Amerikanischer YouTuber veräppelt SBB wegen uralter Windows-Software – und haut daneben
Als der amerikanische YouTuber zu einem Besuch in der Schweiz weilt und im Zürcher Hauptbahnhof an einer ausgefallenen SBB-Fahrplananzeige vorbeigeht, juckt es ihn in den Fingern. Er macht ein schnelles Video.
Bei YouTube titelt er reisserisch:
Natürlich ist das nicht ernst gemeint. Beim Publikum und speziell den Schweizer Fans trifft das mit einer weiblichen Begleitung gedrehte Filmchen ins Schwarze. Es wurde bereits über 330'000 Mal aufgerufen und intensiv kommentiert.
watson hat nachgeforscht.
Wer ist das?
Louis Rossmann ist ein weltweit bekannter Aktivist für das «Right to Repair», also das Recht auf Reparatur.
Der inzwischen 37-jährige Amerikaner war schon in jungen Jahren bei YouTube aktiv. Mit verständlichen Reparatur-Anleitungen für PCs – insbesondere MacBooks.
Zu Beginn streamte er stundenlange Live-Reparaturen direkt von seinem Arbeitsplatz aus. So versuchte er Technikinteressierten rund um den Globus zu zeigen, dass man defekte Teile austauschen kann, statt alles wegzuwerfen.
Mittlerweile hat Rossmann bei YouTube an die 2,6 Millionen Abonnentinnen und Abonnenten. Seine beachtliche Reichweite nutzt er weiterhin für sein Hauptanliegen, die Rechte der Konsumentinnen und Konsumenten zu stärken.
Was hat es mit dem Video auf sich?
Auf einem defekten SBB-Informationsbildschirm im Zürcher Hauptbahnhof (HB) prangt statt der zu erwartenden Zugsabfahrten eine graue Windows-Fehlermeldung.
Absturz wegen Arbeitsspeicher-Fehler: Ein Programm-Absturz hat den klassischen Windows-Desktop freigelegt. Rossmann regt sich im Scherz darüber auf, dass er den «Papierkorb» mangels Touchscreen nicht leeren kann.
Kritik an den SBB: Rossmann und seine weibliche Begleitung machen sich darüber lustig, dass die SBB für eine simple Zuganzeige ein mutmasslich veraltetes Windows-Betriebssystem anstelle eines effizienteren Systems verwenden.
Sicherheitsbedenken: Der YouTuber weist scherzhaft auf mögliche Gefahren hin, da das System wohl veraltet sei und keine regelmässigen Updates mehr erhalte.
Was steckt dahinter?
Rossmann hat in der Sache übertrieben.
Tatsächlich ist der Aufhänger des Videos technisches Unwissen, gepaart mit einem Clickbait-Titel.
Auf Anfrage von watson bestätigt SBB-Mediensprecher Moritz Weisskopf, dass es sich bei der ausgefallenen Fahrplananzeige um einen «Betriebslagemonitor» (BLM) handelt.
Der SBB-Sprecher darf nicht sagen, welches Windows-Betriebssystem dabei zum Einsatz kommt und wie lange es noch Sicherheits-Updates vom Hersteller erhält.
Es ist anzunehmen, dass solche Anzeigetafeln in komplett isolierten Netzwerken (sogenannten VLANs) ohne direkten Internetzugang betrieben werden. Damit ist Panikmache bezüglich fehlender Sicherheitsupdates unbegründet – selbst wenn es ein veraltetes Windows 10 oder Windows 7 wäre.
Die SBB setzen bei dem Kiosk-Modus fürs Anzeigen der ÖV-Informationen auf den Firefox-Browser. Und dort ist auch der Grund für den Anzeigefehler zu suchen.
Die Fehlermeldung «Computer has ran out of working memory» (Arbeitsspeicher ist voll) ist ein typisches Symptom für ein Speicherleck bei Webbrowsern im Dauerbetrieb.
Firefox lädt im sogenannten Kiosk-Modus über Tage oder Wochen hinweg permanent Live-Daten wie Zugverspätungen oder Gleisänderungen nach. Wenn aber der nicht mehr benötigten Speicherplatz nicht sauber freigegeben wird, kommt es früher oder später zum Programm-Absturz.
Der Browser-Prozess bläht sich immer weiter auf, bis der gesamte Arbeitsspeicher (RAM) des PCs belegt ist. Dann greift ein Schutzmechanismus von Windows ein: Das Betriebssystem beendet kurzerhand den Prozess, der am meisten Speicher verbraucht, damit es nicht komplett einfriert.
Weil Firefox zwangsbeendet wird, schliesst sich das Vollbild – und deshalb sehen Rossmann und seine Begleitung plötzlich den nackten Windows-Desktop mit Papierkorb.
Was lernen wir daraus?
1. Der YouTuber hat zwar einen echten und peinlichen Fehler bei der SBB-Fahrplaninformation gefilmt hat. Die daraus gezogenen Schlüsse waren aber falsch. Weder ist Windows per se die falsche Wahl für solche Kiosk-Systeme, noch liegt ein akutes Sicherheitsrisiko für den Schweizer ÖV vor.
Laut SBB-Sprecher Moritz Weisskopf handelt es sich um einen wenig verbreiteten Monitortyp, der Fehler sei «bisher kaum aufgetreten» und könne rasch behoben werden.
2. Der YouTube-Fuchs Rossmann wusste ganz genau, was er tat. Ein Clickbait-Titel provoziert viele Reaktionen von Leuten, die widersprechen wollen. Der YouTube-Algorithmus unterscheidet nicht zwischen zustimmenden Reaktionen und Korrekturen – die Plattform registriert nur ein massives Engagement und verbreitet das Video noch stärker.
3. Sarkasmus und Ironie werden im Internet häufig missverstanden – wie sehr wahrscheinlich die meisten watson-User auch schon aus der Kommentarspalte wissen.
Einen Tag nach der Veröffentlichung des YouTube-Videos nimmt Rossmann im Kommentarbereich Stellung.
Und weiter:
