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Analyse: Was Finnland bei der Verteidigung besser macht als die Schweiz

epa13094018 President of Finland Alexander Stubb arrives at Esenboga Airport ahead of the 2026 NATO Heads of State and Government Summit in Ankara, Turkiye, 07 July 2026. The summit will take place on ...
Der finnische Präsident Alexander Stubb steht für eine klare Haltung in einem zunehmend unsicheren Europa.Bild: keystone
Analyse

Was Finnland bei der Verteidigung besser macht als die Schweiz

Die Eidgenossenschaft sonnt sich im Mythos ihrer wehrhaften Neutralität und der legendären Bunker. Doch der Blick nach Nordeuropa zeigt: Es geht auch anders.
06.09.2026, 12:0007.09.2026, 12:16

Während wir hierzulande in neutralitätspolitischen Grundsatzdebatten verstrickt sind, präsentiert sich Finnland als pragmatisch und bestens gerüstet gegen die Bedrohung durch das imperialistische Russland. Und gleichzeitig gelten die Nordländer auch als glücklichstes Land der Welt.

Dieser Beitrag geht der Frage nach, was wir Schweizer bei den ehemals neutralen Finnen abschauen könnten. Und das bezieht sich nicht nur auf die Sauna! 😉

«Jetzt wissen wir, dass es eine Todeszone von 40 Kilometern gibt. Panzer, die weniger als 40 Kilometer weit schiessen, braucht man also nicht mehr.»
Alexander Stubb, finnischer Präsident und Oberbefehlshaber der Streitkräfte
Finnish soldiers in their winter camouflage attend the NATO arctic exercises Cold Response 26 at the in Rovajarvi Training Area in Rovaniemi, Finland, Tuesday, March 17, 2026. (AP Photo/Aino Vaananen) ...
Finnische «Kriegsbemalung» ...Bild: keystone

Sicherheitspolitische Illusionen sind gefährlich

Finnland teilt eine mehr als 1300 Kilometer lange Grenze mit Russland. Helsinki hat sich jedoch nie der Illusion hingegeben, dass Neutralität oder wirtschaftliche Verflechtungen einen verlässlichen Schutzschirm bieten, wenn ein Staat mehr oder weniger offen imperialistische Ziele verfolgt.

Die Armee muss in Friedenszeiten stark bleiben

Während fast ganz Europa – auch die Schweiz – nach dem Kalten Krieg die militärischen Kapazitäten massiv abbaute, behielt Finnland seine starke Wehrpflichtarmee und die grossen Reserven bei. Man liess die Deckung nie fallen.

Kleine Staaten sind nur gemeinsam stark

Im Winterkrieg 1939 stand Finnland beim Angriff der Sowjetunion völlig allein da. Dieses Trauma ist bis heute tief im nationalen Bewusstsein verankert. Finnland weiss: Isolation ist gefährlich. Die Schweiz hingegen verklärt den Alleingang während der Weltkriege bis heute als Erfolgsmodell.

Nach dem russischen Einmarsch in die Ukraine stieg die Zustimmung für einen NATO-Beitritt im neutralen Finnland rasend schnell von rund 50 Prozent auf über 80 Prozent. Man gab die jahrzehntelange Bündnisfreiheit über Nacht auf – ein undenkbares Tempo für die Schweizer Politik, die sich selbst bei kleinen Annäherungen an die NATO schwertut.

PS: Finnland gilt mit weniger als 6 Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern als sehr dünn besiedelt.

Keine Deals mit dem Aggressor

Finnische Unternehmen haben sich zu fast 100 Prozent aus dem Russlandgeschäft zurückgezogen, was in den Grenzregionen zu drastischen wirtschaftlichen Einbussen führte. Dieser Schmerz wird als Preis für die Sicherheit akzeptiert – ein Kontrast zur Schweiz, wo die grösste Partei alle Wirtschaftssanktionen gegen Putin und Co. verbieten möchte.

In Finnland geht man wegen einschlägiger Erfahrung davon aus, dass der Bruch mit Russland dauerhaft ist. Ein «Zurück zur Normalität», wie es Teile der Schweizer Wirtschaft oder Politik vielleicht erhoffen, gilt in Helsinki unabhängig vom Ausgang des Krieges als praktisch ausgeschlossen.

Landesverteidigung geht wirklich alle an

Wie die Schweiz hat auch Finnland traditionell eine allgemeine Wehrpflicht. Doch die Landesverteidigung wird dort viel breiter verstanden, als ständige Aufgabe und patriotische Pflicht für Männer und Frauen jeglichen Alters.

In Finnland besteht ein dichtes Netz aus militärischer, ziviler und wirtschaftlicher Verantwortung. Jeder finnische Bürger weiss, welche Rolle er oder sie im Krisenfall spielt, unabhängig davon, ob man eine Uniform trägt oder nicht.

«Die Ukraine weiss viel mehr über moderne Kriegsführung als wir alle zusammen.»
Alexander Stubb

Bunker sind Alltag, keine Museen

Die Schweiz ist bekannt für ihre Bunker, die im Kalten Krieg gebaut wurden, aber Finnland nutzt sie tagtäglich. Unter der Hauptstadt Helsinki existieren Anlagen für 900'000 Menschen (bei 700'000 Einwohnern). Diese werden im Frieden als Eishallen, Schwimmbäder oder riesige Indoor-Spielplätze vermietet. Eine solche Dual-Use-Strategie hält die Anlagen kostengünstig, modern und bei der Bevölkerung präsent.

