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A protestor hurls an object as police and demonstrators clash during a protest in Hong Kong, Saturday, Aug. 24, 2019. Hong Kong protesters skirmished with police on Saturday as chaotic scenes returned to the summer-long protests for the first time in more than a week. (AP Photo/Vincent Yu)

Bild: AP

Analyse

Bruce Lee trifft Tinder: So wollen die Demonstranten in Hongkong die Staatsmacht bezwingen

Leonhard Landes / watson.de



Es ist dunkel, die Laternen tauchen die Strassen in ein schummriges Licht. Menschen hetzen über eine Kreuzung, ein Fahrzeug mit einem grossen Scheinwerfer an der Front folgt ihnen. Plötzlich schiesst ein Wasserstrahl aus dem Fahrzeug hervor.

Diese Szene hat sich am Sonntag in Hongkong zugetragen, eine Handykamera hielt sie fest. Bemerkenswert ist sie, weil die Polizei der Metropole an diesem Tag zum ersten Mal seit Beginn der Proteste Wasserwerfer einsetzte.

Hongkong erlebte noch ein weiteres trauriges erstes Mal an diesem Sonntag: Es fiel der erste Schuss eines Polizisten.

Die Spannungen und die Gewalt in Hongkong nehmen wieder zu. Seit elf Wochen gehen Demonstranten gegen die Regierung auf die Strasse. Für viele ist es der zweite Versuch.

Bereits 2014 besetzten Aktivisten in der Finanzmetropole öffentliche Plätze, forderten freie Wahlen und mehr Distanz zu China. Nach rund 80 Tagen räumte die Polizei den letzten Platz, die Revolution war beendet.

Auch die aktuellen Proteste nähern sich die 80-Tage-Marke. Der Wille der Demonstranten aber scheint immer noch ungebrochen. Am Freitag bildeten zehntausende Menschen eine 40 Kilometer lange Menschenkette durch Hongkong. Samstag und Sonntag errichteten Demonstranten Barrikaden, warfen Flaschen, Brandsätze und Steine auf die Polizisten. Die Beamten setzten Tränengas, Schlagstöcke und Wasserwerfer ein.

Wird die Bewegung erfolgreicher sein als ihre Vorgängerin 2014? Welche Erwartungen richten die Demonstranten an Deutschland und die EU? Über diese Fragen hat watson mit zwei Teilnehmern der Proteste gesprochen.

Die Revolution ohne Anführer

Die Demonstrationen begannen am 9. Juni und richteten sich zu Beginn gegen ein Gesetz, das Auslieferungen nach China erlaubt hätte. Hongkong gehört seit der Rückgabe durch Grossbritannien zu China, verwaltet sich aber selbst, zumindest auf dem Papier. Das umstrittene Gesetz wurde eingefroren, die Proteste aber halten an. Die Demonstranten kritisieren den wachsenden Einfluss Chinas auf die Stadt.

Im Gegensatz zu den Demonstrationen 2014, der sogenannten Regenschirm-Revolution, gibt es dieses Mal keine prominenten Führungsfiguren. Es ist eine Revolution ohne Gesicht.

«Alle Hongkonger können an der Debatte der künftigen Strategien teilnehmen», sagt Isaac Cheng, der 19-jährige Vize-Präsident der Gruppierung Demosisto, am Samstag watson in einem Skype-Gespräch.

Die Gruppe hatte Joshua Wong gegründet, der Student war einer der Anführer 2014 und ist wohl auch jetzt der bekannteste Aktivist der Hongkonger Proteste. Aber er ist nicht ihr alleiniger Organisator.

Die Bewegung sei nach 2014 digital geworden, kommentierte die ausserordentliche Professorin Denise Ho von der Yale-Universität im Uni-Magazin «Inside Higher Ed». «Damit haben wir etwas ganz Neues: Auf der einen Seite sind die Demonstranten atomisierter und anonymer, auf der anderen Seite sind sie engagierter und geeinter als je zuvor.»

Wie aber lassen sich lose, anonyme und dezentrale Proteste zusammenhalten?

Die digitale Mobilisierung

Der Messenger-Dienst Telegram sei das wichtigste Mittel zur Kommunikation, bestätigen Demosisto-Aktivist Cheng und ein Sprecher der Gruppe Youngspiration.

Telegram erlaubt es, sich in verschlüsselten Chats abzusprechen. Ausserdem lassen sich Nutzer über einen Namen finden, ohne die Nummer zu kennen. Verschlüsselte Nachrichten werden nur auf den Geräten der jeweiligen Benutzer abgespeichert, nicht in einer Cloud – was mehr Sicherheit verspricht.

Der Sprecher von Youngspiration erklärt die drei Arten, wie Demonstranten Telegram nutzen würden:

Denn bei öffentlichen Gruppen besteht die Gefahr, dass die Polizei mitliest. «Sie sind schon Teil der Gruppen», sagt Cheng. Ein Gegenmittel: In dem Telegram-Kanal Dadfindboy posten Aktivisten Infos zu Polizisten. Sie nennen Namen und veröffentlichen Links zu den Social-Media-Profilen.

Telegram ist die wichtigste, aber nicht die einzige App, die Demonstranten nutzen.

Über AirDrop würden Aktivisten andere Menschen über die Proteste informieren, die nicht auf Telegram unterwegs seien, teilt ein Sprecher von Youngspiration uns auf Telegram mit. AirDrop erlaubt den drahtlosen Austausch von Daten über Bluetooth. Wer die App (nur für Iphone) öffnet, findet Dateien, die andere Nutzer freigegeben haben. So lassen sich Protestplakate massenhaft verteilen und Menschen erreichen, die nicht über die Proteste informiert seien.

