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Per Autostopp um die Welt

Das Autostopp-Experiment: Komme ich in Laos auf einer Strasse, die keine ist, überhaupt weiter?

Thomas Schlittler
Thomas Schlittler



Eine alte Autostopp-Weisheit besagt:

«Hat's zu viel Gummi auf dem Teer, fällt das Autostöppeln schwer. Ist die Strasse eher leer, nützt der Daumen sehr viel mehr.»

Okay, ich gebe es zu, ich habe dieses Sprichwort selber erfunden. Aber es ist wirklich so: Nirgends ist das Trampen mühsamer als auf vielbefahrenen Strassen.

Auf ruhigen Landstrassen ist die Erfolgsquote deutlich höher. Dort scheinen sich viele Fahrer für mein Schicksal verantwortlich zu fühlen. So nach dem Motto: Wenn ich ihm nicht helfe, wer dann?

Auf diese Theorie vertrauend, habe ich diese Woche in Laos mein Glück herausgefordert. Die Ausgangslage war einfach zu verlockend: Da ist diese 7,5 Kilometer lange Höhle, die nur auf einem kleinen Boot durchquert werden kann, und auf der anderen Seite wartet diese Strasse, die weder im Reiseführer noch auf Google Maps eingezeichnet ist.

Keine Strasse weit und breit

Per Autostopp um die Welt – Woche 51: Von Konglor (Laos) nach Hanoi (Vietnam)

Von der Kong-Lor-Höhle nach Thalang: Im Lonely Planet ist die Strecke nicht erwähnt, auf Google Maps keine Strasse zu finden.

Unbekanntes Land – was gibt es Spannenderes?

Einzig auf der genialen Offline-Karten-App Maps.me ist der Weg, der beim Höhleneingang endet, ersichtlich.

Per Autostopp um die Welt – Woche 51: Von Konglor (Laos) nach Hanoi (Vietnam)

Nur auf der Offline-Map-Karte von Maps.me ist auch auf der anderen Seite der Höhle eine Strasse eingezeichnet.

Zwar sagt Maps.me, dass die 57 Kilometer lange Strecke bis zur nächsten grösseren Strasse nur zu Fuss zurückgelegt werden kann, aber daran glaube ich nicht so recht. Zumindest Motorräder finden doch immer einen Weg, denke ich mir.

Per Autostopp um die Welt – Woche 51: Von Konglor (Laos) nach Hanoi (Vietnam)

Allerdings ist die Strecke bis zur nächsten grösseren Strasse gemäss Maps.me nur zu Fuss zu meistern.

Per Autostopp um die Welt – Woche 51: Von Konglor (Laos) nach Hanoi (Vietnam)

Für Autos ist die Strecke gemäss Maps.me nicht gemacht. Bild: Thomas Schlittler

Nach fast 500 Fahrern ist mein Autostopp-Selbstvertrauen beinahe grenzenlos – oder habe ich bereits die Grenze zur Überheblichkeit überschritten?

Die Fahrt durch die stockfinstere Höhle beginnt unerwartet turbulent. Der Blitz meiner Kamera bringt den Fahrer derart aus dem Konzept, dass er das kleine Holzboot frontal gegen die Höhlenwand steuert. Der Aufprall ist heftig, doch das Boot – und wir – kommen unbeschadet davon.

Achtung, in diesem Video ist es sehr dunkel!

abspielen

Video: watson/thomas schlittler

Der Fahrer bittet mich daraufhin, das Blitzen zu unterlassen. Anschliessend kurvt er gekonnt durch die Dunkelheit, als Orientierungshilfe dient ihm einzig eine Stirnlampe.

Höhleneingang ...

Per Autostopp um die Welt – Woche 51: Von Konglor (Laos) nach Hanoi (Vietnam)

Hier kommt noch etwas Tageslicht in die Höhle, dann folgen 7,5 Kilometer Dunkelheit. Bild: Thomas Schlittler

... Höhle ...

