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JOMO – The Joy of Missing Out

JOMO – The Joy of Missing Out

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Yonnihof
Von Online-Slang, Influencer:innen und den Vorteilen des Nichtstuns.
10.11.2021, 09:5110.11.2021, 15:42

Ich muss ehrlich zugeben: Dafür, dass ich sozusagen im Internet wohne, bin ich bezüglich Online-Sprache ziemlich ungebildet. Ich kann nicht aufzählen, wie oft ich Abkürzungen aus Memes oder «Bored Panda»-Artikeln im Urban Dictionary nachschlagen muss. Sogar mehrfach, weil ich sie sofort wieder vergesse. «Imho» – also «in my humble opinion» respektive «meiner bescheidenen Meinung nach» – lese ich auch heute noch «IMMHOO».

Auch «YOLO» fand seinen Weg in mein Vokabular erst, als es weitgehend ironisch gebraucht wurde.

Und dann war da noch «FOMO». Oder «The Fear of Missing Out». Also die Angst, etwas zu verpassen. Und um dieses Akronym soll es heute gehen.

Es beschreibt gemäss Wikipedia «eine Form der gesellschaftlichen Beklemmung/Angst/Besorgnis. Das Phänomen beschreibt die zwanghafte Sorge, eine soziale Interaktion, eine ungewöhnliche Erfahrung oder ein anderes befriedigendes Ereignis zu verpassen und nicht mehr auf dem Laufenden zu bleiben. Dieses Gefühl geht besonders mit modernen Technologien wie Mobiltelefonen und sozialen Netzwerken einher bzw. wird von diesen verstärkt.»

Ich bemerke dieses Phänomen bei vielen Menschen in meiner Umgebung und auch mich hat es lange begleitet. Vor allem als ich noch jung war – damals, zwischen den Kriegen – lebte ich immer wieder im Glauben, Dinge tun zu müssen, damit ich «dazugehören» würde oder «mitreden» könnte. Und zu jener Zeit gab es noch nicht einmal den Social-Media-Zwang, den junge Leute heute verspüren. Ich möchte mich herzlich bei meinem Nokia 3210 bedanken, dass es mich nur so weit unter Druck setzte, dass ich «Snake» fertig spielen wollte und krampfhaft versuchen musste, meine SMS unter 140 Zeichen zu halten, damit nicht nochmal 20 Rappen draufgehen.

Heute aber sterben Menschen beim Schiessen von spektakulären Selfies, kaufen sich auf Kredit Luxus-Accessoires (a.k.a. Pumps auf Pump), bezahlen Unmengen an Kohle, um bei den hippsten, möglichst «un-mainstreamigen» Partys und Reisen dabei zu sein … Und sind so selbst zu einem «Stream» geworden, dessen Sog meines Erachtens alles andere unproblematisch ist. Grade – oder vor allem – für junge Leute oder sogar Kinder.

Die Influencer-Thematik ist für mich persönlich nicht so schwarzweiss wie für viele andere. Es gibt durchaus enorm talentierte Künstler:innen oder Fotograf:innen, die ohne Social Media niemals ihre Karriere hätten starten können. Und «nur mal chli Bildli poste» greift da oft zu kurz. Ich kenne einige Menschen mit wunderschönen Accounts und das ist eine Heidenarbeit, erfordert einen strengen Arbeitsethos und birgt zudem enormes finanzielles Risiko.

Aber ja, da sind dann halt auch die mit den unrealistischen Körperbildern, der problematischen, teils sogar versteckten Werbung und eben die, die vermitteln, das Leben sei nur durch einen Filter und in Saus und Braus lebenswert. Regelmässig sehe ich an der Bahnhofstrasse die Schlange vor dem Louis-Vuitton-Laden und darunter sind ganz oft unglaublich junge Menschen.

«Stop making stupid people famous» lese ich des Öfteren, wenn es um Social Media geht. Für mich ist das zu pauschal. Ausserdem kenne ich massenhaft Menschen, die auch nicht sonderlich klug sind und sehr gute Löhne beziehen, ganz ohne Instagram-Account.

Was mir persönlich in diesem Belang wichtig erscheint, ist, dass junge Menschen einen gesunden Umgang mit sozialen Medien beigebracht bekommen. Genauso wie mit Porno ist es zentral, dass sie Unrealistisches von Realistischem zu unterscheiden lernen. Und wir können noch so stämpfelen: Sie werden mit diesen Dingen irgendwann konfrontiert. Da ist es viel klüger, sie zu lehren, dass nicht alles Gold ist, was glänzt, dass es aber auch massenweise kleine Schmucktrückli gibt und dass die durchaus wertvoll sind.

