DE | FR
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
Jesus trägt das Kreuz: Karfreitagsprozession in Mendrisio TI, Gründonnerstag 2016.
Jesus trägt das Kreuz: Karfreitagsprozession in Mendrisio TI, Gründonnerstag 2016.Bild: KEYSTONE
Sektenblog

Warum liess Gott zu, dass Jesus ans Kreuz geschlagen wurde?

Der Kreuztod von Jesus ist ein verstörender Akt in der christlichen Heilslehre.
08.04.2017, 08:0906.05.2021, 14:52

In einer Woche feiert die christliche und westliche Welt den Tod von Jesus Christus am Kreuz. Der Sohn Gottes stirbt auf entwürdigende Art, hingerichtet vom römischen Stadthalter Pontius Pilatus, wie im Alten Testament festgehalten ist.

Zwei Sätze, die gleich mehrere verstörende religiöse Aspekte aufzeigen. Gott lässt seinen Sohn einen qualvollen, unwürdigen Tod sterben, vollzogen von auserwählten Gläubigen. Kommt hinzu, dass Jesus im Johannes-Evangelium als Held bezeichnet wird.

«Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?»

In der Johannes-Passion von Johann Sebastian Bach, die in diesen Tagen oft aufgeführt wird, heisst es denn auch: «Der Held aus Juda siegt mit Macht und schliesst den Kampf – es ist vollbracht.» Wie erklärt man Gläubigen, dass «Held Jesus», von Pilatus als unschuldig empfunden, neben Verbrechern ans Kreuz geschlagen wird?

Die gängigste Interpretation: Gott hat seinen Sohn geopfert als Beweis für seine Liebe. Mit diesem Akt erlöste Jesus uns Menschen. (Zwischenruf: Kann jemand die Erlösung erkennen? Zum Beispiel in Syrien?)

Nüchtern betrachtet klingt das alles eigenartig und macht wenig Sinn. Warum muss Gott uns seine Liebe beweisen? Fände er nicht humanere Möglichkeiten oder Argumente, als seinen Sohn Todesqualen auszusetzen?

Jesus am Kreuz: Fotoprobe für die Oberammergauer Passionsspiele, 2010.
Jesus am Kreuz: Fotoprobe für die Oberammergauer Passionsspiele, 2010.Bild: keystone

Verstörend wirkt das vor allem auch, wenn wir uns den Dialog zwischen Pilatus und Jesus vergegenwärtigen. Pilatus sagte laut Johannes-Passion: «Redest du nicht mit mir? Weisst du nicht, dass ich Macht habe, dich zu kreuzigen, und Macht habe, dich loszugeben?»

Gott hat seinen Sohn bewusst hinrichten lassen

Jesus antwortete: «Du hättest keine Macht über mich, wenn sie dir nicht wäre von oben herab gegeben.» Ohne Gott hätte Pilatus also nicht die Macht gehabt, Jesus kreuzigen zu lassen. Kurz: Gott hat seinen Sohn bewusst hinrichten lassen, obwohl Pilatus weitgehend von seiner Unschuld überzeugt war.

Der Kreuztod von Jesus sprengt unsere moralischen Vorstellungen. Unser Gerechtigkeitssinn rebelliert. Gott lehrt uns in seinen Geboten, wir sollen nicht töten, doch Gott lässt zu, dass sein menschgewordener unschuldiger Sohn hingerichtet wird.

Unterschiedliche Versionen der Evangelisten

Die Konfusion wird komplett, wenn wir berücksichtigen, dass die anderen drei Evangelisten die Ereignisse anders beschreiben. Bei Markus und Matthäus ruft Jesus am Kreuz: «Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?» Anders die letzten Worte bei Lukas: «Vater, in deine Hände lege ich meinen Geist.»

Welche Variante stimmt nun? Oder vielleicht sind alle Aussagen von Jesus Spekulationen, denn die vier Evangelisten haben den Kreuztod nicht miterlebt. Sie kannten auch Jesus nicht, sondern schrieben seine Geschichte erst Jahrzehnte nach dessen Tod auf.

