Digital
International

Deutsche Internet-Trolle verfassten Hamas-Bombendrohungen

27.10.2023, Th
Polizeifahrzeuge vor dem Erfurter Rathaus in Thüringen, nachdem eine Bombendrohung per E-Mail eingegangen war.Bild: DPA

Deutsche Internet-Trolle verfassten Hamas-Bombendrohungen

Wende bei den Fällen von Bombendrohungen gegen öffentliche Einrichtungen: Hinter den vermeintlichen Hamas-Drohungen stecken offenbar deutsche kriminelle Internet-Trolle.
27.10.2023, 22:1227.10.2023, 22:12
Lars Wienand / t-online
Ein Artikel von
t-online

Für die deutschlandweiten Evakuierungen von Schulen und Einsätze von Polizei mit Spürhunden ist mutmasslich eine kleine Gruppe deutscher Internet-Trolle verantwortlich. In den vergangenen Tagen hatten deutschlandweit Schulen, aber auch andere öffentliche Einrichtungen wie Flughäfen oder Rathäuser geräumt werden müssen, nachdem zuvor Anschlagsankündigungen eingegangen waren. In E-Mails war vielfach eine Verbindung zum Gaza-Krieg hergestellt worden. Doch zumindest beim Grossteil der Drohungen gibt es die nicht.

Das deutsche Bundesinnenministerium hatte das bereits zuvor explizit angedeutet: Es sei noch nicht abschliessend zu bewerten, «ob es sich möglicherweise um Trittbrettfahrer handelt, die sich zur Verstärkung der Wirksamkeit ihrer Drohungen als Hamas bezeichnen». Dafür spricht nun auch, dass es Bombendrohungen vermeintlicher israelischer Extremisten auf Hebräisch gegeben hat.

Zentrale Ermittlungen gab es nicht

Wie das Fernsehmagazin «Kontraste» und «Der Spiegel» aus Ermittlerkreisen berichten, hält die Berliner Polizei die Schreiben in Fällen, in denen sie ermittelt, für eine Aktion von Trittbrettfahrern. In den einzelnen Bundesländern ermitteln Polizeien wegen der Serie von Anschlagsdrohungen unabhängig, eine zentrale Ermittlung gibt es bisher offenbar nicht.

Die heisseste Spur zu den mutmasslichen Tätern hat offenbar eine mit dem Pseudonym «N3ll4» auftretende Hacktivistin geliefert. Nach ihren Angaben hat sie der Polizei Kommunikation aus dem inneren Kreis der Gruppe zur Verfügung gestellt und war zu einer mehrstündigen Vernehmung mit Spezialisten von zwei Landeskriminalämtern. Eine Bestätigung der Polizei bekam t-online dafür am Freitagabend zunächst nicht. Die Gruppe ist «N3ll4» offenbar bei früheren Recherchen schon aufgefallen.

Gruppe diskutierte über Angriffe auf Krankenhäuser

In der Kommunikation, die t-online vorliegt, berichtet ein mutmassliches Mitglied der Gruppe, dass die Mails weniger öffentliche Aufmerksamkeit erregt hätten, als man sie als vermeintliche Drohungen von israelischen Extremisten ausgegeben habe. Dabei habe man für den Text extra einen Muttersprachler gesucht. Am 21. Oktober um kurz nach 18 Uhr waren diverse palästinensische und pro-palästinensische Einrichtungen mit Anschlagsdrohungen angeschrieben worden. Erst mit dem Versand als Drohmails der Hamas habe man so richtig Aufmerksamkeit bekommen.

Besprochen wurde offenbar auch, ob Schulen allein genug Aufmerksamkeit erregen und man noch andere «Targets» reinmischen müsse. Aus der Kommunikation geht hervor, dass es der Gruppe vordringlich darum geht, mit der Aktion aufzufallen. Besondere politische Motive verfolgen die mutmasslich Beteiligten offenbar nicht. Der Vorschlag, Krankenhäuser anzugreifen, wurde verworfen, das könne Menschenleben kosten.

Wenn sich die Vorwürfe bestätigen, drohen den Beteiligten bis zu drei Jahre Haft, sofern ihre Mails mit falschen Bombendrohungen als «Störung des öffentlichen Friedens durch Androhung von Straftaten» gewertet werden.

Verwendete Quellen:

  • Eigene Recherchen
  • tagesschau.de: Nahost-Drohschreiben offenbar von Cyberkriminellen
  • spiegel.de: Internet-Trolle stecken offenbar hinter Bombendrohungen
DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet, um die Zahlung abzuschliessen.)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.
Das könnte dich auch noch interessieren:
Das steckt hinter der Faszination für die «True Crime Community»
Ein 14-jähriger Jugendlicher hat an seiner Schule in Frankreich den Schulleiter und eine Lehrerin angeschossen. Hinter diesem Angriff steckt eine Faszination für die «True Crime Community»: eine digitale Bewegung, die von Massakern fasziniert ist. Auch die Schweiz bleibt davon nicht verschont, wie Fedpol gegenüber watson bestätigt.
«Wir können bestätigen, dass es in der Schweiz Fälle gibt, die diesem Phänomen zuzuordnen sind.» Gegenüber watson bestätigt das Bundesamt für Polizei (Fedpol) ausdrücklich, dass es hierzulande Fälle mit Bezug zur «True Crime Community» (TCC) gibt. Dahinter steckt eine diffuse Online-Szene, die von Serienmördern und Amokläufern fasziniert ist. Nebst Konsumentinnen und Konsumenten von Mainstream-True-Crime-Content umfasst die TCC auch extremistische Gruppierungen, die solch radikale Taten ermutigen.
Zur Story