Per Autostopp um die Welt – Woche 51: Von Konglor (Laos) nach Hanoi (Vietnam)

Ein Selfie zu machen entpuppt sich als schlechte Idee. Der Blitz bringt meinen Fahrer aus der Fassung – er steuert unser Boot frontal gegen die Höhlenwand.
Bild: Thomas Schlittler

... Höhlenausgang

Per Autostopp um die Welt – Woche 51: Von Konglor (Laos) nach Hanoi (Vietnam)

Schliesslich kommen wir heil auf der anderen Seite raus. Bild: Thomas Schlittler

Beim Höhlenausgang stehen drei Essensstände, ich bin der einzige Kunde. Die Verkäuferinnen begrüssen mich freundlich. Sie sind aber einigermassen verwirrt, als ich ihnen sage, dass ich nicht zurück in die Höhle will, sondern meine Reise auf dieser Seite fortsetzen werde.

«No bus», warnen sie mich. «No problem», antworte ich lächelnd. Dann laufe ich mit meinem 20-Kilo-Rucksack los.

«No bus»

Per Autostopp um die Welt – Woche 51: Von Konglor (Laos) nach Hanoi (Vietnam)

Holzhütten vor bewaldeten Kalksteinhügeln. Bild: Thomas Schlittler

Die unbekannte Strasse ist nicht geteert, aber breiter, als ich erwartet habe. Vor den bewaldeten Kalksteinhügeln, die senkrecht in die Höhe ragen, stehen vereinzelt Holzhäuser. Sie sind sehr einfach, jedoch in erstaunlich gutem Zustand.

Eine Entenfamilie watschelt gemütlich über die Schotterstrasse und ein Wasserbüffel schaut mich verwundert an. «Was willst du denn hier?», lese ich aus seinen Augen.

Nur Büffel

Per Autostopp um die Welt – Woche 51: Von Konglor (Laos) nach Hanoi (Vietnam)

Der verwundert dreinblickende Wasserbüffel. Bild: Thomas Schlittler

Die Sonne brennt so unbarmherzig herunter, dass ich bereits nach 20 Minuten patschnass bin. Dann höre ich hinter mir Motorenlärm, ein älterer Herr fährt mit seinem Roller auf mich zu. Ich wedle mit dem rechten Arm, er hält an. Ich setze mein freundlichstes Gesicht auf, doch er mustert mich mit einem ähnlich verständnislosen Blick wie zuvor der Wasserbüffel.

Und Aule

Per Autostopp um die Welt – Woche 51: Von Konglor (Laos) nach Hanoi (Vietnam)

Die ersten fünf Kilometer nimmt mich ein älterer Herr mit auf seinem Roller.
Bild: Thomas Schlittler

«Ban Nabon, Ban Nathon, Ban Mouangkhai?», frage ich hoffnungsvoll. So heissen gemäss Smartphone-Karte die nächsten Dörfer.

Keine Regung.

«Just this way, this way!», sage ich, zeige dabei in die entsprechende Richtung und dann auf seinen Roller. Endlich: ein Schmunzeln. Er amüsiert sich wahrscheinlich vor allem wegen meiner Gestik, aber ich interpretiere das als Zeichen, dass ich aufsteigen darf.

Doch bereits nach fünf Kilometern hält er in einer kleinen Häuseransammlung wieder an. Ich steige ab und bedanke mich, er schaut mich nur grinsend an. Wenige Meter weiter sitzen in einem Garten rund zwei Dutzend Leute, sie winken mich zu sich. «Wedding, wedding», sagt mir einer, der ein bisschen Englisch spricht.

Guckt, der Herr rechts im Bild 😂

Per Autostopp um die Welt – Woche 51: Von Konglor (Laos) nach Hanoi (Vietnam)

Im kleinen Dörfchen werde ich gleich zu einer Hochzeit eingeladen. Einige Gäste sind schon ziemlich gut in Form (Man beachte den Herrn rechts von mir ...).
Bild: Thomas Schlittler

Ich schaue in die Runde, wundere mich über die sehr legere Kleidung der Anwesenden und frage nach dem Brautpaar. Vergeblich. Als ich erkläre, dass ich weder Motorrad noch Fahrrad dabei habe, ernte ich erneut ungläubige Blicke – und bekomme ein Bier.

