Ärzte ohne Grenzen entlassen 18 Mitarbeiter nach Missbrauchsskandal im Tschad
Die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen (MSF) hat ein gravierendes Muster sexuellen Missbrauchs unter ihren eigenen Mitarbeitenden im Tschad aufgedeckt.
Ein vertrauliches internes Dokument, das der Nachrichtenagentur Associated Press (AP) vorliegt, enthält 59 Vorwürfe – darunter sexuelle Belästigung, Ausbeutung und Missbrauch weiblicher Flüchtlinge. In mehreren Fällen seien minderjährige Mädchen ins Visier genommen worden. Lebensmittel, Wasser und Jobs seien im Gegenzug für Sex angeboten worden.
Die Vorfälle ereigneten sich in Lagern für Vertriebene an der Grenze zum Sudan, wo Hunderttausende Menschen auf der Flucht vor dem andauernden Bürgerkrieg Schutz suchen. Der Bericht verweist auf einen Abschnitt eines Flüchtlingslagers, in dem Mitarbeitende gezielt nach Mädchen gesucht haben sollen.
Nicht nur Geflüchtete
Gemeindevorsteher, eine Art Vertreter der lokalen Gemeinschaft, reagierten mit einer Ausgangssperre, um junge Mädchen daran zu hindern, MSF-Mitarbeitende aufzusuchen. In einem besonders schweren Fall wurden sieben Mädchen unter dem Vorwand einer Fahrt zur Wasserverteilungsstelle in einem MSF-Fahrzeug an einen anderen Ort gebracht, wo sie sexuellem Missbrauch ausgesetzt worden seien.
Nicht nur Geflüchtete, sondern auch tschadische Mitarbeiterinnen der Organisation waren betroffen. Ihnen sei mit Jobverlust gedroht worden, wenn sie sich sexuellen Forderungen von Vorgesetzten oder Kollegen widersetzten. Viele Opfer zögerten, den Missbrauch zu melden – aus Angst, ihre Arbeit oder den Zugang zu humanitärer Hilfe zu verlieren.
Laut des Berichts gab die Hälfte von einem Dutzend Gemeindevorstehern an, den Missbrauch nicht gemeldet zu haben, obwohl ihre eigenen Töchter oder Schwestern betroffen gewesen seien.
18 Entlassungen
Die Ermittlungen waren im Herbst 2024 eingeleitet worden, nachdem AP erstmals über entsprechende Vorwürfe berichtet hatte. 18 Mitarbeitende wurden inzwischen entlassen. In weiteren Fällen konnten die Vorwürfe nicht verifiziert oder die mutmasslichen Täter nicht identifiziert werden.
Als Mitursache nennt die AP dringenden Personalbedarf und fehlende Referenzprüfungen, was zur Anstellung von Personen mit einer Vorgeschichte des Fehlverhaltens geführt habe. Der Bericht empfiehlt unter anderem strengere Referenzprüfungen sowie eine Datenbank für Personen mit Einstellungsverbot. MSF räumte ein, dass ähnliche Vorwürfe bereits früher aufgetreten seien – etwa beim Ebola-Ausbruch im Kongo 2021 – und sich seither wenig geändert habe. Die gemeldeten Fälle seien ein schwerer Verstoss gegen die Werte der MSF, hiess es in einer Stellungnahme. (val)
