Das steckt hinter der Faszination für die «True Crime Community»
«Wir können bestätigen, dass es in der Schweiz Fälle gibt, die diesem Phänomen zuzuordnen sind.» Gegenüber watson bestätigt das Bundesamt für Polizei (Fedpol) ausdrücklich, dass es hierzulande Fälle mit Bezug zur «True Crime Community» (TCC) gibt. Dahinter steckt eine diffuse Online-Szene, die von Serienmördern und Amokläufern fasziniert ist. Nebst Konsumentinnen und Konsumenten von Mainstream-True-Crime-Content umfasst die TCC auch extremistische Gruppierungen, die solch radikale Taten ermutigen.
Die Szene, die lange vor allem in den sozialen Medien aktiv war, ist inzwischen ins Visier der französischen Anti-Terror-Justiz geraten. Doch was steckt dahinter?
Mit 14 Schüsse in der Schule abgefeuert
Am Montag, 12. Oktober, betrat ein 14-Jähriger in Aubagne bei Marseille seine Schule mit einem Jagdgewehr, das er zunächst in einem Gitarrenkoffer versteckte. Die von ihm abgefeuerten Schüsse verletzten den Schulleiter sowie eine Lehrerin. Ein Mitarbeiter konnte den Jugendlichen entwaffnen und so Schlimmeres verhindern. Die französische Anti-Terror-Staatsanwaltschaft (PNAT) hat die Ermittlungen übernommen.
Die ersten Ermittlungen zeigen, dass der Jugendliche im Internet in einem digitalen Umfeld unterwegs war, das sich Massentötungen widmet. Der jugendliche Schütze soll insbesondere von der «True Crime Community» (TCC) beeinflusst worden sein. Die französische Staatsanwaltschaft spricht von seiner «wahrscheinlichen Zugehörigkeit» zu radikalen Teilen dieser Community, die extreme Gewalt verherrlicht und zur Nachahmung von Massakern ermutigt. Es handelt sich um einen ersten Fall in Frankreich, in dem ein Angriff an einer Schule im Rahmen eines Anti-Terror-Verfahrens offiziell dieser Bewegung zugeordnet wird.
Morbide Faszinationen
TCC steht für verschiedene Online-Communitys, die von besonders brutalen Verbrechern fasziniert sind. Einige ihrer Mitglieder bewundern die Täter, verherrlichen ihre Taten und versuchen möglicherweise sogar, sie nachzuahmen. Ein einschneidendes Ereignis für diese Szene ereignete sich am 20. April 1999: Zwei Jugendliche erschossen an der Columbine High School im US-Bundesstaat Colorado zwölf Schülerinnen und Schüler sowie eine Lehrperson, bevor sie sich selbst das Leben nahmen. Das Massaker hinterliess tiefe Spuren – und inspirierte später mehrere erfolgreiche Filme, darunter «Elephant» von Gus Van Sant, «Bowling for Columbin»e von Michael Moore und «We Need to Talk About Kevin» von Lynne Ramsay.
Im Internet sind die beiden Täter für einige Bewunderer sogar zu Vorbildern geworden. Mit dem Aufstieg der sozialen Medien hat diese Faszination neue Plattformen gefunden. Fotos der Täter, zusammengeschnittene Videos und idealisierte Darstellungen ihrer Verbrechen: Solche Inhalte kursieren und verbreiten sich in internationalen Online-Communitys.
Die TCC hat allerdings keine zentrale Struktur. Auch eine gemeinsame politische oder religiöse Ideologie verbindet ihre Anhänger nicht unbedingt. Einige sind nicht einmal radikal, andere sympathisieren mit der extremen Rechten. Wieder andere scheinen vor allem die Gewalt und Zerstörung zu faszinieren – und der Ruhm, den ein Massaker mit sich bringen kann.
