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Nachruf

Kaiser Franzl ist tot. Er verdankte Leben und Karriere der Schweiz

Der österreichische Schauspieler Karlheinz Böhm verstarb Donnerstagnacht. Seine Karriere war kitschig, aber auch avantgardistisch.
30.05.2014, 14:2023.06.2014, 10:23

Es ist kaum zu glauben bei all der altbackenen Wiener-Walzer-Seligkeit, die heute so stockfleckig über seinem Frühwerk liegt. All die «Sissi!»-«Franzl!»-«Sissi!»-Seufzer. Dass nämlich Karlheinz Böhm zeitlebens eine grosse Getriebenheit, eine Weltoffenheit und ein politisches Gewissen hatte. Als er zwölf Jahre alt war, da besorgten ihm seine Eltern ein gefälschtes Arztzeugnis – er wurde darin für tuberkulosekrank und damit kriegsdienstuntauglich erklärt – und verfrachteten ihn in die Schweiz, wo er bis Kriegsende im Lyceum Alpinum in Zuoz in Sicherheit blieb. Er verdanke der Schweiz sein Leben, sagte er bis zuletzt. 

Zürich besuchte er zum ersten Mal 1943, da dirigierte sein Vater Karl Böhm am Opernhaus «Tristan und Isolde». Und der 15-jährige Karlheinz wunderte sich, weil in Zürich die Informationen über den Krieg so unzureichend waren. Dass Deutschland während des Wirtschaftswunders nicht mit dem Faschismus abrechnete, das verzieh er nicht. Die Schweiz wurde für ihn noch einmal zum Refugium, er lebte in den 60er-Jahren mit seiner zweiten Frau und seinen drei Kindern sieben Jahre lang im Tessin. Das Tessin war damals ein Mini-Hollywood Mitteleuropas, das Klima erlaubte Aussenaufnahmen das ganze Jahr über, italienische und französische Filmschaffende, die Deutschland boykottierten, kamen gerne an die glamourösen Ufer der Seen, und neben Böhm residierte auch auch seine Film-Sissi Romy Schneider dort. 

Die Frau also, mit der er sich bis heute eingraviert hat in das Märchenreich der Weihnachtsfilme, das Kitsch-Traumpaar schlechthin, zwei Königskinder der absoluten K.u.k.-Prachtentfaltung und das äusserst populäre Manifest der deutschen Filmindustrie, dass es vor Hitler bessere Herrscher in Österreich gegeben habe. Mitfühlend und menschlich in allem und so lieblich und bieder, wie es Kaiser Franz Joseph und Kaiserin Elisabeth im echten Leben nie gewesen sein dürften. Besonders Elisabeth war ja als depressive, tätowierte Nymphomanin weitherum verrufen. 

Böhm mit Romy Schneider im Mai 1955.
Böhm mit Romy Schneider im Mai 1955.
Bild: AP

«Ich weiss nicht, wie viel Prinzen, Fürsten, Könige und Kaiser ich damals hätte spielen sollen. Wirklich gute Angebote kamen nicht mehr», sagte Böhm einmal. Und so, wie sich Romy Schneider für den Rest ihrer Karriere zu den italienischen und französischen Avantgardefilmern flüchtete, floh auch Böhm erneut, nach England, Frankreich und nach Hollywood, wo er 1960, knapp 32-jährig, die schwärzeste und interessanteste Rolle seiner Karriere spielte: Den Psychopathen mit der Kamera in «Peeping Tom», ein Prostituiertenmörder, der die Todesangst seiner Opfer filmt. Ein Perverser mit einem netten Bubengesicht, der sich rächt für die brutalen emotionalen Experimente, die ihm sein Vater in der Kindheit angetan hat. Damals war der Film ein grandioser Misserfolg, heute ist er ein Klassiker, der kleine Bruder von Hitchcocks gleichzeitig entstandenem «Psycho». 

Ein Ausschnitt aus «Martha».

Noch einmal spielte Karlheinz Böhm den Sadisten, es schien dies die beste Therapie gegen seine «Sissi»-Psychose zu sein, jetzt wieder in Deutschland, es war in den Siebzigern und Karlheinz Böhm schloss sich Rainer Werner Fassbinder an, dem jungen Wilden und politisch Radikalen des deutschen Films. «Martha» heisst 1974 das total verstörende Ergebnis ihrer Zusammenarbeit, Böhm spielt da den Sadisten zu Margit Carstensens Masochistin, und konnte man seine Figur in «Peeping Tom» noch halbwegs mit den Missbrauchsszenarien der Kindheit rechtfertigen, so spielt er bei Fassbinder das Böse schlechthin. Einen eiskalten Mörder, Katzenquäler, Folterer. Der kratzige Wollpullover, den er Carstensen über einen absichtlich zugefügten, monströsen Sonnenbrand anzuziehen zwingt, verursacht auch heute noch körperliche Schmerzen beim Zuschauen. 

1976 verordneten die Ärzte dem lungenkranken Böhm eine Kur in Kenia. Er liess sich von einem der Angestellten seines Luxushotels die Armut der Einheimischen zeigen und war erschüttert, als er sah, wie sich ganze Familien nur von weggeworfenen Fischköpfen ernähren konnten. 1981 gründete er die Hilfsorganisation «Menschen für Menschen» gegen den Hunger in der Sahelzone, 1984 ergangierte er sich für Bob Geldofs «Band Aid»-Projekt, 1991 heiratete er die 36 Jahre jüngere äthiopische Agrarexpertin Almaz Böhm, die heute «Menschen für Menschen» leitet. 

Karlheinz Boehm in dem aethiopischen Dorf Nagaya am 11. März 1993. Böhm hatte sich von Film und Bühne endgültig verabschiedet.
Karlheinz Boehm in dem aethiopischen Dorf Nagaya am 11. März 1993. Böhm hatte sich von Film und Bühne endgültig verabschiedet.
Bild: AP/KEYSTONE

Dass Karlheinz Böhm im Alter persönlich sonderlich reich gewesen wäre, lässt sich nicht behaupten, seine Rente vom deutschen Bühnenverband betrug beim Eintritt ins Pensionsalter 380 Mark, sein Vater hatte ihm keinerlei Vermögen hinterlassen. 

Letztes Jahr wurde bekannt, dass Böhm an Alzheimer erkrankt ist. Am Donnerstag ist er nun mit 86 Jahren in seinem Haus in Gröding bei Salzburg verstorben. Er hinterlässt gut 45 Filme und sechs Kinder von vier Frauen. Und im Himmel, da kann er sich dann endlich mit dem echten Franz Joseph und dessen Elisabeth darüber unterhalten, wie es wirklich war zu Wien in der Hofburg und in Schloss Schönbrunn. Und mit Romy Schneider natürlich. Und wenn die Engel besonders lieb sind, werden sie ihnen gewiss die Szene vorspielen, wo der Franzl der Sissi auf dem Weg zum Grossglockner ein Edelweiss pflückt.

Danke, Karlheinz Böhm!
Danke, Karlheinz Böhm!
Bild: APA
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