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Analyse

Warum Benjamin Netanjahu der grosse Verlierer ist

Bild zeigt: Benjamin Netanyahu vor der Flagge Israels im Hintergrund darüber wie Poster abgezogen von einer Wand die Ayatollahs Irans und Donald Trump
Bild: watson/keystone/getty
Analyse

Warum Benjamin Netanjahu der grosse Verlierer ist

Mit dem Abkommen zwischen den USA und dem Iran platzen einmal mehr Israels Träume einer Grossmacht im Nahen Osten.
16.06.2026, 12:5516.06.2026, 12:55

Im Sommer 1982 befahl der damalige israelische Verteidigungsminister Ariel Sharon einen Angriff auf das Flüchtlingslager der Palästinenser in Beirut. Es wurde ein Massaker, in dem mehr als 3000 Menschen getötet wurden, vor allem Frauen und Kinder. Vordergründig wurde dieser Angriff damit gerechtfertigt, den Terrorangriffen der PLO ein Ende zu bereiten. Worum es wirklich ging, schildert Ronen Bergman, ein israelischer Journalist, in seinem Buch «Rise and Kill First»:

«Zusammen mit seinem Stabschef Rafael Eitan hatte er (Sharon) eine geheime Agenda, die weit grandioser war. Er wollte die Panzer der israelischen Armee dazu benützen, den Nahen Osten neu zu organisieren. In seiner Vision würden die Israelis und die mit ihnen verbündeten Phalangisten (die christlichen Milizen) den Libanon erobern, die PLO zerstören und den im Libanon stationierten syrischen Streitkräften schweren Schaden zufügen. Nach der Eroberung Beiruts würde Bashir Gemayel, der Anführer der Phalangisten (ein äusserst brutaler Mann, Anm. d. Verf.), als Präsident eingesetzt und der Libanon in einen treuen Verbündeten verwandelt. Danach würde Gemayel die Palästinenser nach Jordanien vertreiben, wo sie bald in der Mehrheit sein würden und dort ihren eigenen Staat errichten könnten. Das – so Sharons Überlegung – würde den Wunsch nach einem eigenen palästinensischen Staat in Judäa und Samaria – der Westbank – überflüssig machen und diese ein Teil Israels werden lassen.»

Mehr als vier Jahrzehnte später lebt Sharons Traum von einem Grossisrael weiter. Einmal mehr schien dieser Traum zum Greifen nahe zu sein. Das Massaker der Hamas vom 7. Oktober 2023 lieferte die Steilvorlage dazu. Die IDF, die israelische Armee, fügte der Hamas und der Hisbollah schwere Verluste zu. In Syrien wurde ein vom Iran unterstützter Diktator gestürzt. Im Sommer 2025 setzten amerikanische und israelische Kampfjets und Bomber die iranische Luftverteidigung ausser Gefecht. Zu Beginn dieses Jahres demonstrierte die iranische Bevölkerung einmal mehr gegen ihre brutale Regierung.

FILE - In this March 28, 2005, file photo, Israeli Prime Minister Ariel Sharon, left, talks with Vice Premier Shimon Peres during speeches prior to a vote in the Knesset, Israel's Parliament, in  ...
Ariel Sharon (links) und sein Vize Shimon Peres.Bild: AP/AP

Benjamin Netanjahu packte die Gelegenheit beim Schopf. Es gelang ihm, Donald Trump davon zu überzeugen, dass der Sturz der Ayatollahs in Teheran in greifbare Nähe gerückt sei. Er überredete ihn zu einem Angriff mit dem Ziel, den Erzfeind Iran endgültig zu besiegen und das Kräfteverhältnis im Nahen Osten definitiv zu Israels Gunsten neu zu ordnen.

Rund 100 Tage später steht Netanjahu vor einem Scherbenhaufen. Die Ayatollahs, genauer, die Revolutionsgardisten, sind nach wie vor an der Macht – und stärker als zuvor. Trump hingegen ist aus innenpolitischen Gründen gezwungen, einen Deal abzuschliessen, der de facto einem Eingeständnis einer Niederlage gleichkommt.

Damit ist auch Schluss mit der Freundschaft zwischen Netanjahu und Trump. Der US-Präsident beschimpft den israelischen Premierminister öffentlich und lobt dafür die neuen Machthaber in Teheran, die er noch vor kurzem stürzen wollte, als pragmatisch. Mehr noch: Trump hat Netanjahu unmissverständlich klargemacht, dass auch Schluss sei mit der Bombardierung des Libanons. Damit erfüllt er auch eine Bedingung der Iraner, die ihre Verbündeten der Hisbollah so schützen wollen.