Die Unterhaltung mit Händen, Füssen und zum Teil sehr angetrunkenen Gesprächspartnern ist anstrengend, zudem bin ich noch nicht weit gekommen. Nachdem ich ein paar Postkarten aus der Schweiz verteilt und das Mittagsbier getrunken habe, will ich mich deshalb wieder verabschieden. Doch Aule, der junge Mann, der ein bisschen Englisch spricht, hält mich zurück: «Du kannst mit mir mitfahren.»

Danke, Aule!

Per Autostopp um die Welt – Woche 51: Von Konglor (Laos) nach Hanoi (Vietnam)

Als ich weiter will, bietet mir Aule, einer der Gäste, an, dass ich mit ihm mitfahren könne.
Bild: Thomas Schlittler

Ich nehme das Angebot gerne an, auch wenn ich nicht herausfinde, wie weit Aule muss. Die Dörfer werden selten so ausgesprochen, wie ich das aufgrund der Buchstaben vermute. Doch die Richtung stimmt, das ist die Hauptsache.

Ab und zu überholen wir einen Mini-Traktor, von Zeit zu Zeit kommt uns ein Roller entgegen, einmal sogar ein Pick-up-Truck. Die Strasse ist nach wie vor erstaunlich gut, sofern sie nicht gerade von einem Bach geteilt wird.

Ab und zu ein Mini-Traktor ...

Per Autostopp um die Welt – Woche 51: Von Konglor (Laos) nach Hanoi (Vietnam)

Bild: Thomas Schlittler

... oder ein Roller

Per Autostopp um die Welt – Woche 51: Von Konglor (Laos) nach Hanoi (Vietnam)

Bild: Thomas Schlittler

Fotohalt für die schöne Aussicht

Per Autostopp um die Welt – Woche 51: Von Konglor (Laos) nach Hanoi (Vietnam)

Bild: Thomas Schlittler

Ich freue mich über jedes Dörfchen, das wir durchqueren, ohne dass Aule anhält. Als wir am Strassenrand auf Aules Bruder treffen, erwarte ich schon das baldige Ende der gemeinsamen Reise. Doch Aule fährt weiter und weiter.

Am Ende sitze ich fast fünfzig Kilometer hinten auf seinem Roller, dann erreichen wir eine geteerte Hauptstrasse. Jackpot!

Aule – der Jackpot!

Per Autostopp um die Welt – Woche 51: Von Konglor (Laos) nach Hanoi (Vietnam)

50 Kilometer mit dem gleichen Fahrer in einer so verlassenen Gegend: Aule ist ein Held! Bild: Thomas Schlittler

Die Chance, per Autostopp von Zürich direkt nach Genf zu gelangen, schätze ich etwa gleich hoch ein, wie in einer so verlassenen Gegend mit nur einem Fahrer so weit zu kommen.

Die letzten 15 Kilometer bis zu meinem Tagesziel sind dann nur noch Formsache. Der zweite Pick-up-Truck, der vorbeikommt, nimmt mich mit. Von vier Fahrzeugen haben an diesem Tag drei angehalten, das entspricht einer Erfolgsquote von 75 Prozent.

Bis zum Tagesziel

Per Autostopp um die Welt – Woche 51: Von Konglor (Laos) nach Hanoi (Vietnam)

Bild: Thomas Schlittler

Die alte Autostopp-Weisheit hat sich also wieder einmal bewahrheitet, mein Autostopp-Selbstvertrauen bleibt unerschüttert – und die Welt ist toll!

Schönes Plätzchen zum Zelten ...

Per Autostopp um die Welt – Woche 51: Von Konglor (Laos) nach Hanoi (Vietnam)

Am Zielort finde ich dann auch noch ein Plätzchen zum Schlafen. Bild: Thomas Schlittler

... Sonnenuntergang ...

