«Bei uns ist jeder willkommen»: Warum die Amerikaner Schweizer Touristen vermissen
Es ist der letzte Abend auf unserer Erkundungstour durch den Südwesten der USA. Wir sitzen in einem Saloon am Eingang des Grand Canyon National Park in Tusayan. Auf der hölzernen Theke stehen Burger, so gross, dass sie kaum zwischen die Finger passen, daneben ein Berg French Fries und ein Bier, dessen Glas wegen des Temperaturunterschieds beschlägt. Aus dem Lautsprecher dröhnt Bruce Springsteens Hymne «Born in the U.S.A.». Mehr Klischee geht kaum.
Es sind diese Stereotype, die mich faszinieren und mich dazu bringen, die USA immer wieder zu bereisen. Sei es mit dem Velo entlang des Highways 101 von Washington bis an die mexikanische Grenze in Tijuana, mit dem Wohnmobil durch den Mittleren Westen, wandernd durch die Rocky Mountains. Oder sei es um, Zeit in den Metropolen New York und San Francisco zu verbringen.
Doch die Romantik wird gerade von politischen Spannungen getrübt. «Natürlich bekommen wir die Turbulenzen mit», sagt unsere Fahrerin Michelle. Auch auf unserer Reise von Las Vegas, durch Utah und Arizona, begleitet uns das Thema, aber nicht nur. Die Spielerstadt glitzert natürlich unvermindert, im Zion National Park wachsen Sandsteinwände wie Kathedralen in den Himmel und die Abgründe am Grand Canyon sind nach wie vor atemberaubend.
Bekanntschaft mit einem Original
Die Abendsonne färbt die Schlucht in jene Rot- und Ockertöne, die auf Postkarten oft übertrieben wirken – bis man sie mit eigenen Augen sieht. Fehlt eigentlich nur noch der Westernheld, der nach einem langen Ritt durch die Schwingtür des Saloons tritt. Stattdessen treffen wir Stoney.
Er trägt die wettergegerbten Züge eines Mannes, der in seinem bisherigen Leben definitiv mehr Zeit unter freiem Himmel als in Sitzungszimmern verbracht hat. Seine Stimme ist impulsiv, sein Händedruck fest, sein Humor trocken. Stoney – wie er sich allen vorstellt – ist nicht einfach Ranger oder Wanderführer. Er gehört zu den Menschen, die mit dem Gebiet, das zu den grössten Naturwundern zählt, untrennbar verbunden sind.
Seit mehr als vier Jahrzehnten begleitet er Besucherinnen und Besucher vom Rand des Grand Canyon auf dem steilen Pfad hinunter zum Colorado River. Rund 1800 Höhenmeter liegen zwischen Aussichtspunkt und Flussbett. «Ein Weg, der in Wanderführern gerne romantisiert wird, in Wirklichkeit aber Respekt verlangt», sagt Stoney.
Er hatte in all den Jahren noch keinen Unfall, sagt der 63-Jährige. Es ist kein Stolz, der mitschwingt, sondern die Gelassenheit eines Menschen, der weiss, wie wenig sich die Natur beeindrucken lässt – erst recht nicht von Dekreten in Washington D.C.
Reiselust leidet unter politischen Spannungen
Stoney verrät, dass er seine eigenen Ferien nicht in anderen Gegenden des Landes verbringt, geschweige denn im Ausland reist. Er campiert am liebsten in seinem National Park. Er kennt das Gebiet, das seit 1979 zum Unesco-Weltnaturerbe gehört, wie kein anderer. Kein Wunder, wird sein Name auf Bewertungsplattformen ausdrücklich erwähnt.
Besonders freue ihn auch, sagt er, wenn Gäste aus der Schweiz oder aus Deutschland wiederkämen. Gerade sie seien oft gut vorbereitet, interessiert und ausdauernd. Er sagt es mit einem «aber». Denn Schweizer Touristen bleiben derzeit häufiger aus.
Die Vereinigten Staaten kämpfen mit sinkenden Besucherzahlen. Nach Angaben der US-amerikanischen International Trade Administration wurden zwischen Januar und Ende April rund 94'000 Einreisen aus der Schweiz registriert. Das sind rund 17 Prozent weniger als im bereits schwachen Vorjahreszeitraum.
