Der Fluch von Donalds bösen Taten
Die Milwaukee Brewers sind ein klassischer Underdog im US-Profisport. Das Team aus Wisconsin vertritt den wirtschaftlich schwächsten Markt in der Baseballliga MLB. Letzte Woche aber gelang den Brewers der grosse Coup: Erstmals gewannen sie die World Series und damit den Meistertitel mit einem 4:1-Finalsieg gegen die Tampa Bay Rays aus Donald Trumps Wahlheimat Florida.
Die Demokratische Partei lässt sich kaum als Underdog bezeichnen, nur schon wegen des Zweiparteiensystems. In den letzten zwei Jahren aber musste sie sich in Washington als solche fühlen. Die Republikaner kontrollierten mit Donald Trump das Weisse Haus sowie beide Kammern im Kongress. Die Demokraten waren nicht nur machtlos, sie wirkten hilflos.
Die USA haben gewählt – die Senate-Resultate
Stand: 04.11.2026 - 14:06 Uhr
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CNN •Grafik:
watsonBis Dienstag. Die Zwischenwahlen waren wie so oft eine Abrechnung mit dem amtierenden Präsidenten. Dieses Mal waren sie eine knallharte, brutale Klatsche für Donald Trump. Und ein Triumphzug ohnegleichen für die Demokraten. Sie eroberten die Mehrheit in Senat und Repräsentantenhaus und übertrafen die kühnsten Prognosen.
Texas wird blau
«Wir erleben einen Tsunami», sagte ein republikanischer Kadermann gegenüber Politico. Ein anderer sprach von der schlimmsten Wahlniederlage seines Lebens «und vermutlich der Geschichte». Die Grand Old Party (GOP) verlor Mandate, mit denen kaum jemand gerechnet hatte, zum Beispiel den Senatssitz in South Carolina und das Gouverneursamt in Texas.
Überhaupt Texas. Seit Jahren träumen die Demokraten davon, den konservativen Cowboystaat blau oder zumindest violett einzufärben. Jetzt haben sie es geschafft, mit dem neuen Senator James Talarico und Gouverneurin Gina Hinojosa. Auch die Landkarte für das Repräsentantenhaus zeigt deutlich mehr blaue als rote Wahlkreise.
Der Latino-Backlash
Ganz überraschend kam dies nicht. Schon bei der vorzeitigen Stimmabgabe zeichnete sich eine Rekordbeteiligung der Latinos ab. Sie hatten vor zwei Jahren in grosser Zahl Donald Trump gewählt und sind nun scharenweise zu den Demokraten übergelaufen. Das liegt auch am brutalen Vorgehen von ICE gegen «illegale» Migranten, überwiegend Latinos.
Damit wäre der Hauptgrund für den blauen Tsunami angesprochen. Donald Trump hat so gut wie alle Versprechen gebrochen, mit denen er 2024 gewonnen hatte. Er hat die Südgrenze zu Mexiko weitgehend verriegelt, was viele Amerikaner gut finden. Die Razzien von ICE aber finden viele gar nicht gut, denn sie schaden der Wirtschaft, etwa den Farmern.
Iran-Krieg und Teuerung
Es dürfte teilweise erklären, warum die Republikaner die Senatssitze in den agrarischen Mittelweststaaten Iowa und Kansas verloren haben. In Kansas siegten die Demokraten erstmals seit fast 100 Jahren bei einer Senatswahl, auch das ist historisch. Und selbst in den Südstaaten Louisiana und Mississippi ist das Rennen für die Republikaner unerwartet eng.
Kein Wunder: Donald Trump hat nicht nur in der Migrationspolitik überbordet. Er hat einen idiotischen Krieg gegen den Iran begonnen und die schon hohe Teuerung verschärft. Womit er bei zwei für die Amerikaner zentralen Themen das Gegenteil von dem gemacht hat, was er bei seiner zweiten Vereidigung im Januar 2025 angekündigt hat.
Schamlose Korruption
Die Lebenshaltungskosten sind zur schweren Belastung geworden, nicht nur für Bedürftige, denen mit der «Big and beautiful»-Bill Beihilfen bei Lebensmitteln und der Krankenkasse Medicaid gestrichen wurden. Auch im Mittelstand fragen sich viele an der Zapfsäule, ob das Geld für eine ganze Tankfüllung reicht, während Trump die satten Gewinne der Ölkonzerne bejubelt.
Rund 70 Prozent der Amerikaner finden, Trump habe bei der Kaufkraft versagt. Und ein weiteres Thema ist in den letzten Wochen nach oben geschnellt: die schamlose Korruption des Präsidenten und seines Umfelds. So steht Donald Trump unter Verdacht des verbotenen Insiderhandels mit Aktien von Boeing, Exxon-Mobil und Nvidia.
«Buyer's Remorse» in grossem Stil
Er hat damit Millionen einkassiert, während viele Landsleute kaum wissen, wie sie bis zum Monatsende über die Runden kommen. Ohnehin kümmert Trump sich fast nur noch um seine Hinterlassenschaft als grösster Präsident aller Zeiten und Welten, mit Prunkbauten in Washington. Selbst der Iran-Krieg kann damit interpretiert werden.
Man kann den blauen Tsunami bei den Midterms als «Buyer's Remorse» in grossem Stil interpretieren. Viele bereuen, dass sie Trump 2024 erneut gewählt haben. Dazu passt, dass gemäss Politico auch Wahlkreise mit grossem MAGA-Bevölkerungsanteil nach links gedriftet sind. Nun kann ihm der Kongress in den nächsten zwei Jahren das Leben schwer machen.
Ruhig und reibungslos
Nun akzeptiert er offenbar das Resultat. «Ich war nicht auf dem Wahlzettel», begründete Trump die Riesenschlappe noch in der Wahlnacht gegenüber den Medien. Womit der Dauerlügner für einmal nicht ganz unrecht hat. Bei den Präsidentschaftswahlen 2016, 2024 und sogar 2020 schnitt er jeweils besser ab, als die Umfragen erwarten liessen.
Die schlimmsten Befürchtungen haben sich jedenfalls nicht bewahrheitet. Die Wahl am Dienstag verlief überwiegend ruhig und reibungslos, abgesehen von Pannen, die fast unvermeidlich sind. Es ist anzunehmen, dass das Justizministerium einige Resultate mit Klagen anzufechten versucht. Das aber dürfte höchstens zu Verzögerungen führen.
Ein alternder Silberrücken
Es ist dennoch anzunehmen, dass Donald Trump in den nächsten zwei Jahren noch unberechenbarer und gefährlicher wird, was die Europäer zu spüren bekommen dürften. Er werde sich «wie ein alternder Silberrücken» aufführen, fürchtet der «Economist». Als Narzisst kann er kaum anders. Und dennoch: Trumps Winnerimage ist ausradiert.
«Das eben ist der Fluch der bösen Tat, dass sie, fortzeugend, immer Böses muss gebären», heisst es in Friedrich Schillers «Wallenstein». Im Fall von Donald Trump lässt sich das Gegenteil behaupten: Seine bösen Taten sind ihm um die Ohren geflogen. Nach dem Frust von 2024 lässt sich feststellen: Amerikas Demokratie ist nicht verloren.