Wer der Ukraine militärisch hilft – profitiert von ihrem Know-how

Pro Kopf ist Finnland einer der grössten Beitragszahler und Unterstützer der Ukraine bei militärischer Ausrüstung, lernt aber auch direkt von den Verteidigern.

Die Finnen liefern Waffen wie etwa Drohnen und profitieren im Gegenzug vom unschätzbar wertvollen Praxiswissen aus dem modernen Stellungskrieg. Der Schweiz hingegen bleibt dieser essenzielle Wissenstransfer durch das strikte Kriegsmaterialgesetz und die Exportverbote verwehrt.

Alexander Stubb, der finnische Präsident:

«Ich sage schon lange, dass die Ukraine zu Beginn des Krieges Europa und unsere Unterstützung brauchte, aber jetzt braucht Europa die Ukraine genauso sehr wie umgekehrt. Ich denke, genau das macht eine wahre Partnerschaft aus, denn natürlich weiss die Ukraine viel mehr über moderne Kriegsführung als wir alle zusammen.»

Es gilt die richtigen Lehren aus dem ersten Drohnen-Krieg zu ziehen

Der finnische Präsident sagte in einem aktuellen Interview mit einem ukrainischen Journalisten:

«Wir haben viel voneinander gelernt, in beide Richtungen. Viereinhalb Jahre sind eine lange Zeit im Krieg, es ist ein ganzes Leben. Wir haben so viel gelernt wie die Menschen vom Beginn bis zum Ende des Ersten Weltkriegs und vom Beginn bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs.»

Man habe unter anderem gelernt, dass es eine «Todeszone» von 40 Kilometern gebe an der Front. Panzer, die weniger als 40 Kilometer weit schiessen, brauche man also gar nicht mehr.

Militärische Stärke und Gelassenheit

Finnlands Truppen sind Spezialisten für den Kampf unter extremsten Bedingungen, bei bis zu minus 40 Grad und tiefem Schnee. Sie bilden heute als Speerspitze sogar amerikanische und kanadische NATO-Truppen in der Arktis aus.

Das finnische Überlebenstraining fokussiert sich stark auf mentale Stärke. Die goldene Regel, wenn man mit voller Ausrüstung in ein gefrorenes Gewässer einbricht, lautet: keine Panik. Und anschliessend geht's möglichst rasch in die Sauna. Diese tiefenentspannte, aber hochkonzentrierte Haltung prägt die ganze finnische Verteidigungsdoktrin.

Präsident Alexander Stubb sagt:

«Wir Finnen und Ukrainer verstehen das eine oder andere vom Winter. Das bedeutet, dass wir Energieinfrastruktur, Generatoren und Dieselmotoren bereitstellen müssen. Wir müssen sicherstellen, dass russische Angriffe auf die Energieinfrastruktur die ukrainische Gesellschaft nicht zu hart treffen. Ich denke, wir sind in diesem Krieg in einer viel besseren Position, aber das bedeutet nicht, dass wir unachtsam werden sollten. Ganz im Gegenteil: Wir müssen den Druck erhöhen.»

Keine Panik im hybriden Krieg

Russland testet Finnland schon lange unter der Schwelle des offenen Krieges. Im Rahmen seiner hybriden Kriegsführung schickte Putin massenhaft illegale Migranten, um das Nachbarland zu destabilisieren. Regelmässig gibt es GPS-Störungen, aber auch Sabotage an Unterseekabeln.

Die finnische Gesellschaft gerät deswegen nicht in Panik. Politik und Bevölkerung lassen sich nicht verunsichern und schon gar nicht von der Ukraine-Unterstützung abbringen.

Der finnische Präsident erklärt:

«Die Strategie Russlands besteht darin, einzuschüchtern und durch Desinformation und Sabotage Zweifel zu säen. Man muss geistig stark sein, um damit umzugehen. In Finnland sind wir an diese Art von Aktivitäten ziemlich gewöhnt und konnten sie ganz gut abwehren. Cyber-Bedrohungen sind ein weiterer Aspekt.»

Hybride Kriegsführung finde normalerweise unter dem Radar statt, sei es im Meer, durch Sabotage oder bezahlte Aktionen, sagt Alexander Stubb. Oft sei es schwer, das überhaupt zuzuordnen. Man müsse einfach eine widerstandsfähige Gesellschaft haben, die in der Lage sei, richtig zu reagieren.

Vorbereitung stärkt das Gemeinschaftsgefühl

Forscher vermuten, dass das hohe Glücksniveau der Finnen – acht Jahre in Folge auf Platz 1 aller Länder – direkt mit ihrer Sicherheitskultur zusammenhängt. Die kollektive Vorbereitung auf eine von aussen kommende Bedrohung schaffe einen starken gesellschaftlichen Zusammenhalt und das beruhigende Gefühl: Man schützt sich gegenseitig.

Quellen

Das Video zeigt ein sehenswertes Interview von Alexander Stubb mit einem ukrainischen Journalisten:

Der US-Journalist Johnny Harris berichtete 2025 über die Widerstandsfähigkeit der Finnen – militärisch und zivil:

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