Hinter dieser Entwicklung stehen laut der Administration mehrere Faktoren: politische Spannungen, verschärfte Einreisebestimmungen, wirtschaftliche Unsicherheiten und eine spürbar veränderte Reiselust. Für manche sind die USA komplizierter geworden. Für andere schlicht weniger attraktiv. Selbst die Fussball-Weltmeisterschaft sorgte nicht für den erhofften Schub.
Der lange Weg zurück zur Normalität
Eine Entwicklung, die Greg Clifton ebenfalls bedauert. «Bei uns ist jeder willkommen. Sagen Sie das bitte bei Ihnen zu Hause», betont er. «Wir sind ein gastfreundliches Land. Leider aber leben wir gerade in einer zunehmend polarisierten Welt.» Clifton kennt beide Seiten des Landes: die politische und die praktische. Mehr als drei Jahrzehnte arbeitete der Jurist als Town Manager, City Manager und Stadtrechtsanwalt in Colorado und Arizona. Er vermittelte zwischen Behörden, Bevölkerung und Politik. Nach dem Ende seiner regulären Laufbahn im vergangenen Herbst berät er heute Gemeinden.
Auch Clifton beobachtet mit Sorge, dass die Nationalparks weniger Besuchende anziehen. Allerdings begann diese Entwicklung nicht erst mit den politischen Debatten. Während der Corona-Pandemie brachen die Besucherzahlen um rund die Hälfte ein. Reisebeschränkungen, geschlossene Grenzen und temporär gesperrte Parks legten den Tourismus beinahe lahm. Zwar setzte danach eine Erholung ein, doch die Kurve zeigte nicht steil nach oben.
Gemäss der offiziellen Parkstatistik verzeichnete der Grand Canyon National Park im vergangenen Jahr erneut einen Rückgang. Clifton formuliert es diplomatisch. «Die Gründe waren unter anderem Einschränkungen durch eine längere Teilschliessung der US-Regierung sowie betriebliche Herausforderungen im Park.»
Hinter dieser nüchternen Beschreibung verbergen sich Kürzungen beim Personal, verschobene Unterhaltsarbeiten und eine Verwaltung, die zunehmend unter finanziellem und politischem Druck steht. Davon merken Besucherinnen und Besucher oft wenig.
Jubiläumsjahr mit vielen Attraktionen und noch mehr PS
Was wir in den Gesprächen ebenfalls hören: Die Medien würden zu oft und zu stark über die politische Polarisisierung berichten. Wer vor Ort unterwegs ist, erlebt häufig ein differenzierteres Bild der amerikanischen Gesellschaft. G Clifton und Stoney dienen dazu als beste Beispiele. Die beiden schieben am Ende des Treffens noch einen Werbespot nach: 2026 sei ein aussergewöhnliches Jahr für eine Reise in die USA. «Das Land feiert seinen 250. Geburtstag.»
Aus diesem Anlass finden in allen Bundesstaaten Sonderausstellungen, Festivals, Konzerte und historische Veranstaltungen statt. Museen präsentieren exklusive Ausstellungen, Nationalparks und historische Stätten bieten zusätzliche Führungen an, und Städte erinnern mit besonderen Programmen an die Anfänge der Vereinigten Staaten.
Auch wir besuchen eine grosse Veranstaltung. In Williams dröhnen an diesem Wochenende Motoren, Chrom glänzt in der Sonne und Rock’n’Roll liegt in der Luft: Im Städtchen wird die Route 66 zum lebendigen Museum. Zum 100-Jahr-Jubiläum säumen rund 500 Oldtimer die legendäre «Mother Road», während ihre Besitzer Geschichten aus einer Zeit erzählen, als das Reisen noch Abenteuer bedeutete.
Durch Live-Musik, Food-Stände und den traditionellen Autocorso fühlt sich der Anlass im historischen Ortskern wie eine Zeitreise an – authentisch, entspannt. Es ist genau dieses amerikanische Lebensgefühl, für das das Land – trotz Abgründen – geliebt und geschätzt wird.
Die Reise wurde ermöglicht durch Edelweiss. (schweizheute.ch)
