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mittelfinger arschloch

Bild: shutterstock

Yonnihof

Zitat: «Du dummer Drecksfutz!»

Vom Umgang mit Kritik.



Yonnihof Yonni Meyer

Wenn man in der Öffentlichkeit steht, provoziert man Reaktionen. Und damit meine ich nicht nur Menschen, die «prominent» sind (die Anführungs- und Schlusszeichen habe ich gesetzt, weil ich der Meinung bin, dass es in der Schweiz fast keine wirklich Prominenten gibt), sondern eigentlich uns alle. Wir alle stehen dann und wann in der Öffentlichkeit, manchmal in einer kleinen, manchmal in einer grösseren. Aber die Welt um uns herum ist unser Spiegel, die uns Rückmeldungen gibt, wie wir sind und wie wir ankommen.  

Ich halte das für eine durchaus feine Sache, so einen Spiegel. Immer wieder lese ich, dass Menschen sagen, es sei ihnen komplett egal, was andere über sie denken. Ob das clever ist, hängt meines Erachtens davon ab, wer diese «anderen» sind. Ich kenne persönlich niemanden, der so etwas sagen kann, ohne zumindest teilweise zu lügen. Oder ein Soziopath zu sein.  

Und gerade da liegt ja die Krux: Der Spiegel ist zwar wichtig, damit wir merken, wann wir daneben liegen, erkennen, wenn wir jemanden verletzen und unser Verhalten anpassen können – auf der anderen Seite bekommen wir auch Rückmeldungen, die unehrlich sind oder andere Motive haben, als uns konstruktiv zu kritisieren.  

Gerade im Zeitalter der Online-Kommentare, wo jeder und jede nach Lust und Laune anonym andere anpflaumen kann, ist der Spiegel oft verzerrt. Da werden Dinge gesagt, die richtig weh tun, wenn man sie persönlich nimmt.  

Als ich zu schreiben begann und in eine breitere Öffentlichkeit trat, empfand ich es als eine der Hauptschwierigkeiten, zu akzeptieren, dass nun Leute, die mich gar nicht kannten, eine Meinung über mich hatten und diese auch äusserten. Natürlich kann man sagen, dass mit so etwas umgehen können muss, wer an die Öffentlichkeit tritt. Das stimmt. Dass Kritik kommt, ist klar und – wie oben beschrieben – auch wichtig, um zu wachsen. In welcher Form und in welcher Sprache diese Kritik jedoch mitgeteilt wird, liegt durchaus in der Verantwortung des Verfassers.   

Wie dem auch sei – wie bei manch anderer Situation im Leben muss man auch in solchen lernen, dass man nur auf sich und die eigene Reaktion einen Einfluss hat, dass man also nicht auf die Boshaftigkeit der Nachricht, sondern nur darauf, wie man sie empfängt, einwirken kann.  

Immer wieder werde ich gefragt, wie ich damit umgehe, dass man mich beleidigt. Gerade meine Texte zu Gender-Themen veranlassten gewisse Herren (sorry, es waren leider wirklich nur Männer), mich als «Schlampe», «chronisch unterfickt» und – Höhepunkt – «dummer Drecksfutz» zu bezeichnen.  

Anfangs habe ich mich fürchterlich erschrocken. Genauso, wie mich drohende Messages sehr eingeschüchtert haben und ich zweimal gar mit der Polizei Rücksprache hielt.  

Heute kann ich anders damit umgehen und ich habe für mich ein simples Mantra gefunden, wie der Umgang mit sexistischen, aber auch anderen Angriffen leicht(er) fällt. Nämlich folgende Frage:

«Über wen sagt das mehr aus, über ihn/sie oder über mich?»  

Das lässt sich auf fast alle Lebenssituationen übertragen. Ist der Angriff tatsächliche Kritik oder reines Instrument zur Machtdemonstration?

Handelt es sich um tatsächliche Kritik, kann man sich selber reflektieren und lernt für zukünftige Situationen etwas dazu.  

Wenn jedoch einem 43-jährigen Mann als Reaktion auf eine komplexe Gender-Diskussion nur «dummer Drecksfutz» einfällt – Ist das ein Zeichen, dass er sich angegriffen fühlt und nicht die richtigen Worte findet? Oder will er meine Aufmerksamkeit und versucht mittels krasser Worte, auf meine Befindlichkeit einzuwirken, um dann sagen zu können: «Ich habe sie manipuliert, ich hatte Macht über ihre Gedanken»? Oder ist er einfach nur unglaublich unanständig?

Was auch immer der Grund ist, eins steht fest: Die Beleidigung ist fehl am Platz und hat mit mir nichts zu tun.

Dasselbe gilt für Menschen, die ständig aggressiv an anderen rumkritisieren, auch wenn sie dazu weder aufgefordert worden sind, noch den zwischenmenschlichen Stellenwert dazu haben (also weder zur Familie noch zu den guten Freunden gehören), und dann mit «Ich bin ja nur ehrlich» daherkommen. Oft ist das Selbstinszenierung, eine Machtdemonstration durch Manipulation der Gefühle des anderen oder eine Methode, von den eigenen Unzulänglichkeiten abzulenken.

Auch hier: Meist sagen solche «ehrlichen Kritiken» mehr über denjenigen aus, der sie übt als über denjenigen, auf den sie sich beziehen.

Man kann sich im Anschluss überlegen, wie man auf so etwas reagieren will. Meist ist Ignorieren die beste Lösung, denn der Film beim Gegenüber läuft weiter, ob man ihm nun eine Leinwand bietet oder nicht. Gerade bei ganz krassen Entgleisungen ist oft der Wunsch nach einer Reaktion Vater der Beleidigung. Und da gilt es, demonstrativ zu ignorieren, auch wenn es einen noch so in den Fingern juckt.

Schlussendlich ist es wichtig, dass man herausfindet, wer einem einen Spiegel vorhält und wer nur so tut, sich dabei aber lieber selber drin betrachtet. Und dann auf Ersteren zu bauen.  

«Über wen sagt das mehr aus? Über sie/ihn oder über mich?»

Yonni Meyer

Yonni Meyer (33) schreibt als Pony M. über ihre Alltagsbeobachtungen – direkt und scharfzüngig. Tausende Fans lesen mittlerweile jeden ihrer Beiträge. Bei watson schreibt die Reiterin ohne Pony – aber nicht weniger unverblümt. 
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