Netanjahu hat keine andere Wahl, als sich zu fügen. Michael Oren, der ehemalige israelische Botschafter in Washington, drückt dies im Wall Street Journal wie folgt aus: «Es ist gar keine Frage, was Israel tun kann. Es geht darum, was es tun muss. Es gibt praktisch keinen Spielraum.»

Kein Wunder herrscht in Israel eine Mischung von Katzenjammer und Trotz. Netanjahu will sich zum Abkommen zwischen den USA und dem Iran nicht äussern. «Der Kampf ist noch nicht zu Ende», erklärt er bloss. Und weiter: «Das ist eine Vereinbarung, welche die Vereinigten Staaten abgeschlossen haben, vom Präsidenten der Vereinigten Staaten. Das ist seine Entscheidung. Wir haben unsere eigenen Interessen.»

FILE - Israeli far-right lawmaker Itamar Ben-Gvir gestures after election exit poll results are released at his party's headquarters in Jerusalem on Nov. 2, 2022. (AP Photo/Oren Ziv, File)
Itamar ...
Plädiert für Aufstand gegen Trump: Sicherheitsminister Itamar Ben Gvir.Bild: keystone

Im Umfeld des israelischen Premiers gibt man sich weniger diplomatisch. Die «Washington Post» zitiert Yinon Magal, einen wichtigen Berater Netanjahus, der Trump als «Loser» beschimpft, Vance als «niedriges Leben» und die beiden Verhandler Jared Kushner und Steve Witkoff als «zwei kleine Juden, die von Katar gekauft sind und die ihre Brüder in Israel verraten haben.»

Verteidigungsminister Israel Katz erklärt derweil: «Wir sind gegen einen Rückzug unserer Streitkräfte aus dem Libanon – allen gegenwärtigen und künftigen Druckversuchen zum Trotz.»

Die Rechtsextremen in der Regierung plädieren gar für einen Aufstand gegen Trump. Sicherheitsminister Itamar Ben Gvir erklärt: «Trumps Vereinbarung gilt nicht für uns. Israel ist kein Untertan der Vereinigten Staaten, wir sind ein unabhängiger, souveräner Staat.» Damit lehnt sich Ben Gvir weit aus dem Fenster. Ohne amerikanische Militärhilfe ist Israels Souveränität kaum mehr als ein frommer Wunsch. Und Netanjahu hat sich wohl verzockt. Er muss sich zähneknirschend Trumps Wünschen beugen. Damit steht er in den Augen seiner Landsleute als Schwächling da.

Gayil Tashir, Politologe an der Hebrew University, bringt es in der «Washington Post» auf den Punkt: «Netanjahus Lebensprojekt bricht vor seinen Augen zusammen. Er steht allein in der Arena und kann niemandem dafür die Schuld zuschieben.»

Gaza, Netanjahu
Steht vor einem Trümmerhaufen: Benjamin Netanjahu.Bild: Keystone/watson

Sharons Traum eines Grossisraels ist vor 40 Jahren geplatzt. Heute steht Netanjahu ebenfalls vor einem Scherbenhaufen. Auch er musste erfahren, was unzählige vor ihm zuvor schon erlebten, die sich auf den US-Präsidenten verlassen hatten. «Trump macht stets nur das, was ihm nützt», so Michael Herzog, ebenfalls ein ehemaliger Botschafter in Washington. «Ob dies auch gut für Israel ist, ist ihm egal.»

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Die beliebtesten Kommentare
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WatSohn?
16.06.2026 13:10registriert Juni 2020
Der andere grosse Verlierer heisst Trump. Wieviele seiner Kriegsziele genau hat er erreicht?
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goodbunny
16.06.2026 13:07registriert Februar 2026
Bibi hat noch ein ganz anderes Problem. Im Herbst ist in Israel Wahl, und er kriegt möglicherweise keine neue Mehrheit zustande. Es könnte ihm dann sehr leicht ein Korruptions-Prozess zuhause blühen oder ein vollstreckter Haftbefehl des Internationalen Strafgerichtshof in einem anderen Land. Es steht nicht gut um ihn, das macht ihn wahrscheinlich in den nächsten Wochen nochmal besonders gefährlich.
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Der Micha
16.06.2026 13:44registriert Februar 2021
"Er überredete ihn zu einem Angriff mit dem Ziel, den Erzfeind Iran endgültig zu besiegen und das Kräfteverhältnis im Nahen Osten definitiv zu Israels Gunsten neu zu ordnen."

Das hat ja super geklappt. Stattdessen haben sie nur Chaos angerichtet. Chaos entsteht immer, wenn rechtsextreme Faschisten die Macht an sich reißen.
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