Eine Mission Impossible für J.D. Vance
In den verschiedenen Episoden von «Mission Impossible» muss Tom Cruise eine Reihe von Aufgaben erledigen, die nach menschlichem Ermessen und den Gesetzen der Physik nicht zu erledigen sind. Selbstredend triumphiert Cruise letztlich doch. Damit kann J.D. Vance nicht rechnen. Der US-Vize wurde von Donald Trump auf eine Mission Impossible geschickt, die sämtlichen Gesetzen der Politik widerspricht.
Vance muss mit dem Iran einen Friedensvertrag aushandeln nach einem Krieg, der für die USA in einer Blamage geendet hat.
Aufgestachelt von Israels Premierminister Benjamin Netanjahu hat Trump den Angriff auf Teheran befohlen. Nachdem schon in den ersten Stunden ein Teil der iranischen Führung ausgelöscht worden war, wähnte sich der US-Präsident in der gleichen Situation wie nach der erfolgreichen Aktion gegen Venezuela, bei der der Diktator Nicolas Maduro gefangen genommen werden konnte, ohne dass ein einziger Tropfen amerikanischen Blutes vergossen wurde.
Im Hochgefühl verlangte Trump nicht weniger als die bedingungslose Kapitulation des Irans, den Verzicht auf die Anreicherung von Uran, die Herausgabe von rund 400 Kilogramm Uran, das bereits auf 60 Prozent angereichert und damit beinahe waffenfähig ist, den Verzicht auf Raketen und, weil ja alles so wunderbar läuft, auch einen Regime-Change.
Im Vorfeld haben Militärexperten Trump immer wieder gewarnt, dass sich die Situation im Iran nicht mit Venezuela vergleichen lasse. Vergeblich. Der Präsident hörte einmal mehr auf Netanjahu und seinen Bauch – und scheiterte auf der ganzen Linie.
Die Iraner taten genau das, was alle wussten, dass sie es tun würden: Sie sperrten die Strasse von Hormus und verhinderten so, dass rund 20 Prozent des globalen Öl- und Erdgasbedarfs den Persischen Golf verlassen konnten, mit der Folge, dass die gesamte Weltwirtschaft in eine Rezession zu schlittern drohte.
Das zeigte Wirkung, und wie. Der US-Präsident unterzeichnete im Schloss Versailles eigenhändig ein Memorandum of Understanding (MOU), eine vorläufige Vereinbarung, die es in sich hat: 60 Tage lang sollen die Waffen schweigen. In dieser Zeit muss ein definitiver Friedensvertrag ausgehandelt werden. Jetzt schon ist klar, dass dieser Vertrag zugunsten Teherans ausfallen wird.
Die Iraner erhalten rund 300 Milliarden Dollar, um ihr zerstörtes Land wieder aufzubauen. Wer genau dieses Geld spendet, ist unklar. Gleichzeitig werden weitere rund 100 Milliarden Dollar eingefrorenes iranisches Vermögen freigegeben. Die Sanktionen gegen die Iraner werden aufgehoben, sie dürfen jetzt ihr Öl wieder gegen US-Dollar verkaufen. Im Gegenzug geben sie die Strasse von Hormus frei, allerdings nur für 60 Tage. Sie dürfen auch einen Teil ihrer Raketen behalten und Uran für friedliche Zwecke anreichern.
Und was einen Regime-Change betrifft: Obwohl nach allgemeiner Einschätzung die neuen Machthaber noch radikaler sind als die alten Ajatollahs, ist davon nicht mehr die Rede. Im Gegenteil: Trump lobt sie als pragmatische und vernünftige Verhandlungspartner.
Das von Trump unterzeichnete MOU ist auf wenig Gegenliebe gestossen. In Israel muss Netanjahu jetzt um seine Wiederwahl fürchten. Yinon Magal, ein populärer TV-Moderator und enger Freund des Premierministers, beschimpft deshalb Vance als «Abschaum» und die beiden amerikanischen Unterhändler Steve Witkoff und Jared Kushner als «Verräter an den Juden». An den US-Präsidenten richtet er die Frage: «Warum gibst du Netanjahu die Schuld? Er hat immer einen totalen Sieg gewollt. Dass Trump auf halbem Weg umkehrt, ist nicht seine Schuld.»
Weit schlimmer für Trump ist hingegen der Aufruhr im eigenen Land, genauer in seiner eigenen Partei. Der republikanische Senator Bill Cassidy bezeichnet das MOU als «den schlimmsten Fehltritt in der Aussenpolitik seit Jahrzehnten». Der ehemalige Vize Mike Pence hat sich dagegen ausgesprochen. Selbst Ted Cruz, der Hardliner aus Texas, erklärt: «Ich hoffe, ja ich bete, dass wir den Iranern nicht 300 Milliarden Dollar zur Verfügung stellen.»
Selbst innerhalb von MAGA ist der Teufel los. Tucker Carlson, der Trump zusammen mit dem ermordeten Charlie Kirk immer wieder davon überzeugen wollte, keinen Krieg gegen den Iran anzuzetteln, ist mittlerweile so frustriert, dass er von den Republikanern nichts mehr wissen will.
All dies bringt Vance in arge Nöte. Er befindet sich zwischen Hammer und Amboss. Carlson und der ermordete Kirk haben Trump davon überzeugt, ihn zum Vize zu ernennen. Er selbst hat vor der Wahl in einem Gastkommentar den Präsidenten überschwänglich dafür gelobt, dass er keine Kriege anfange. Die «New York Times» hat auch enthüllt, dass er der Einzige war, der gegen den Krieg argumentiert hat.
Jetzt muss er diesen Krieg nicht nur verteidigen, sondern auch das MOU als grossen Sieg verkaufen. Dabei kann er sich nur lächerlich machen. So hat er die erste Runde der Gespräche auf dem Bürgenstock als «erfolgreiche Grundlage» bezeichnet. Konkret jedoch konnte er nur vorweisen, dass die Iraner zugestimmt hätten, wieder Inspektionen ihrer Atomanlagen zuzulassen. Das taten sie jedoch bereits unter dem Abkommen, das seinerzeit Präsident Barack Obama ausgehandelt hatte, genauso wie sie damals versprachen, niemals Atomwaffen produzieren zu wollen.
Trump hat seinen Vize auf die Mission Impossible mit den Worten geschickt: «Wenn er Erfolg hat, dann schmücke ich mich damit. Sollte er scheitern, dann schiebe ich die Schuld J.D. zu.» Das mag als Witz gemeint gewesen sein. Doch auch der Vize weiss, dass Trump keine Sekunde zögern wird, diesen Witz auch in die Realität umzusetzen.
Immerhin bleibt J.D. Vance ein Trost, wenn auch ein schwacher: Eine zweite Mission Impossible ist ihm erspart geblieben. Er muss nicht dafür sorgen, dass der Reflecting Pool vor dem Weissen Haus von Algen befreit wird. Allerdings, was nicht ist, kann noch werden. Der Vize ist mittlerweile zurück in Washington.