Aber zurück zur FOMO. Ich für meinen Teil merke mit zunehmendem Alter, und ich werde im Januar ja auch schon zum zwölften Mal 29, dass ich mir diesen Druck nicht mehr antun will.

Das Problem mit der FOMO ist ja, dass man entweder gestresst irgendwelchen irren Partys und Reisen und Luxusgütern hinterherseckelt – oder man ist gestresst, weil man sie verpasst. Dabei vergisst man meiner Meinung nach, dass die Seele ab und zu etwas Ruhe braucht und so dann solche Erlebnisse viel bewusster geniessen kann. Wenn ich jede Woche eine neue Handtasche kaufe, macht sie mir doch keine Freude mehr (ganz abgesehen davon, dass mein Kontostand sehr bitterlich weint). Wenn ich an jede Hundsverlochete muss, um Selfies zu posten, macht das irgendwann keinen Spass mehr, ich bin müde und unkreativ.

Das liesse sich nun auch noch auf die Arbeitsebene erweitern: Woher diese Glorifizierung der Überarbeitung kommt, die heute grassiert, weiss ich nicht. Am Familienfest E-Mails beantworten, in den Ferien Anrufe annehmen, ein schlechtes Gewissen haben, wenn man am Abend pünktlich heimgeht … Ich bin mir bewusst, dass viele gar keine andere Wahl haben, weil sie sonst ersetzt werden, aber genau dieser Trend macht mich nachdenklich bis ratlos. «Mach mehr, als wir verabredet haben.» – «Bekomme ich dann mehr Lohn?» – «Nein.» – «Was bekomme ich dann?» – «Keine Kündigung. LOL.» (Nochmals eine Abkürzung einfliessen lassen, jeeeeeh)

Gerade seit ich Mutter bin, habe ich – auf die harte Tour – lernen müssen, dass Ressourcen eingeteilt werden müssen. Ich habe eine Liebe entwickelt für JOMO: The Joy of Missing Out.

So macht mich zum Beispiel oft nichts glücklicher, als wenn ich an meinen kinderfreien Tagen aufstehe und draussen regnets Bindfäden. Diese Tage sind da, damit ich schreiben, organisieren, haushalten, einkaufen kann. Aber selbst wenn die Sonne prachtvoll vom Himmel strahlt, werfe ich mich manchmal einfach für ein paar Stunden aufs Sofa und schaue fürchterliche Streifen auf Netflix oder klicke mich auf Youtube von Filmli zu Filmli, bis ich bei «Analbleaching für Zwerghamster» lande. Dann räume ich halt auf, wenn mein Sohn dabei ist – bzw. ich räume auf und er wieder aus.

Ich schlage oft bewusst Einladungen an Events aus, auch wenn ich «nichts Besseres zu tun habe». Ich bin dann aber auch ehrlich und sage, dass ich lieber mit meinem Mann auf dem Sofa hängen will oder dass ich bereits ein Rendez-Vous mit meiner Badewanne habe.

Oder aber ich gehe einfach mal um 21 Uhr schlafen. Auch das ist ja eine eher uncoole Meinung, aber ich finde Schlafen uhueren geil.

Und wundersamerweise merke ich, dass mein Leben dadurch nicht schlechter geworden ist. Im Gegenteil. Die Partys, die ich besuche, sind lässiger, weil ich mir die besten aussuche. Schöne Dinge, die ich kaufe, machen mir Freude, weil sie nicht die Regel, sondern die Ausnahme sind. Ich bin entspannter, ausgeschlafener und ruhiger – und ich habe Energie für die oft sehr anstrengenden Tage mit meinem Sohn.

Und die sind tatsächlich etwas, das ich auf keinen Fall verpassen will.

Aber eben, auch das ist alles nur «in my humble opinion».

IMMHOO.

Yonni Moreno Meyer
Yonni Moreno Meyer (39) schreibt als Pony M. über ihre Alltagsbeobachtungen – direkt und scharfzüngig. Tausende Fans lesen mittlerweile jeden ihrer Beiträge. Bei watson schreibt die Reiterin ohne Pony – aber nicht weniger unverblümt. Sie lebt mit ihrem Mann und ihrem Sohn (*2019) in Zürich.