Per Autostopp um die Welt – Woche 51: Von Konglor (Laos) nach Hanoi (Vietnam)

bild: Thomas Schlittler

... Feuer ...

Per Autostopp um die Welt – Woche 51: Von Konglor (Laos) nach Hanoi (Vietnam)

Ein perfekter Autostopp-Tag! Bild: Thomas Schlittler

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15Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • UHauser 27.05.2016 03:01
    Highlight Highlight Hoffe doch du hast aule etwas trinkgeld gegeben, gell..? Enjoy the next ride!
    • Thomas Schlittler 01.06.2016 10:22
      Highlight Highlight Nö, habe ich nicht. Mache ich nie. Sonst könnte ich ja gleich das Taxi oder den Bus nehmen ... ;-) Aber ernsthaft, meine Autostopp-Regel lautet so: Die Leute müssen mich mitnehmen, weil sie mir einen Gefallen machen wollen - ohne etwas dafür zu erwarten. Aber wenn sie mich dann kostenlos mitnehmen, lade ich sie nach der Fahrt gerne auf ein Bier oder Essen ein. Meist akzeptieren die Fahrer das aber nicht. Viele bestehen gar darauf, für mich zu bezahlen ... Im Fall von Aule war an unserem Endpunkt kein Restaurant in Sicht. Ich habe ihm dafür mein halbvolles Zigi-Päckli überlassen ... :-)
  • chraebu 21.05.2016 22:45
    Highlight Highlight Ach Laos, mein absolutes Lieblingsland. Geniess es!
    • Thomas Schlittler 01.06.2016 10:25
      Highlight Highlight Hab ich gemacht! Leider war mein zweiter Laos-Aufenthalt aber nur ganz kurz. Ich finde es ist vor allem landschaftlich das schönste Land Südostasiens - auch wenn ich natürlich längst nicht ganz Südostasien gesehen habe.
  • Cheesus 21.05.2016 15:38
    Highlight Highlight Two minutes into "Wedding & Chill" and he gives you this look ;)
    Benutzer Bild
    • Thomas Schlittler 01.06.2016 10:28
      Highlight Highlight :-D :-D :-D

      Ja, dieser Herr hatte seine Freude an mir. Die Kommunikation mit ihm war jedoch ziemlich anstrengend. Ich glaube, ich hätte ihn auch nicht verstanden, wenn wir die gleiche Sprache gesprochen hätten. Beerlao schmeckt aber auch einfach verdammt gut! ... ;-)
  • StealthPanda 21.05.2016 15:26
    Highlight Highlight Ich würde jederzeit mit dir tauschen. Echt ich beneide dich um dein erlebnis...seit ich 16 bin arbeite ich nur in diesen 12 Jahren seit ich Arbeite habe ich 8 Wochen Ferien bezogen...Ich bekomme Fernweh.
    • Lami23 22.05.2016 15:24
      Highlight Highlight Dann gibts nur eins, Ferien nehmen...oder Jobwechsel...
    • 's all good, man! 22.05.2016 19:00
      Highlight Highlight Bitte was? In 12 Jahren nur 8 Wochen Ferien bezogen? Kollege, da machst du definitiv was falsch. Oder du hast einen dermassen Arschloch-Arbeitgeber, dass der schon längst angezeigt gehörte...
    • StealthPanda 22.05.2016 22:28
      Highlight Highlight Ach das liegt nicht am Arbeitgeber. Ich bin Junior im Familienbetrieb. Durch DE Einkäufe und schlechten Wechselkurs wurde uns so stark das Wasser abgegraben dass wir ( 3 Mann Betrieb) nur noch 3000Fr. Lohn beziehen da Lohnen sich Ferien nicht mehr zusätzlich fehlt 30% Arbeitskraft wenn einer in die Ferien geht...somit keine Ferien zum wohle unseres 40 Jährigen Familienbetriebs.
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