Eskalation im All: Wie sich die Ukraine aus der Starlink-Abhängigkeit lösen will
Was ist passiert?
Die ukrainische Regierung sucht nach Wegen, um die dringend benötigte Satelliten-Kommunikation krisenfest und unabhängig zu machen. Am Donnerstag gab das ukrainische Verteidigungsministerium eine neue Partnerschaft bekannt. Es unterzeichnete eine Absichtserklärung mit zwei finnischen Tech-Giganten: dem Satellitenbetreiber Iceye und dem Telekommunikationskonzern Nokia.
Präsident Wolodymyr Selenskyj hatte das Abkommen vorab während des Besuchs des finnischen Ministerpräsidenten Petteri Orpo in Kiew verkündet und bezeichnete es gemäss «Kyiv Independent» als «wichtig für unsere Verteidigung und für die Widerstandsfähigkeit der Ukraine».
Was ist das Ziel des neuen finnisch-ukrainischen Abkommens?
Iceye und Nokia sollen der Ukraine helfen, ein eigenes, souveränes Satellitenkommunikationssystem aufzubauen.
Das geplante Netzwerk für die niedrige Erdumlaufbahn (LEO) soll vollständig unter ukrainischer Kontrolle stehen. Das bedeutet: Die Ukraine würde die Satelliten, die Bodenstationen und die Terminals selbst besitzen. Dadurch will die Regierung dauerhaft sicherstellen, dass die eigenen Truppen nicht plötzlich offline gehen, wenn sich politische Stimmungen oder Unternehmensstrategien im Ausland ändern.
Der CEO von Iceye, Rafal Modrzewski, sagte:
Das Unternehmen bezeichnet sich selbst als «europäischer Marktführer im Bereich souveräner Aufklärung aus dem Weltraum». «ICEYE» wurde vom Polen Rafał Modrzewski und dem Finnen Pekka Laurila gegründet. Es verfügt über Entwicklungs- und Produktionsstandorte in beiden Ländern.
Warum ist das nötig?
Weil die USA unter Präsident Donald Trump kein verlässlicher Partner mehr sind, versucht die ukrainische Regierung, mit europäischer Unterstützung ein eigenes Satelliten-Netzwerk aufzubauen. Ziel ist es, Starlink zu ergänzen oder mittelfristig ganz zu ersetzen. Denn der vom Techmilliardär Elon Musk und der US-Regierung kontrollierte Satelliten-Kommunikationsdienst ist für die Ukraine ein Sicherheitsrisiko.
Das System des US-Unternehmens SpaceX hat sich zwar als überlebenswichtig für die ukrainische Front-Kommunikation und Drohnensteuerung erwiesen, doch die Abhängigkeit ist zu einem massiven Problem geworden. Zuletzt wurde die Datenübertragung absichtlich gedrosselt.
Was wissen wir zur Starlink-Drosselung?
In jüngster Zeit kam es zu einer eigentlichen «Starlink-Krise» mit anhaltenden Ausfällen und starken Geschwindigkeitsdrosselungen bei der Datenübertragung.
Die Ukraine leidet seit Mitte Oktober unter massiven Verbindungsproblemen und einem von Elon Musks SpaceX eingerichteten «Tempolimit» (161 km/h) für die Starlink-Nutzung, was vor allem die Drohnensteuerung beeinträchtigt.
Anders als aus den USA zu hören ist, bestätigen ukrainische Offizielle, dass diese massiven Einschränkungen weiterhin bestehen. Kiew hat erkannt, dass lebenswichtige Waffensysteme nicht von den Entscheidungen oder Launen einer ausländischen Regierung abhängig sein dürfen.
Wie reagiert Russland?
Am 18. Oktober näherte sich der russische Militärsatellit «Kosmos-2612» dem Radarsatelliten «X36» von Iceye stark an. Der Abstand schrumpfte auf rund 200 Meter, möglicherweise sogar noch weniger. Da sich beide Flugkörper in rund 550 Kilometern Höhe mit fast 30'000 km/h bewegen, ist ein solches Manöver hochgefährlich. Experten sprachen von einer neuen Qualität der Eskalation, da solche Operationen normalerweise nur mit eigenen oder verbündeten Satelliten durchgeführt werden, nicht aber mit fremden.
Die private Schweizer Weltraum-Überwachungsfirma s2a Systems veröffentlichte auf der Social-Media-Plattform X eine Aufnahme der Verfolgungsjagd im All.
Warum hat Russland den finnischen Satelliten ins Visier genommen?
Der Satellit «X36» liefert hochauflösende Radarbilder der Erdoberfläche – und das auch nachts und bei schlechtem Wetter. Es ist sehr wahrscheinlich, dass die ukrainischen Streitkräfte diese Aufnahmen zwecks Aufklärung nutzen.
Da die Ukraine über fast keine eigenen Militärsatelliten verfügt, kauft sie Daten von kommerziellen Anbietern, was oft von westlichen Unterstützerländern finanziert wird. So hat beispielsweise Deutschland Iceye zusammen mit dem deutschen Rüstungskonzern Rheinmetall beauftragt, Satellitenbilder für die ukrainische Regierung zu liefern.
Plant Russland einen Angriff im Weltraum?
Das ist unklar. Fachleute können nicht mit Sicherheit sagen, ob das dichte Auffahren eine blosse Provokation, ein Test oder die Vorbereitung einer handfesten Attacke ist.
Sicher ist jedoch: Sollte Russland den Satelliten behindern – etwa per Laser oder Störsender – oder gar abschiessen, könnte das gemäss Einschätzung von Fachleuten verheerende Folgen haben. Eine Kollision würde eine unkontrollierbare Trümmerwolke erzeugen. Durch einen Schneeballeffekt könnten weitere Satelliten zerstört und die betroffene Umlaufbahn für alle unbrauchbar werden.
Quellen
- kyivindependent.com: Amid Starlink crisis, Finnish tech giants announce plan to help Ukraine build its own sovereign satellite system (23. Oktober)
- iceye.com: ICEYE and Nokia partner to launch secure and sovereign satellite communications for governments and defense customers (22. Oktober)
- spiegel.de: Jagdszenen im Weltraum (20. Oktober)
