ärgert sich über die Kandidaten der beiden grossen Parteien. «In den USA leben mehr als 320 Millionen Menschen – und wir finden nichts Besseres als Hillary und Trump?»

 John sagt, dass alle früheren Mitarbeiter von Hillary Clinton, die sich negativ über sie geäussert haben, kurze Zeit später auf mysteriöse Weise umgekommen seien. Bild: Thomas Schlittler

Ich kenne die Antwort nicht. Ich weiss nur, dass ich meist keine grosse Lust habe, mit Verschwörungstheoretikern über ihre Ansichten zu diskutieren. Es führt zu nichts. Als uns Ed auf dem Weg zum Motel aber auch noch weismachen will, dass Hitler in Wirklichkeit gar nie Selbstmord begangen habe und immer noch lebe, kann ich mir einen Kommentar nicht verkneifen. Lachend sage ich ihm: „Hitler führt also irgendwo ein gemütliches Leben – als 127-Jähriger. Wow, das ist beeindruckend!“

Ed findet es nicht lustig. Und auch wir sind etwas traurig: Denn nach dem gemeinsamen Abendessen zweifeln wir an allem, was uns Ed am heutigen Tag erzählt hat. Selbst an seine spannende Familiengeschichte und den Vorfahren in Lincolns Diensten mögen wir nicht mehr so richtig glauben.

Die Woche zuvor: von San Francisco (USA) nach Los Gatos (USA)

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