Studie: Wenn das Opfer Mohamed heisst, drücken bei Polizeigewalt viele ein Auge zu
Das belegt eine neue Studie, für die ein Forschungsteam mit Schweizer Beteiligung ein Experiment mit rund 16'000 Personen in Deutschland durchführte.
Die deutsche Bevölkerung beurteile identische Informationen zu Polizeigewalt systematisch anders, wenn Menschen mit Migrationshintergrund betroffen seien, sagte Studien-Mitautor Christoph Steinert von der Universität Zürich der Nachrichtenagentur Keystone-SDA. Er führte die Studie zusammen mit Kristine Eck von der Universität Aalborg in Dänemark durch.
Für die Studie, die am Mittwochabend in der Fachzeitschrift «Science Advances» veröffentlichte wurde, konfrontierten die Forschenden die Teilnehmenden mit einem fiktiven Fall von Polizeigewalt, der für das Opfer im Spital endete. Die Hälfte der Befragten las von einem Opfer namens «Thomas Schneider», die andere Hälfte von einem Opfer mit dem Namen «Mohamed Ahmed».
Beweise ändern Meinung nicht
In drei Stufen erhielten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer Informationen zu einem Einsatz: Zuerst wurde nur die offizielle Darstellung der Polizei geschildert, wonach das Opfer sich der Festnahme widersetzt habe. In einem zweiten Schritt erhielten sie die Information, dass Videomaterial aufgetaucht sei, das eine unverhältnismässige Gewaltanwendung belege. Im dritten Schritt wurde ihnen mitgeteilt, dass eine offizielle Untersuchungskommission ein Fehlverhalten der Polizei festgestellt habe.
Über all diese drei Stufen hinweg beurteilten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer die Polizeigewalt im Durchschnitt als milder und weniger schwerwiegend, wenn das Opfer «Mohamed Ahmed» hiess. Die Studie zeige, dass sich diese verzerrte Wahrnehmung durch Evidenz kaum beeinflussen lasse. «Sogar wenn eine Polizeiaufsichtsbehörde einen Fall als Polizeigewalt deklariert, sind weniger Menschen damit einverstanden, wenn Menschen mit Migrationshintergrund von der Gewalt betroffen sind», so Steinert.
Nicht direkt auf Schweiz übertragbar
Politisch linke Teilnehmende haben laut der Studie zu Beginn eine entgegengesetzte Tendenz gezeigt und das Vorgehen der Polizei bei einem Opfer mit Migrationshintergrund kritischer bewertet. Diese Haltung ist nach Vorlage der Beweise allerdings weitgehend verschwunden.
Direkt auf die Schweiz übertragbar seien die Ergebnisse nicht, sagte Steinert. Die Studie sei ausschliesslich in Deutschland mit einer repräsentativen Stichprobe der deutschen Bevölkerung durchgeführt worden.
Die Ergebnisse hätten besorgniserregende Auswirkungen auf die Rechenschaftspflicht der Polizei, schrieben die Forschenden in der Studie. Wenn ein Teil der Bevölkerung sich weigere, Fehlverhalten anzuerkennen, selbst wenn es durch eine staatliche Untersuchung bestätigt werde, behindere dies die Bemühungen, die Täter zur Verantwortung zu ziehen. (sda)