Phänomen gibt es auch in der Schweiz
Im Gespräch mit watson bestätigt Mediensprecher der Fedpol-Romandie Vincent Bürgy, dass die Szene auch in der Schweiz präsent ist. Er sieht Verbindungen zu einer weiteren Form des Extremismus, die besonders besorgniserregend ist: dem nihilistischen Gewaltextremismus:
Laut Fedpol handelt es sich um hybride Ideologien, die auf einem menschenfeindlichen Weltbild beruhen. Ihre Anhänger wollen die bestehenden gesellschaftlichen und politischen Strukturen zerstören – letztlich die Gesellschaft als Ganzes. Auch das Vorgehen ist besorgniserregend: Junge Menschen in schwierigen Lebenssituationen können im Internet gezielt angesprochen, manipuliert und radikalisiert werden. Anschliessend werden sie für Gewalttaten instrumentalisiert.
Fedpol macht keine Angaben dazu, wie viele Personen oder konkrete Fälle in der Schweiz identifiziert wurden. Auch bleibt offen, ob Strafverfahren eröffnet oder Anschlagspläne verhindert wurden.
Bei der Einschätzung der Gefahr findet Fedpol jedoch klare Worte:
Doch was die Polizei weiss, dürfte nur einen Teil des tatsächlichen Ausmasses abbilden. Gegenüber watson erklärt Fedpol, dass von einer hohen Dunkelziffer auszugehen sei. Gründe dafür seien die internationale und digitale Vernetzung dieser Communitys, ihre ständige Weiterentwicklung und die Vielfalt der kriminellen Aktivitäten, die sie umfassen.
Um das Ausmass des Phänomens besser einschätzen zu können, steht Fedpol nach eigenen Angaben in engem Austausch mit ausländischen Polizeibehörden und den kantonalen Behörden. So sollen mögliche Fälle in der Schweiz erfasst und Informationen in der Funktion als nationale Zentralstelle koordiniert werden. Und wie sieht es mit einer möglichen Zusammenarbeit mit dem Nachrichtendienst des Bundes (NDB) aus? Fedpol-Sprecher Vincent Bürgy erklärt: «Es findet selbstverständlich ein Austausch mit dem NDB statt, allerdings nicht spezifisch zum Thema TCC.»
Ein alarmierender Fall aus der Ostschweiz
In seinem Jahresbericht 2019 schilderte Fedpol bereits den Fall eines Jugendlichen aus der Ostschweiz, der im Internet Ausschnitte des Videos vom Anschlag in Christchurch in Neuseeland verbreitete. Am 15. März 2019 hatte ein rechtsextremer Terrorist dort in zwei Moscheen 51 muslimische Gläubige ermordet. In einem Forum versah der damals 17-Jährige die Aufnahmen mit einem beunruhigenden Kommentar:
Es blieb nicht bei Provokationen im Netz: Der Jugendliche stand damals in Kontakt mit ausländischen Extremisten und hatte Substanzen bestellt, die zur Herstellung eines hochwirksamen Sprengstoffs hätten verwendet werden können.
Nachdem ausländische Polizeibehörden und ein Schweizer Drogist Alarm geschlagen hatten, griffen die Behörden ein und liessen den Minderjährigen festnehmen. Eine spätere Recherche von SRF brachte weitere Details über den Jugendlichen ans Licht. Sein Fall war bei der Jugendjustiz von Appenzell Ausserrhoden hängig. 2020 war er aus einer geschlossenen Einrichtung geflohen und anschliessend nach Kroatien gereist. Der Fall weist Parallelen zu Mechanismen auf, die heute mit der TCC in Verbindung gebracht werden: die Faszination für einen Massenmörder, die Verherrlichung seiner Taten und die erklärte Absicht, ihn nachzuahmen.
Die Schwierigkeit bei der Prävention
Den Schweizer Behörden stehen verschiedene Mittel zur Verfügung, um Informationen zu sammeln, Personen zu überwachen und präventiv einzugreifen. Ihr Einsatz ist jedoch an klare gesetzliche Vorgaben gebunden. Denn wer sich im Internet lediglich kriminelle Inhalte anschaut, macht sich damit noch nicht strafbar. Die Herausforderung besteht darin, frühzeitig jene Personen zu erkennen, die zur Tat schreiten könnten – manchmal, ohne dass eine klare politische oder religiöse Motivation erkennbar ist.
Nach den Schüssen von Aubagne in Frankreich erhält die Warnung von Fedpol eine besondere Brisanz. Die Faszination für Massenmörder ist längst nicht mehr nur ein Phänomen, das im Ausland beobachtet wird: Auch die Schweiz ist davon betroffen. (fwa)