Hugo Stamm
Glaube, Gott oder Gesundbeter – nichts ist ihm heilig: Religions-Blogger und Sekten-Kenner Hugo Stamm befasst sich seit den Siebzigerjahren mit neureligiösen Bewegungen, Sekten, Esoterik, Okkultismus und Scharlatanerie. Er hält Vorträge, schreibt Bücher und berät Betroffene.
Mit seinem Blog bedient Hugo Stamm seit Jahren eine treue Leserschaft mit seinen kritischen Gedanken zu Religion und Seelenfängerei.

Du kannst Hugo Stamm auf Facebook und auf Twitter folgen.
DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
twint icon
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

Abonniere unseren Newsletter

137 Kommentare
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 24 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
Die beliebtesten Kommentare
avatar
SemperFi
08.04.2017 13:36registriert Februar 2014
Ich verstehe die Frage von Herrn Stamm nicht ganz. Ohne Tod am Kreuz kein Märtyrerstatus, kein Auferstehungswunder, keine Verehrung, keine christlichen Religion. Ganz einfaches Marketing eben.

PS: Wenn ich als Gott ja weiss, das mein Sohn in drei Tagen auferstehen wird, kann ich den spektakulären, vorübergehenden Tod zu Gunsten eines höheren Ziels in Kauf nehmen.
5816
Melden
Zum Kommentar
avatar
satyros
08.04.2017 09:52registriert August 2014
"hingerichtet von einer aufgebrachten Horde Juden." Ich finde es nicht gerade sinnvoll, hier ein uraltes Vorurteil (Gottesmörder), das mitverantwortlich für den christlichen Judenhass ist, zu verbreiten. Gemäss aller Evangelien waren es römische Soldaten, die Jesus gekreuzigt haben. So dürfte es wohl auch gewesen sein.
5016
Melden
Zum Kommentar
avatar
Maracuja
08.04.2017 09:19registriert Februar 2016
@Hugo Stamm

1) Ich finde es völlig i.O., dass Sie die bevorstehenden Ostern als Anlass nehmen, um eine Diskussion über die Unlogik/Grausamkeit der Passionsgeschichte anzuregen. Aber Titel und 1. Abschnitt entsprechenden leider dem, was den Schülern im Religionsunterricht bis weit in die 70er Jahre des letzten Jh. vermittelt wurde. Auf die Schnelle verweise ich auf Wiki: .
310
Melden
Zum Kommentar
137
Löst Vegetarismus Depressionen aus? Oder umgekehrt? Ein Gespräch
Ich gehe mal wieder mit meinem alten Freund Philipp essen. Er ist seit Ewigkeiten Vegetarier. Und obwohl wir uns immer vornehmen, das Thema zu umfahren, landen wir mehr oder weniger von Anfang an genau dort. Diesmal wegen einer aktuellen Studie, die sagt, Vegetarier seien häufiger depressiv als Fleischesser.

Philipp: «Wie fest Hunger hast du? Wollen wir uns eine Vorspeise teilen?»
Ich: «Grünzeug für zwei?»
Er (die Ruhe selbst, weil er meine Sprüche zur Genüge kennt): «Bruschette.»
Ich: «Damit kann ich leben. Obwohl, so ein Lachstatar … Fisch isst du auch immer noch nicht, oder?»
Er: «Nein. Ich esse nichts, was ein Gesicht hat.»
Ich: «Das kann ich aus ideologischen Gründen nachvollziehen. Aber gesund ist es nicht. Auch psychisch nicht.»
Er: «Sagt wer?»
Ich: «Eine aktuelle Studie. Der Typ, der sie durchgeführt hat, ist Psychologe und Uni-Professor und selbst Vegetarier. Die Studie sagt, Vegetarier seien häufiger depressiv als Fleischesser.»
Er: «Ich liebe es ja, wenn ihr Journalistinnen aus solchen Studien so zugespitzte Aussagen rausquetscht.»
Ich: «Und ich liebe es, wenn du immer wieder mit deinem Psychologie-Studium plagiierst, das du vor gefühlten hundert Jahren mal angefangen hast. Jedenfalls kannst nicht mal du als Fast-Psychologe behaupten, psychische Gesundheit habe gar nichts mit der Ernährung zu tun. Dass es da einen Zusammenhang gibt, haben schon x Studien herausgefunden.»

Zur Story