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FRAGFRAUFREITAG
Liebe Frau Freitag. Meine beste Freundin (26) trinkt zu viel. Und ich meine nicht damit, dass Sie dann in ihrer eigenen Kotze liegt. Es ist viel diskreter. Das ist das, was mich beunruhigt.
Sie trinkt zu oft und zu schnell. Während wir anderen in der Runde noch am ersten Glas Weisswein dran sind und plaudern, schenkt sie sie schon mit einem verschmitzten Lächeln das zweite, und dann verlegen das dritte ein. Wenn sie dann hinüber ist, weil sie zu viel getrunken hat, spielt sie am nächsten Tag alles herunter. Und sie hat auch nie einen Kater. Kein Kater = keine Reue. Aber wie will ich sie belehren gehen, wenn ich selber ab und wann im Ausgang abstürze. Meine Freunde und meine Generation trinken am Wochenende mal einen über den Durst. Wenn ich es ihr sage, ist es, wie wenn ein Raucher einem anderen Raucher sagt, er soll mal weniger rauchen. Eva, 25
Liebe Eva 

Was für eine spannende und auch anspruchsvolle Frage! Danke dafür!

Alkohol ist die am meisten verbreitete und gesellschaftlich verankerte und akzeptierte Droge überhaupt. Und keine Sau interessiert's. Während über Kokain und neuerdings auch wieder über Heroin viel geschrieben und diskutiert wird, stört sich an der abendlichen Flasche Wein kein Mensch.

Mich macht diese Tatsache auch immer wieder nachdenklich. Früher habe ich selten getrunken, aber wenn, dann richtig! Eine Strategie, die mein Hausarzt, gegenüber dem moderaten aber dafür regelmässigen Alkoholkonsum übrigens als gesünder bezeichnet. Die Leber leidet unter dem alltäglich zugeführten Alkohol angeblich mehr, als wenn man ein bis zweimal pro Monat richtig Gas gibt.

In Ihrer Generation ist das Abstürzen am Wochenende mehr verbreitet, während meine Generation eher allabendlich eine Flasche Wein zum Nachtessen trinkt und am Wochenende deren zwei bis drei, damit man nachher wieder einmal miteinander schlafen kann. Die Selbstverständlichkeit, mit der man wöchentlich mit einer Einkaufstüte voller leerer Weinflaschen zur Altglassammelstelle wandert, hat mich schon immer befremdet. Aber das mag auch daran liegen, dass ich Wein nicht so gerne mag und Prosecco sich nicht so einfach mit einem guten Essen entschuldigen und nebenher trinken lässt.

Alkoholismus fängt für mich dort an, wo man nicht mehr bewusst über das Öffnen einer Flasche irgendwas nachdenkt, sondern es automatisch geschieht. Und mir ist sehr wohl bewusst, dass nach dieser meiner persönlichen Definition etwa 65 % der Menschen Alkoholiker sind. Aber ich vermute nun einmal, dass ich mit dieser Schätzung auch nicht ganz so falsch liege. Aber leider ist es wenig sexy, über Alkohol als Droge nachzudenken. Dafür ist sie zu legal, zu einfach beschaffbar und durch alle Bevölkerungsschichten zu verbreitet.

Dies mag vielleicht tatsächlich daran liegen, dass es einem schwerfällt, den Mahnfinger zu heben, wenn man gerade selber ein Glas in der Hand hält. Aber dennoch finde ich, dass man es tun soll. Sie machen sich über Ihre Freundin Sorgen, weil diese mit ihrem bagatellisierenden Gebaren das Verhalten einer Trinkerin an den Tag legt? Sprechen Sie mit ihr darüber. Natürlich gibt es das biblische Zitat "Wer unter euch ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein." Aber es geht ja hier nicht um die Steinigung Ihrer Freundin, sondern vielmehr um die Sorge, die Sie umtreibt. Konfrontieren Sie Ihre Freundin darum nicht mir Vorwürfen, sondern einfach mit Ihren Bedenken.

Es ist ein Akt der Liebe, wenn man sich um jemanden sorgt und diese Sorge auch anspricht, anstatt einfach wegzusehen. Mit dieser Aktion begibt man sich allerdings auf dünnes Eis und schon manche Freundschaft ist darob zerbrochen. Oft kann die tragende Eisfläche dadurch aber auch an Festigkeit gewinnen und darum bin ich ein grosser Freund des ehrlichen Wortes.

Alles Gute, Ihre Kafi.

Ach und übrigens: Das mit dem Kater ist auch eine Frage des Alters. Bis vor kurzem war ich auch davon verschont. Reue hatte ich allerdings auch immer schon ohne. Lust aufs Trinken allerdings auch. 
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