Aktivisten nutzten laut Youngspiration auch LIHKG, ein Onlineforum. Hier lassen sich Beiträge wie auf Reddit up- oder downvoten. «Es wird auch wie ein schwarzes Brett benutzt, um auf anstehende Proteste aufmerksam zu machen», schreibt der Youngspiration-Sprecher auf Telegram.

Journalisten berichteten zu Beginn der Proteste auch, dass sich Infos für Aktionen auch auf Apps wie Tinder oder Pokemon Go befänden. Der Reporter Gavin Huang teilte einen solchen Aufruf:

Beide Aktivisten, mit denen watson sprach, konnten aber nicht bestätigen, dass diese Form des Protestaufrufs verbreitet ist.

Ein Motto findet sich in Telegram-Gruppen immer wieder: «Be water, my friend». Sei wie Wasser, mein Freund. Es stammt vom Kampfkünstler Bruce Lee, der 1973 in Hongkong starb.

Bild

Ein Plakat der Protest-Bewegung, das über einen Promo-Kanal auf Telegram verbreitet wird Bild: telegram

Es beschreibt nicht nur die flexible digitale Mobilisierung, sondern kann als Motto für den gesamten Protest stehen.

«Be water, my friend»

Denn die Proteste fallen immer wieder sehr unterschiedlich aus. Am Freitag protestierten die Menschen friedlich mit einer Menschenkette, am Sonntag waren sie vorbereitet auf Gewalt. In Telegram-Channels zirkulierten Samstagnacht Bauanleitungen für Molotow-Cocktails.

Es gebe Diskussion über die Art und Weise zu protestieren, sagt Cheng. Wenn Menschen an einer unrechtmässigen Versammlung teilnehmen, sollten sich nicht abspalten von Gruppen, die auf «radikalere Weise» vorgehen wollten, fordet er. «Die Menschen in Hongkong haben ihre Lehren aus der Regenschirm-Revolution gezogen, sie wissen, wie man unterschiedliche Strategien und Meinungen des Protests respektiert.»

Die Protestgruppen sind vielfältig. Demosisto ist für Protest auf friedliche Weise und wird als eher linke Gruppierung beschrieben. Youngspiration gilt als konservativ. Daneben gibt es noch Hong Kong Indigenous, eine radikale Gruppe, die vor Gewalt nicht zurückschreckt.

Auch für den Sprecher von Youngspiration ist die Vielfalt der Proteste eine Stärke. «Hongkonger sind kreativ und flexibel. Wir können friedliche Kundgebungen mit Millionen von Demonstranten wie am 9. Juni, 16. Juni und 18. August starten, aber wir können auch einen stadtweiten Streik und eine kraftvolle Konfrontation mit der Polizei organisieren.»

Die Frage ist nur: Wie geht es weiter? Zu welchem Ende werden die Proteste kommen?

Die Taktik Chinas und der Regierung

Die Gegner der Proteste setzen auf eine Zermürbungstaktik. Mit Tränengas und Knüppel versuchen sie Streiks martialisch zu beenden. Nach dem Wochenende ist klar, dass die Hongkonger Polizei weiter an der Eskalationsschraube drehen wird.

Sie wollen die Demonstranten einschüchtern – zur Not mit gezückter Waffe und scharfer Munition.

China schickte jüngst Truppen an die Grenze. Über Twitter und Facebook verbreitete Peking Propaganda, bezeichnete die Proteste als extrem gewalttätig und verglich Demonstranten mit IS-Kämpfern. Facebook und Twitter sperrten eine ganze Reihe von Nutzerkonten.

Die Proteste in Hongkong sind auch zu einem Propaganda-Krieg geworden. Und die Demonstranten wissen, wie sie zurückschlagen. Sie erstellen äusserst professionelle Plakate. Jüngst schalteten Aktivisten Anzeigen in mehreren internationalen Medien.

Doch wie werden die Proteste enden?

Die Bewegung hat fünf Bedingungen für ein Ende der Proteste aufgestellt:

Sebastian Vig, Professor für chinesische Geschichte in Paris, hatte in einem Gastbeitrag für den «Guardian» gemahnt: Die führerlose «be water»-Strategie habe der Bewegung gut gedient, könne sich aber als Schwäche bei Verhandlungen mit der Regierung erweisen. «Die Suche nach einer Ausstiegsstrategie ist fast immer der schwierigste Teil der Mobilisierung gegen eine Regierung.»

An Verhandlungen aber glauben beide Aktivisten, mit denen watson sprach, nicht. «Die Regierung ist weder ehrlich, noch hat sie Glaubwürdigkeit», sagt der Sprecher von Youngspiration. Die fünf Forderungen der Bewegung seien klar. Er glaubt, der tote Punkt zwischen Protestbewegung und Regierung könnte überwunden werden, wenn die Demonstranten den nächsten Monat durchhalten.

Die Hoffnung der Aktivisten richtet sich auch aufs Ausland.

«Ich glaube nicht, dass es genügend Unterstützung aus Deutschland gibt. Deutschland behauptet immer, Menschenrechte zu unterstützen. Sie haben uns nicht unterstützt», sagt Isaac Cheng.

Auch der Sprecher von Youngspiration fordert die lautstarke Unterstützung von Deutschland und der EU für die Proteste. Er verlangt auch Sanktionen für die Regierungen in Hongkong und China und Asyl für verfolgte Aktivisten.

Eine seiner Forderungen wurde am Sonntag sehr aktuell. «Stoppt den Verkauf von Waffen und Systemen zur Kontrolle von Menschenmassen an die Hongkonger Polizei.»

Die Wasserwerfer in Hongkong stammen laut einem Bericht der «South China Morning Post» von der deutschen Marke Mercedes-Benz.

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